Biographie Auszüge und Familiengeschichte von
LORENZO SNOW
einem der Zwölf Apostel der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
Verfasst und zusammengestellt von seiner Schwester
ELIZA R. SNOW SMITH
«Denn ich habe ihn dazu auserwählt, dass er seinen Söhnen und seinem Haus nach ihm aufträgt, den Weg des Herrn einzuhalten und zu tun, was gut und recht ist.» (Genesis 18:19.)
«Wenn ihr dorthin gelangen wollt, wo Gott ist, müsst ihr so sein wie Gott – oder die Prinzipien innehaben, die Gott innehat.” – Joseph Smith
SALT LAKE CITY, UTAH – DESERET NEWS COMPANY, PRINTERS – 1884
Übertragung ins Deutsche: Übersetzungsabteilung der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Frankfurt am Main, Frühjahr 2003.
Anhang der Chronik
Kapitel Chronik
175 Jahrfeier
Historische Plätze
Mount Brigham (1850)
(c) alle Bilder sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht weiterverwendet werden.
KAPITEL XIX
Anmerkungen der Herausgeberin – Der Wirkungsbereich der Mission Lorenzo Snows – Sein Gottvertrauen – Das Wissen, dass er von Gott berufen ist – Lobenswerte Eigenschaften – Wie diese immer stärker werden – Sein Schreiben an F. D. Richards – Seine Beschreibung Genuas – Bewaffnete – Priester – Er trifft einen Bekannten – Ein interessantes Gespräch – So manche Betrachtung – Mitgefühl – In Piemont tut sich eine Tür für das Evangelium auf – Ermutigende Aussichten
Bei näherer Betrachtung möge dem Leser des nachfolgenden Briefes wohl bewusst werden, wie schwierig die Lage war, in der sich Lorenzo damals befand. Er trug das Priestertum Gottes und war von Gott ausgesandt und mit Vollmacht ausgestattet, um Leben dem Leben hinzuzufügen oder Tod dem Tode; auf ihm lastete die Verantwortung für die Seele seiner Mitmenschen – und das in einem Land, in dem die «Mutter der Dirnen» Anspruch erhob auf alles, was «Gott» genannt wurde, wo sie mit eiserner Rute regierte und wo vor nicht allzu langer Zeit die blutige Inquisition Vernichtung und Schrecken in die Quellen und Brunnen des Lebens gesandt hatte. Was für eine gewaltige Aufgabe! Fürwahr eine Lage, in der der Mensch zeigt, aus welchem Holz er geschnitzt ist!
Ohne Herzenslauterkeit, ohne Sendungsbewusstsein, ohne Gottvertrauen und Vertrauen in Gottes Verheissungen, ohne die unerschütterliche Zuversicht, dass Gott helfen kann und dass er gnädig und mächtig ist, könnte niemand eine derart schwierige Lage meistern. Doch Lorenzo wusste, auf wen er vertraute; er wusste, dass das Werk, in dem er tätig war, Gottes Werk ist. Sich der Aufgabe zu entziehen oder den Erfolg der Mission, zu der er berufen war, in Frage zu stellen und zuzulassen, dass seine Kraft erlahmt, hätte für ihn bedeutet, das Vorbild des grossen Erlösers zu verwerfen und sich der grossen und heiligen Berufung, zu der Gott Vater und unser Herr, Jesus Christus, ihn berufen hatten, als unwürdig zu erweisen. Die edlen Eigenschaften, die er bereits in seiner Kindheit an den Tag gelegt hatte, waren damals bereits in ihm herangereift und wurden zudem noch durch den Geist des Allerhöchsten belebt und machtvoll verstärkt. Sie bildeten eine Macht, die ihn belebte und vorwärts trieb und ihn in die Lage versetzte, aus jeder Schwierigkeit einen Ausweg zu finden, sich jedem Widerstand entgegenzustellen und jedes Hindernis zu überwinden.
Genua, am 20. Juli 1850
Mein lieber Franklin,
Nachdem ich mein Missionsgebiet sicher erreicht habe, nehme ich die erste Gelegenheit wahr, Sie über meinen Aufenthaltsort und die Aussichten hier in Kenntnis zu setzen.
Die alte Stadt, in der ich nun wohne, hat etwa einhundertvierzigtausend Einwohner. Sie ist hauptsächlich auf hügeligem Grund erbaut und erstreckt sich bis an den Fuss der Berge und zieht sich mancherorts selbst gegen die Gipfel hoch. Vor mir liegt der hübsche und interessante Blick auf den Hafen von Genua und auf das Mittelmeer, das Scharen von Fischerbooten, Schonern, Kriegsfregatten, Dampfern und Schiffen vieler Nationen auf seinen Wellen trägt.
Die Gebäude der Stadt erstrecken sich zu meiner Rechten und zu meiner Linken. Die Paläste, Kathedralen, Kirchen, Promenaden und alten Bauwerke bilden zusammen einen einzigartigen, prachtvollen Anblick. Vor der Stadt liegt die herrliche Landschaft mit den malerischen Bergen Italiens, und der Himmel über mir ist strahlend blau. Die Augen füllen sich mit Tränen bei dem Versuch, diesen herrlichen Anblick zu beschreiben. Er bringt mir die liebliche, ja, die heilige Gegend des weit entfernten Westens, das Tal des Grossen Salzsees, in Erinnerung, wo sich Ströme der Offenbarung durch unseren geliebten Propheten Brigham Young über die Menschen ergiessen, die sich aus den Nationen gesammelt haben, und wo wir vor neun Monaten in stiller Trauer unseren weinenden Ehefrauen und den kleinen Kindern die Hand zum Abschied gereicht haben.
