6. Januar 1876 – Gerichtsverhandlung
Missionspräsident Stucki wird vom Gerichtspräsidenten des Amtes Signau im Emmental, Herrn Berger, zur Verhandlung vorgeladen. Das Gericht geht auf die unlängst veröffentlichte Broschüre „Ein Wort der Vertheidigung“ ein und erklärt die Schrift als sittenlos; es beschuldigt den Missionspräsidenten, Polygamie gepredigt zu haben. Der Angeschuldigte entgegnet, in der Broschüre sei ausdrücklich vermerkt, dass es ausserhalb von Utah niemandem erlaubt sei, die Mehrehe zu leben. Präsident Stucki erhält dennoch eine ermässigte Strafe von CHF 50.— aufgebrummt, wogegen er beim Berner Obergericht sofort Berufung einlegt.
2. Februar 1876 – Berufung Schweizerischen Bundesgericht
Das Berner Obergericht stützt die vom Richteramt Signau erlassene Strafe. Missionspräsident Stucki legt dagegen Berufung beim Schweizerischen Bundesgericht ein.
März 1876 – Aufschwung in Eggiwil
Die Gemeinde Eggiwil im Emmental nimmt einen bedeutenden Aufschwung, unter anderem mit der Taufe von Christian Bärfuss sen. im März 1876. Nach der Auswanderung des Gemeindepräsidenten Samuel Schenk 1878 wird Christian Bärfuss sen. neuer Präsident der Mormonen-Gemeinde.
Sein Sohn, Christian Bärfuss jun., erinnert sich in seiner Autobiographie, wie die Missionare zu ihnen nach Hause gekommen waren, um der Familie die Wiederherstellung des Evangeliums durch den jungen Propheten Joseph Smith zu verkündigen:
„Ich wusste, dass diese Missionare die Wahrheit sprachen, aber wegen der Verfolgung habe ich mich damals der Kirche nicht angeschlossen. Meine Eltern und viele andere in jenem Ort schlossen sich hingegen der Kirche an.“
Mit 21 Jahren liess sich Christian jun. 1884 taufen. Von da an wirkte der Heilige Geist mächtig auf ihn. Er hatte Visionen von Zion und sah, dass sich ihm ein Weg für die Auswanderung öffnen würde. Schon bald nach seiner Taufe kam Missionspräsident John Q. Cannon zu ihm und sagte: „Ich will dir 200 Franken für die Auswanderung leihen, wenn du den Rest dazugeben kannst.“ Christian berichtet: „Der Herr erweichte das Herz eines Verwandten, der mir das fehlende Geld gab.“
Nach seiner Ankunft im Nordwesten Utahs fand er eine Anstellung auf der Farm von Christian Hirschi. Während der folgenden zwei Jahre arbeitete er hart. Jeden möglichen Dollar sparte er auf, und nach zwei Jahren lieh ihm Bruder Hirschi zusätzlich 200 Dollar. Damit ermöglichte er die Überfahrt seiner Eltern Christian sen. und Maria, und auch die seiner Geschwister. Vater Christian war der Familie Hirschi so dankbar, dass er ihnen zum Zeichen der Dankbarkeit ein Steinhaus erbaute.
Nach 1881 wurde die Gemeinde Eggiwil mit der Gemeinde Langnau im Emmental zusammengelegt.
Vater Christian Bärfuss sen. (1838-1914) aus Eggiwil; er, seine Frau Maria geb. Aeschbacher (1841-1898) sowie die Kinder Christian (1862-1942), Elisabeth (1864-1937), Gottfried (1865-1932), Anna (1873-1969), Friedrich (1876-1966), Rosina (1879-1963) und John (1882-1971) wanderten alle nach Amerika aus.
(Zur Verfügung gestellt von Glenn Ray Barfuss, Tremonton, Utah.)
24. April 1876 – Dorfpolizist in der Abendmalsversammlung
Während einer Abendversammlung im Emmental, in der auch Missionspräsident Stucki zugegen ist, stellt sich plötzlich Dorfpolizist Born von Eggiwil ein und verlangt die Bezahlung der vom Richteramt Signau erlassenen Strafe über CHF 50.—. Präsident Stucki erklärt dem aufgebrachten Polizisten, dass die Angelegenheit vom Schweizerischen Bundesgericht noch nicht erledigt worden sei und einer Entscheidung harre. Wachtmeister Born scheut sich einen Deut darum – schliesslich komme der Befehl vom Regierungsstatthalter – und verlangt die sofortige Bezahlung, oder Präsident Stucki habe nach Langnau mitzukommen. Dieser widersetzt sich der Aufforderung mit dem Vorschlag, er werde ihn am nächsten Morgen früh aufsuchen. Zur Bekräftigung händigt er ihm eine Sicherheit aus, und Polizist Born zieht zufrieden ab.