Diese Stadt ist – wie fast jeder Hafen und jede Stadt, durch die wir nach unserer Abreise aus England gekommen sind – voll Bewaffneter. Nur wenig Geld ist im Umlauf und der Handel stagniert allseits. Das Land ist nicht ausreichend in sich gefestigt, sodass die Reichen sich hier nicht niederlassen. Die arbeitende Klasse leidet seit der Revolution sehr unter der Flaute in Handel und Gewerbe. Die Löhne sind natürlich äusserst niedrig, durchschnittlich nicht mehr als zwanzig Cent für einen Arbeitstag, welcher im Allgemeinen aus 16 Arbeitsstunden besteht.
Viele Sitten, Gesetze und Einrichtungen sind recht ungewöhnlich. Allerorts sind Priester in grosser Zahl zu sehen. In jeder Strasse begegnet man ihnen. Die seltsame Kleidung verrät ihren Stand. Diejenigen, die zu einem bestimmten Orden gehören, sind schwarz gekleidet. Auf ihrem Kopf tragen sie einen dreieckigen Hut. Wieder ein anderer Orden zeigt sowohl im Abendwind als auch in der Mittagssonne sein kahl geschorenes Haupt. Die schlichte Kleidung soll das Gelübde völliger Armut unterstreichen. Ein raues, wollenes Gewand wird von einem Strick, der lose um die Taille gebunden ist und von dem der Rosenkranz und ein kleines Kruzifix herabhängen, zusammengehalten. An den Füssen tragen sie eine Art Sandalen. Im Allgemeinen gehen sie zu zweit, und sie sind ganz anders als die wohlhabenden Geistlichen, die sich ohne Scheu unter die höheren Gesellschaftsschichten mischen.
Vor ein paar Tagen stellte ich auf dem Heimweg von einem Spaziergang die folgenden Überlegungen an: Ich bin allein und ein Fremder in dieser grossen Stadt – achttausend Meilen von meiner lieben Familie entfernt und unter Menschen, deren Verhalten und Absonderlichkeiten mir fremd sind. Ich bin gekommen, um ihren Verstand zu erleuchten und sie in den Grundsätzen der Rechtschaffenheit zu unterweisen. Ich sehe aber keine Möglichkeit, wie ich dies bewerkstelligen könnte. Alle Aussichten sind dunkel.
Während ich dergestalt trübsinnig durch die belebten Strassen ging, erhaschte ich plötzlich seitens eines Vorübergehenden einen Blick des Erkennens und wurde dadurch aus meinen Träumen gerissen und war nicht wenig erfreut, einen Engländer vor mir zu sehen, mit dem ich zuvor flüchtig Bekanntschaft geschlossen hatte. Er begrüsste mich auf das Freundlichste und sagte, er sei bei meiner Wohnung gewesen, habe mich aber leider nicht zu Hause angetroffen. Er bat mich, ihm jene Themen zu nennen, zu denen ich Informationen suche, und er versicherte mir, er werde keine Mühen scheuen, mir diese zu beschaffen. Seiner Meinung nach sei die Gesellschaft so mancher Engländer hier in Genua nicht passend für einen Mann mit religiösen Neigungen, wie ich ihm einer zu sein schien, und er könne mir diese Menschen nicht empfehlen. Er begleitete mich zu meiner Wohnung und wünschte zu erfahren, auf welche Weise diesem Land meiner Meinung nach spiritueller Nutzen zuteil werden könne. Ganz offensichtlich war er überzeugt davon, dass ich Missionar sei, und er wollte schon gegen den Katholizismus ins Felde ziehen. Diesem lobenswerten Unterfangen schien er sich gern zu widmen. Ich erkannte seinen Gemütszustand, blickte ihm fest ins Gesicht und fragte: «Meinen Sie, Herr A., der Herr habe irgendwie seine Hand dabei im Spiel, dass Sie jetzt hier sind?» «Ja», entgegnete er. «Denn als ich die Schreiben erhielt, dass ich hier eine Stellung bekommen könne, die mich in die Lage versetzt, den Lebensunterhalt für meine Familie zu bestreiten, öffnete ich die Briefe und legte sie dem Herrn vor und fragte ihn auf den Knien, was ich tun solle, und der Geist liess mich wissen, dass es weise sei, hierher zu kommen.» Darauf erwiderte ich: «Herr A., ich bin in dieses Land gekommen, um das Gottesreich zu errichten. Der Herr des Himmels sendet mich. Der Heilige Geist sendet mich. Der Präsident der Kirche Jesu Christi sendet mich, und hunderttausend Menschen, Heilige Gottes, beten täglich darum, dass ich Erfolg habe. Ich habe eine Botschaft vom Herrn für Sie. Es ist Ihre Pflicht, sich zum heiligen Priestertum ordinieren zu lassen und mit mir gemeinsam das Evangelium unter diesem Volk aufzurichten.»
Er hörte mit grossem Interesse zu, und sein Gesicht erhellte sich bei dem Gedanken, mit mir in einer so herrlichen Mission verbunden zu sein. Er erkundigte sich sodann: «Sind sie von den Wesleyanern geschickt?» Ich erwiderte: «Ich bin Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.» Alle seine guten Wünsche schienen in dem Mass abzunehmen, wie dieser neue Gedanke in ihm Fuss fasste.
Er sagte, er habe einen unserer Missionare predigen hören, dass die Taufe für die Errettung unentbehrlich sei. «Und was», wollte er wissen, «meinen Sie dazu?» «Derzeit ist sie es», erwiderte ich, «denn Gott hat es so geboten. Wenn er es nicht geböte und den Männern nicht die Vollmacht dazu gäbe, dann wäre dem nicht so.» Ich lieh ihm sodann einige Bücher mit der Bitte, sie gebeterfüllt zu lesen. Er versprach das sehr zögerlich und zog traurig von dannen.
Ich bin nun in einem römisch-katholischen Land. Ich habe seine Einwohner ständig vor Augen. Mir tut das Herz weh, wenn ich ihre Torheiten und ihre Gottlosigkeit, die ungeheure Dunkelheit und den Aberglauben sehe. Ich weine, weil der Tag des Menschensohnes für sie unbemerkt gekommen ist, denn sie sind so wenig bereit, die Stimme aus der Höhe anzunehmen, die da spricht: Der Bräutigam kommt! Geht aus, ihm entgegen!
Sie sind mit dem Gewand der Dunkelheit umhüllt und können, bildlich gesprochen, die linke Hand nicht von der rechten unterscheiden. Ich bitte den himmlischen Vater, barmherzig auf diese Menschen zu blicken. O Herr, lass sie Ziel deines Erbarmens werden, damit sie nicht alle zugrunde gehen. Vergib ihnen ihre Sünden und hilf mir, unter ihnen bekannt zu werden, sodass sie dich erkennen und wissen, dass du mich gesandt hast, dein Reich zu errichten. Sie tun den ganzen Tag lang Schlechtes und machen sich vieler Schändlichkeiten schuldig. Sie haben dir den Rücken zugewandt, obwohl sie vor dem Abbild deines Sohnes niederknien und Heiligtümer zu deiner Ehre schmücken. Die Priester, die Regierenden und das Volk – sie alle sind vom rechten Weg abgeirrt und haben dich, den Herrn, ihren Gott, vergessen. Willst du nicht barmherzig zu ihnen sein? Du weisst, wie herzzerreissend der Abschied von meinem Lieben und den bewährten Gefährten meines Herzens gewesen ist und wie ich deinem Ruf gefolgt bin. Gibt es nicht einige Auserwählte unter diesen Menschen, zu denen ich gesandt worden bin? Führe mich zu ihnen, und deinem Namen möge Ehre sein durch Jesus, deinen Sohn.
Nachdem ich das geschrieben hatte, erhielt ich einen Brief von den Ältesten Stenhouse und Toronto. Ich hatte mir sehnlichst gewünscht, den Stand der Dinge in der Provinz, in die ich sie gesandt hatte, zu erfahren, da ich das sichere Gefühl hatte, dass dort mein Missionsfeld sein würde. Jetzt finde ich mit dankerfülltem Herzen heraus, dass sich in den Tälern Piemonts eine Tür auftut, wo doch alle anderen Teile Italiens unseren Bemühungen verschlossen bleiben. Ich glaube, der Herr hat dort in den Alpen ein Volk verborgen, und die Stimme des Geistes sagt mir, dass ich in jenem Teil dieses finsteren Landes etwas Bedeutsames unternehmen werde.
Grüssen Sie bitte Bruder Coward und Bruder Collins herzlichst von mir. Diese beiden werden mir wegen der Freundlichkeit, die sie Bruder Erastus und mir erwiesen haben, unvergesslich bleiben.
Klugheit und Vorsicht lassen mich darum bitten, dass Sie meine Briefe derzeit nicht an die Öffentlichkeit dringen lassen.
Herzlichst, Ihr Bruder im Evangelium
Lorenzo Snow.
KAPITEL XX
Schreiben an Präsident Brigham Young – Die Waldenser – Etliche Zwischenfälle – Er beruft den Ältesten Stenhouse – Die Kathedrale von San Lorenzo – Er schickt zwei Älteste nach Piemont – Seine Beschreibung des Landes – «Die Stimme Josephs» wird veröffentlicht – Eine wundersame Heilung – Er schickt nach dem Ältesten Woodard – Die Kirche wird errichtet – Gebet – Beamte werden ausgewählt – Der Berg Brigham – Der Fels der Prophezeiung – Das Zeugnis eines Engländers – Von einem Pfarrer eingeladen – Erste Taufe – Die Schwierigkeit, sich zu versammeln – LaTour – Die Anwesenheit der Ältesten wird lediglich toleriert – Er kann sein Haupt erheben und sich trotz aller Schwierigkeiten freuen
Im folgenden Brief an Präsident Young gibt Lorenzo einen detaillierten Bericht davon, wie das Evangelium in den Tälern Piemonts eingeführt worden ist, und eine lebhafte und inspirierende Beschreibung der Zeit, des Ortes und der Umstände, da die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in diesem bigotten und abergläubischen Land errichtet worden ist.
LaTour, Tal von Luzerne
Piemont, Italien, 1. November 1850
Lieber Präsident Young,
Nach meiner Ankunft in Liverpool sandte ich Ihnen gemeinsam mit Bruder Erastus und Bruder Franklin einen Brief, von dem ich hoffe, dass Sie ihn erhalten haben. Bald danach, als ich in tiefer Sorge über den Zustand von Italien nachsann, um durch den Geist zu erfahren, wo ich mit meiner Arbeit beginnen solle, erkannte ich, dass in Sizilien völlige Dunkelheit herrscht und dass feindselige Gesetze dort unsere Bemühungen verhindern würden. In den Städten Italiens schien sich nichts zu öffnen, doch weckte die Geschichte der Waldenser meine Aufmerksamkeit.
Inmitten finsterer und grausamer Zeiten waren sie standhaft gewesen – ähnlich wie ein von den Wellen umspülter Fels in der Brandung. Als Roms Bannfluch die Welt erschütterte und Prinzen entthront wurden, wagten sie es, dem Mandat des Papstes und den Heerscharen der Mächtigen zu trotzen. Mir erschienen sie wie eine Rose in der Wildnis oder wie ein Regenbogen. Ihre Herkunft lässt sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen, doch es gab diese Abweichler von Rom schon Jahrhunderte vor Luther. Ihr Lebensraum wurde durch die heftige Verfolgung, der sie ausgesetzt waren, sehr eingeschränkt.