Inzwischen hat sich vor dem Haus eine Menschenmenge versammelt, denn die Kunde hat schnell die Runde gemacht, der „Born von Eggiwil“ sei zugegen. Möglicherweise von der Menge gehänselt, macht dieser kehrt und verlangt unter fürchterlichem Krach und indem er gegen Präsident Stucki handgreiflich wird, die sofortige Bezahlung der Strafe. Das wiederum lassen sich die dabeistehenden Brüder nicht bieten und innert Kürze ist eine wilde Rauferei im Gange. Bruder Samuel Schenk bekommt den Polizisten schliesslich am Kragen zu fassen und wirft ihn kurzerhand aus dem Haus. Wachtmeister Born aber kommt mit zwei kräftigen Kerlen zurück und will Präsident Stucki mit Gewalt wegschleppen, als sich endlich ein gewisses Fräulein Steller, die kein Mitglied der Kirche ist, dem Frieden zuliebe anerbietet, die CHF 50.— zu bezahlen. Der Polizist zieht mit dem Geld in der Hand von dannen, und nach kurzer Zeit beruhigt sich alles wieder soweit, dass die Versammlung ungestört zu Ende geführt werden kann.
Solcherart Vorfälle sind im 19. Jahrhundert keine Seltenheit. Der oben geschilderte steht stellvertretend für die vielen anderen, da es den Rahmen dieser Chronik sprengen würde, sie alle aufzuführen. Zudem: Die Vorstellung der sich während einer Kirchenversammlung gegenseitig die Köpfe einschlagenden „Berner-Grinde“ trägt recht erheiternde Züge. Die Geschichten von Jeremias Gotthelf lassen grüssen!
3. Juni 1876 – Entscheid Bundesgericht
Der „Stern“ vom November 1876 hält triumphierend fest: „Es freut uns, im Stande zu sein, den Entscheid des Bundesgerichts nach seinem Wortlaute geben zu können, woraus unsere Leser ersehen werden, wie unbegründet und verfassungswidrig das Urtheil des Gerichts erster Instanz war.“
Es folgt die Wiedergabe der bundesgerichtlichen Erwägungen mit dem für die Rekurrenten erfreulichen Entscheid:
„1. Die Beschwerde ist begründet und demnach der Entscheid der Polizeikammer von Bern vom 2. Februar 1876 aufgehoben.
2. Dieses Urtheil ist den Recurrenten sowie der Polizeikammer des Appellationsgerichtes von Bern schriftlich mitzutheilen.
Lausanne, 3. Juni 1876
Im Namen des Schweizerischen Bundesgerichts, der Präsident Jules Roguin.“
Die Kinderzeitschrift „The Friend“ brachte in der März-Ausgabe 1997 eine Zeichnung von Cameron K. Hoffman, dessen Ururururgrossvater Hans Heinrich oder Henry Hoffman (1815-1888) aus Maur, Kanton Zürich, sich im Jahre 1876 mit seiner Frau der Kirche anschloss und noch im selben Jahr nach Utah auswanderte. Als er an seinem Bestimmungsort Sage Creek angelangt war, setzte er sich auf seine Reisetaschen und weinte, weil er an sein schönes, grünes Heimatland zurückdenken musste, das er verlassen hatte, um hier, in einer von Beifuss überwachsenen Gegend, von ganz vorne anfangen zu müssen. Hans Henry Hoffmann war zu jenem Zeitpunkt bereits 61 Jahre alt. So wie ihm erging es unzähligen weiteren Auswanderern.
Kapitel Chronik
Anhang der Chronik
175 Jahrfeier
Historische Plätze
Mount Brigham (1850)
(c) alle Bilder sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht weiterverwendet werden.
175 Jahrfeier
Kapitel Chronik
Anhang der Chronik
Historische Plätze
Mount Brigham (1850)
Tempel Zollikofen (1955)