Einige wenige schmale Täler, an einigen Stellen nur einen Bogenschuss breit, sind ausser den sie umgebenden Bergen alles, was ihnen geblieben ist. Doch schliesslich ist eine Zeit des Friedens angebrochen, und nachdem der Verfolgungssturm über Europa hinweggefegt ist, haben sie von der sardinischen Regierung viele Rechte erhalten. So hat sich – erst kurz vor dieser Missionsberufung – ein Weg aufgetan, und in keinem anderen Teil Italiens herrschen derart vorteilhafte Gesetze.
Eine Flut des Lichts schien sich in meinen Sinn zu ergiessen, als ich über diese Angelegenheit nachsann, und ich bemühte mich, Informationen über diese Menschen zu erlangen. Der Bibliothekar, den ich um Hilfe bat, liess mich wissen, dass er ein Werk der von mir gesuchten Art habe, dass es aber soeben erst ausgeliehen worden sei. Er hatte den Satz kaum beendet, als eine Dame mit eben diesem Buch eintrat. «O», sagte er, «was für ein Zufall. Dieser Herr hier hat gerade nach dem Buch gefragt.» Ich war bald davon überzeugt, dass dieses Volk würdig sei, dass ihm die erste Verkündigung des Evangeliums in Italien zuteil werden solle.
Ich besuchte kurz England und nahm an einigen Konferenzen teil. Nach so vielen Jahren der Abwesenheit wieder in London zu sein war für mich ungewöhnlich aufregend. Die Freude, die ich während meines zweiwöchigen Aufenthaltes dort empfand, war keine geringe Entschädigung für die Sorgen und Schwierigkeiten, die ich damals auf mich genommen hatte, als ich dort zwei Jahre lang das Werk des Herrn vorantrieb, nachdem der Grund von Ihnen und den Ältesten Kimball, Woodruff und G. A. Smith gelegt worden war.
Als ich damals in diese Stadt berufen wurde, fand ich dort dreissig oder vierzig Mitglieder vor. Jetzt sind es dreitausend, obwohl viele ausgewandert sind.
Hier lernte ich den Ältesten Stenhouse kennen, den Präsidenten des Distrikts Southampton. Nachdem ich mich mit Bruder Franklin beraten hatte, fühlte ich durch den Geist, dass mich Ältester Stenhouse auf meiner Mission begleiten solle. Ich kehrte also mit ihm nach Southampton zurück. Er bereitete sich auf die Abreise vor, und wir gingen auch nach Portsmouth und besuchten «unter den Streitkräften der Heiden» auch die Victory – jenes Schiff, in dem Lord Nelson den Tod gefunden hatte. Man zeigte uns mit ausgesuchter Höflichkeit die verschiedenen Abteilungen dieses Ungeheuers der Tiefe und auch die Stelle, an der Nelson fiel, und die Kabine, in der er verschied.
Schliesslich nahte die Stunde, da wir die letzte Wohnung eines Mitglieds verlassen mussten. Als Ältester Stenhouse von seiner Frau und seinen lieben Freunden Abschied nahm, erinnerte mich das sehr an meine eigenen Erlebnisse. Als wir uns nach der Verabschiedung auf den Weg machten, sagte ich: «Würden die Menschen in Italien bloss die herzzerreissenden Opfer kennen, die wir um ihretwillen bringen, sie könnten es nicht übers Herz bringen, uns zu verfolgen.»
Am 15. Juni verliessen wir Southampton und fuhren mit dem Dampfschiff Wonder nach Havre de Grace und von dort sogleich weiter nach Paris. Nachdem unsere Pässe abgezeichnet worden waren, setzten wir unsere Reise durch das schöne Südfrankreich fort. Wir kamen durch Lyon und erreichten nach vier Tagen Marseille. Dort schifften wir uns auf dem klaren blauen Wasser des Mittelmeers in Richtung Antibes, dem letzten französischen Hafen, ein. Dadurch, dass wir dort an Land gingen, entgingen wir einer sechstägigen Quarantäne in der heissen Sonne Genuas. Wir reisten dann weiter nach Nizza, der ersten Stadt in Italien. Hier wurde der Katholizismus offensichtlicher – es gab zahlreiche Geistliche. An den Eckhäusern einer jeden Strasse und an den Fassaden vieler Häuser waren Abbilder der Mutter Gottes mit dem Jesuskind in den Armen zu sehen.
Wir nahmen in Nizza die Postkutsche und reisten an der Mittelmeerküste entlang. Es war der Feiertag Johannes des Täufers. Alle Arbeit ruhte und alles schien zu Ehren dieses grossen Mannes zu feiern. Wir sahen sicherlich einige hundert Geistliche – ein ziemlich bedrückender Anfang.
Am 25. Juni kamen wir in Genua an. Hier riefen wir den Herrn an und dankten ihm und lobten ihn von Herzen für seine Fürsorge. Wir hatten die Reise von fast zwölfhundert Meilen viel schneller als erwartet zurückgelegt. Seit wir England verlassen hatten, hatten wir lediglich drei Nächte in einem Bett geschlafen.
27. Juni. Heute ist der Feiertag des Heiligen Petrus. Wieder ruht alle Arbeit und die Leute feiern. Jesus zufolge haben die Väter die Propheten getötet und die Kinder setzen ihnen Denkmäler und schmücken ihre Grabstätten. Die Väter haben Johannes enthauptet und Petrus gekreuzigt. Diese Woche haben wir Festlichkeit und Jubel ihrem Namen zur Ehre miterlebt. Ein angenehmer Gedanke – Hungertod! – Fesseln! – Gefangenschaft! – Märtyrertod! – und zukünftige Generationen, die uns himmlische Ehren erweisen.
Ich besichtigte die Kathedrale von San Lorenzo – ein Gebäude, dessen Inneres vortrefflicher und reicher geschmückt war als irgendein Haus, das ich je gesehen hatte. Bei unserem Eintritt zog der Hauptaltar sogleich unsere Aufmerksamkeit auf sich. Da gab es reich geschnitzte Kerzenleuchter und Vasen, die mit ihren Gold- und Silberverzierungen funkelten. In ersteren steckten ein bis anderthalb Meter lange Kerzen und in letzteren die entzückendsten Blumengebinde. An jeder Seite dieses Gebäudes gab es sechs Nischen, in denen sich jeweils ein kleiner Altar befand, auf dem wiederum ein Kreuz mit einem Abbild Jesu stand, das von kleineren Kerzen und Blumengebinden umgeben war. Davor gab es Sitzplätze für die Menschen, die zur Andacht hierher kamen. An die Seitenwand einer jeden Nische war in Lebensgrösse das Bild eines Frommen gemalt, in Gottesanbetung versunken. Diese Personen waren in einigen Fällen so dargestellt, als wären sie soeben bei der Heiligen Maria, der Mutter Gottes, vorgelassen worden. Sie war umgeben von Scharen kleiner singender Engel, die mit Hilfe von Adlerflügeln herabgestiegen waren. Andere Gläubige waren inmitten von Rauchschwaden dargestellt, dicht umringt von kleinen Cherubim, die den in Anbetung Versunkenen anhauchten und mit Girlanden beladen waren, die sie ihm ums Haupt legen wollten. Zwei wunderschön geschnitzte, gewundene Säulen aus herrlichem Stein stützten an den Seiten jeder Nische ein Gewölbe, das ebenfalls reich bemalt war. Zwischen je zwei Säulen stand die Statue eines Apostels aus alter Zeit. Der Entwurf und die Darstellung dieser Denkmäler aus vergangener Zeit entlockten uns Bewunderung.
Die Decke des Gebäudes war zur Gänze mit Gemälden bedeckt, die bekannte Begebenheiten aus dem Neuen Testament darstellten. Jedes Bild war von mächtigen vergoldeten Zierleisten eingerahmt. In der Kuppel über dem Hauptaltar war das Pfingstwunder abgebildet. Der Heilige Geist war in der Fülle seiner Macht als herabkommende Taube gemalt, und Feuerzungen in leuchtenden Farben ruhten auf den Jüngern.
Zwei Reihen grosser, massiver Säulen, die vom Boden bis zur Decke reichen, standen vom einen bis zum anderen Ende der Kirche, und links und rechts davon waren die Sitzplätze. Der Mittelgang war für Besucher und diejenigen vorgesehen, die sich dem Altar nähern wollten. Hier sassen wir. Während die uns bedeutungslosen Klänge des Predigers an unser Ohr drangen, waren wir in die Betrachtung der Schönheit und des Reichtums der Kunst versunken – in die Macht der Einigkeit und in die Finsternis des menschlichen Verstandes, deren Denkmäler um uns herum, vor und über uns zu sehen waren.
Am ersten Juli verliessen die Ältesten Stenhouse und Toronto Genua, um meinem Auftrag gemäss die protestantischen Täler von Piemont aufzusuchen. Am dreiundzwanzigsten desselben Monats verliess ich Genua und gelangte über Turin, die Hauptstadt der Sardinischen Staaten, nach LaTour im Tal von Luzerne.
Dieses Tal hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Salzseetal. Piemont liegt am Fusse der Alpen, der höchsten Berge Europas. Diese Kulisse schliesst die ganze Vielfalt einer Welt ein, in der sich Himmel und Erde zu treffen scheinen. Die mächtigen Gipfel sind oft wolkenverhangen, wodurch sich ihre finstere Grösse unserem Blick entzieht. Oder sie sind von Schnee bedeckt, während am Fuss der Berge der Wein und die Feigen reifen. Ein Dichter hat über genau den Ort, an dem wir uns befanden, Folgendes gesagt:
«Der Kulisse Anblick wohl entlohnen mag
die Mühe vieler an einem schweren Tag.Dort jede Art der Natur –
ob Wald, Fels, Fluss oder sinkende Sonne pur –laden alle zur Ruh den Wandersmann,
denn von keines Turmes oder Berges Kamm –weder in sonniger Weite noch in smaragdnen Gründen –
wird er solch Anblick wieder finden.»
Die protestantischen Bewohner werden Vaudois oder Waldenser genannt. Es sind an die einundzwanzigtausend und ausserdem etwa fünftausend Katholiken. Der fruchtbare Boden dieser Täler bringt reichen Ertrag. Doch zwei Drittel der Bodenfläche oder mehr bieten nur Abgründe und Schluchten und felsige Stellen oder sind Nordhänge. Es gibt viel zu viele Einwohner für die Landschaft und den Ertrag des Bodens. Oft sind sie gezwungen, auf ihrem Rücken Erde heranzutragen, um Gärten zwischen den trockenen Felsen anzulegen.
Im Allgemeinen versteht man die französische Sprache, doch wird sie in vielen Teilen sehr unvollkommen und mit einem Gemisch aus Mundart und Italienisch gesprochen. Das Letztere wird von einer beachtlichen Anzahl verstanden, wird jedoch kaum gesprochen. Tatsächlich spricht man hier in den unterschiedlichen Gruppen mindestens fünf verschiedene Dialekte.
Während unserer langwierigen Reise hatte sich Bruder Torontos Gesundheit sehr verschlechtert. Die belebende Wirkung dieses heilsamen Klimas stellte ihn so weit wieder her, dass er den Wunsch hatte, seine Verwandten in Sizilien zu besuchen. Ich hatte das Gefühl, dass das für ihn richtig sei, und so nahm er Anfang August Abschied.
Kurz nachdem ich hier angekommen war, hielt ich es für ratsam, eine Schrift in französischer Sprache herauszugeben. Ich verfasste daher ein Werk mit dem Titel «Die Stimme Josephs», in dem die folgenden Themen behandelt werden: die Visionen Joseph Smiths, die Entdeckung der goldenen Platten mit den ägyptischen Schriftzeichen und Hieroglyphen, deren Übersetzung ins Englische mit Hilfe des Urim und Tummim, die heilige Geschichte des alten Amerikas, die nun von der ersten Zeit nach der Sintflut bis zum Beginn des fünften Jahrhunderts nach christlicher Zeitrechnung klar offenbart worden ist, die Gründung der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, ihre Verfolgung, die Vertreibung aus Missouri und Illinois, der Märtyrertod von Joseph und Hyrum Smith, die Verbannung vieler tausend Heiliger, ihre Reise durch die Wildnis im Westen, ihre derzeitigen Niederlassungen im oberen Kalifornien, die Gründung des Staates Deseret, die Missionsarbeit ihrer Ältesten, ein Abriss ihres Glaubens und ihrer Lehren.
Nach vergeblichen Bemühungen, jemand Passenden zu finden, der dieses Werk übersetzen könne, erachtete ich es als notwendig, diese meine Schrift nach England zu senden, wo sie aufgrund der freundlichen Hilfe des Ältesten Orson Pratt von einem Professor der Pariser Universität übersetzt wurde.
Ich hegte keinen Zweifel, dass der Herr uns zu einem Zweig des Hauses Israel geführt hatte, und ich war überglücklich, viele Einzelheiten zu erkennen, die mich an diejenigen erinnerten, mit denen ich in den Tälern des Westens verbunden gewesen war. Wir bemühten uns, eine Grundlage zu schaffen, die sich später als hilfreich erweisen würde. In aller Stille bereiteten wir den Sinn der Menschen für die Annahme des Evangeliums vor, indem wir freundliche Gefühle im Herzen der Menschen um uns nährten. Dennoch kam es mir äusserst sonderbar vor und beanspruchte meine Geduld nicht wenig, dass wir Wochen und gar Monate in der Mitte interessanter Leute waren, ohne aktiv und öffentlich die grossartigen Grundsätze zu vermitteln, die zu verkündigen ich ausgesandt worden war. Da ich aber fühlte, dass der Geist wollte, dass wir langsam und behutsam vorgingen, fügte ich mich dem Willen des Himmels.
6. September. Heute Morgen wurde meine Aufmerksamkeit auf Joseph Grey, einen dreijährigen Jungen, gelenkt. Er ist das jüngste Kind unseres Hausherrn. Viele Freunde waren gekommen, um das Kind zu sehen, da allem Anschein nach sein Ende nahte. Am Nachmittag ging ich zu ihm. Der Tod schien von seinem kleinen Körper Besitz ergriffen zu haben. Seine ehemals gesunde Gestalt war zu einem Skelett abgemagert, und nur bei genauem Hinsehen liess sich erkennen, dass er noch am Leben war. Als ich über die Besonderheit der Lage nachdachte, in der wir uns befanden, wurde ich mir unserer Stellung völlig bewusst. Bevor ich zu Bett ging, rief ich den Herrn einige Stunden lang an und bat ihn, uns jetzt zu helfen. Meine damaligen Empfindungen werden mir wohl unvergesslich bleiben.
7. September. Heute Morgen schlug ich dem Ältesten Stenhouse vor, dass wir fasten und uns zum Gebet in die Berge zurückziehen sollten. Bevor wir gingen, sahen wir nach dem Kinde. Seine Augen waren nach oben verdreht, die Augenlider geschlossen, Gesicht und Ohren waren dünn und trugen die blasse marmorne Farbe, die den nahen Tod ankündigt. Sein Körper war von kaltem Todesschweiss bedeckt und seine Lebenskraft war nahezu erschöpft. Während Madame Grey und die anderen Frauen schluchzten, liess Monsieur Grey den Kopf hängen und flüsterte uns zu: «Il meurt! Il meurt!» (Er stirbt! Er stirbt!)
Nachdem wir in den Bergen kurz gerastet hatten, riefen wir, fernab jeder möglichen Störung, den Herrn in feierlichem, ernsthaften Gebet an und baten ihn, das Leben dieses Kindes zu verschonen. Als ich über den Kurs, den wir verfolgen, und die Behauptungen, mit denen wir bald an die Welt herantreten wollten, nachdachte, betrachtete ich den derzeitigen Umstand als äusserst bedeutsam. Ich kenne kein Opfer, das zu bringen mir möglich wäre, das ich dem Herrn nicht darbringen würde, damit er unsere Bitte erfüllt.
Gegen drei Uhr nachmittags kehrten wir zurück. Wir hatten etwas Öl geweiht, und ich salbte meine Hand und legte sie dem Kind auf das Haupt, während wir leise die Wünsche unseres Herzens zu seiner Wiederherstellung darbrachten. Ein paar Stunde später fragten wir nach. Sein Vater sagte mit einem dankbaren Lächeln: «Mieux beaucoup! Beaucoup!» (Viel, viel besser!)
8. September. Dem Kind ist es in der vergangenen Nacht so viel besser gegangen, dass die Eltern schlafen konnten, was sie zuvor nicht hatten tun können. Heute konnten sie ihn allein lassen und ihren häuslichen Arbeiten nachgehen. Als ich darum bat, ihn sehen zu können, brachte Madame Grey ihre Freude über seine Genesung zum Ausdruck, worauf ich bemerkte: «Il Dio di cielo ha fatto questo per voi.» (Der Gott des Himmels hat das für Sie getan.)
Weil die Umstände so vielversprechend waren, wie wir sie nur erwarten konnten, hielt ich es für weise, nach dem Ältesten Jabez Woodard aus London zu schicken, den ich dort kennen gelernt hatte. Durch die Bemühungen des Ältesten Margett, des Präsidenten des Distrikts London, und durch die Freigebigkeit der Heiligen war es ihm möglich, sich uns am 18. September anzuschliessen. Am folgenden Tag, elf Monate nachdem die Auslandsmission die Stadt am Grossen Salzsee verlassen hatte, schlug ich vor, dass wir unseren Dienst in der Öffentlichkeit beginnen.
Es war allgemein bekannt, dass wir gekommen waren, um eine Kirche zu errichten. Viele sahen dies als unmöglich an. Aber wir fanden nun, dass das Material auf wunderbare Weise aus vier verschiedenen Nationen bereitgestellt worden war, nämlich aus England, Schottland, Italien und Amerika. Mit einem Mitglied aus jedem dieser Länder gingen wir daran, die Kirche zu organisieren. Wir stiegen nicht weit entfernt von LaTour auf einen sehr hohen Berg. Nachdem wir uns auf einem Felsvorsprung niedergelassen hatten, sangen wir dem Gott des Himmels Loblieder und sprachen das folgende Gebet:
Wir, Deine Diener, Heiliger Vater, kommen auf diesem Berg zusammen und bitten Dich, auf uns herabzublicken und unsere Bitte so zu berücksichtigen, wie ein Freund den besonderen Wunsch eines anderen berücksichtigt. Vergib uns all unsere Sünden und Übertretungen und gedenke ihrer nicht mehr.
Sieh, o Herr, unsere vielen Opfer an, da wir Frauen und Kinder und unser Land verlassen haben, um Deiner Stimme zu gehorchen und diesen Menschen die Errettung zu bringen. Dank sei Dir, der Du uns vor Vernichtung durch kalte Winterstürme und vor den feindlichen Wilden in der Wüste Amerikas bewahrt hast und der Du uns durch den Heiligen Geist in diese Täler Piemonts geführt hast. Du hast uns gezeigt, dass Du hier einen Teil vom Haus Israel verborgen hast.
In Deinem Namen hissen wir vor den Augen dieser Menschen und dieser Nation das Banner Deines Propheten und des Patriarchen, nämlich des Joseph und Hyrum Smiths, die den Märtyrertod erlitten haben – das Banner der Fülle des Evangeliums, das Banner Deines Reiches, das erneut unter den Menschen errichtet werden soll. O Herr, Gott unserer Väter, schütze dieses Banner! Verleih uns Deinen allmächtigen Beistand, damit wir es vor den Augen dieser dunklen und unwissenden Nationen zu bewahren vermögen. Möge es von nun an siegreich wehen, bis ganz Israel die Fülle Deines Evangeliums gehört und angenommen hat und aus der Knechtschaft befreit worden ist. Mögen ihre Fesseln zerrissen werden und die Schuppen der Finsternis ihnen von den Augen fallen.
Möge durch das Aufrichten dieses Banners eine Stimme unter den Menschen dieser Berge und Täler und über das ganze Land hin erschallen. Möge sie erschallen und Deinen Erwählten wie die Stimme des Herrn sein, sodass der Heilige Geist über sie kommen und ihnen in Träumen und Visionen über die Stunde ihrer Erlösung Kenntnis bringen mag. Und wenn sich der Bericht über uns, Deine Diener, verbreitet, möge dies unter den Aufrichtigen eifriges Verlangen wecken, sodass sie über Dein Werk lernen und schnell nach dem Pfad der Erkenntnis suchen.
Möge mit Ehre in dieser Welt und mit ewigem Leben in der zukünftigen Welt gekrönt werden, wer auch immer unter diesem Volk seinen Einfluss, seinen Reichtum oder seine Gelehrsamkeit dazu einsetzt, dass Dein Evangelium unter diesen Nationen Fuss fasst. Möge der, der seinen Einfluss oder seine Macht geltend macht, um die Errichtung Deines Evangeliums in diesem Land zu behindern, auf überraschende Weise vor den Augen all dieser Nationen zu einem Denkmal der Schwäche, der Torheit, der Schmach und der Schande werden.
Lass nicht zu, dass wir in Erfüllung unserer Mission von unseren Feinden, zu denen wir gesandt worden sind, überwunden werden. Lass Boten bereitstehen und aus dem Himmel herabkommen, die uns in unserer Schwäche beistehen und die Führung dieses Werkes übernehmen, damit es zu einem herrlichen Ende gebracht werde.
Gedenke unserer Familien. Bewahre unser Leben und unser Herz vor allem Übel, sodass wir, wenn unsere Mission beendet ist, sicher in den Schoss unserer Familie zurückkehren können. Segne den Ältesten Toronto in Sizilien und gib ihm Einfluss und Macht, viele aus seines Vaters Haus und Verwandtschaft zur Errettung zu führen. Segne Präsident Young und seinen Rat, das Kollegium der Zwölf Apostel und Deine Heiligen auf der ganzen Welt. Dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist sei Lob, Ehre und Preis von jetzt an und für immer. Amen.
Weitere Tagesordnungspunkte entnehme ich dem Tagebuch der Mission:
Eingebracht von Ältestem Snow: Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage möge in Italien gegründet werden. Vorgeschlagen und angenommen.
Eingebracht von Ältestem Stenhouse: Ältester Lorenzo Snow vom Kollegium der Zwölf Apostel möge als Präsident der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Italien bestätigt werden. Vorgeschlagen und angenommen.
Eingebracht von Ältestem Snow: Ältester Stenhouse möge als Sekretär der Kirche in Italien bestätigt werden. Vorgeschlagen und angenommen.
Die Kirche besteht derzeit in diesem Land aus Lorenzo Snow vom Kollegium der Zwölf Apostel, Joseph Toronto vom Kollegium der Siebziger sowie den Ältesten T. B. H. Stenhouse und Jabez Woodard.
Wir sangen sodann «Preiset den Mann, der einst sprach mit Jehova», wonach Ältester Stenhouse ein Gebet sprach, worin er den Herrn bat, unsere Frauen und Familien zu segnen und zu bewahren und auch alle die, die ihnen während unserer Abwesenheit beistehen.
Ältester Woodard erflehte sodann, dass der Geist Gottes über die Geistlichen und alle anderen, die in diesen Ländern aufrichtigen Herzens sind, ausgegossen werde.
Sodann rief Ältester Snow den Gott unserer Väter in machtvollem Gebet an, dass er die Tagesordnungspunkte segne und heilige und unseren zukünftigen Bemühungen Erfolg verleihe.
Und da Gottes Geist auf uns ruhte, empfanden wir, dass es gut sei, dass wir hier sind. Nachdem wir ein Zionslied gesungen hatten, prophezeite Ältester Snow und sagte, die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, die nun aufgerichtet ist, werde wachsen und sich mehren und weiterhin in Italien bestehen, bis der Teil Israels, der in diesen Ländern wohnt, die Fülle des Evangeliums gehört und angenommen hat.
Ältester Stenhouse prophezeite und sagte, von diesem Zeitpunkt an werde das Werk seinen Anfang nehmen und nichts werde seinen Fortschritt aufhalten, und bevor wir nach Hause gerufen werden, werden sich viele freuen und Zeugnis von den Grundsätzen des Evangeliums geben.
Ältester Woodard prophezeite und sagte, der Widerstand, der der Kirche entgegengebracht werden mag, wird die Kirche auf sichtbare und einzigartige Weise fördern, und Gottes Werk wird schliesslich aus diesem Land auch zu anderen Nationen der Erde gelangen.
Nachdem wir gesungen und gebetet und prophezeit hatten, legte Ältester Snow dem Ältesten Stenhouse die Hände auf und wurde unter dem Wirken des Geistes angeleitet, seine Seele durch das, was das Gottesreich betrifft, zu trösten und aufzurichten. Dann legte er dem Ältesten Woodard die Hände auf und betete, dass dieser die Macht haben werde, wie Aaron zu handeln und mit der Macht Gottes zu den Menschen zu sprechen.
Nachdem wir nun erledigt hatten, um dessentwillen wir zusammengekommen waren, widerstrebte es uns, den Platz zu verlassen, an dem wir uns so sehr an der Güte des Herrn erfreut hatten. Bewegt von diesen Geschehnissen, der Fruchtbarkeit der Berge, der reichen Vielfalt um uns herum und der beeindruckenden Macht der Berge hinter uns, schlug Ältester Snow vor, dass dieser Berg unter dem Gottesvolk von nun an und für immer als BERG BRIGHAM bekannt sein solle und der Fels, auf dem wir standen, als FELS DER PROPHEZEIUNG.
Wir stiegen den Berg hinab und erreichten LaTour gegen sechs Uhr am Abend. Als Zeichen für alle, die uns vielleicht zu besuchen wünschten, nagelten wir ein Porträt von Joseph und Hyrum Smith an die Wand meines Zimmers. Von diesem Tag an ergaben sich Gelegenheiten, sodass wir unsere Botschaft verkünden konnten.
Hier wohnt ein Engländer, ein pensionierter englischer Oberst, dessen Name eine fast magische Wirkung auf die Protestanten hat. Er hat die Schulen und weitere wohltätige Einrichtungen finanziell unterstützt. Ihre Empfehlung als Gouverneur von Utah verschaffte mir bei ihm Zutritt, der mir bereitwillig und gern gewährt wurde, was zu mehreren interessanten Gesprächen führte. Bei einer Gelegenheit sagte er beim Hinausgehen: «Von meiner Seite haben Sie keinen Widerstand zu befürchten. Wenn Sie allen in diesen Tälern das Evangelium so glaubenstreu predigen wie mir, brauchen Sie am Tag des Gerichts keinen Tadel zu fürchten.»
Die evangelischen Kirchengebäude werden hier als Tempel bezeichnet. Das erste, das erbaut wurde, war das von San Lorenzo. Es ist schon lange zerfallen, doch ist eine katholische Kapelle an seiner Stelle errichtet worden, die nun diesen Namen trägt. Eines Tages wurden wir in den Wohnsitz des amtierenden Geistlichen eingeladen. Unser Gastgeber erwies uns jede Aufmerksamkeit, und man servierte uns ein Abendessen, das alles, was wir bisher in Italien genossen hatten, übertraf. Als wir seine Kirche besichtigten, nahmen wir die Gelegenheit wahr und legten ihm die Wahrheit des Evangeliums dar. Er hörte sehr aufmerksam zu und stellte viele interessante Fragen hinsichtlich neuzeitlicher Offenbarung. Obwohl wir vorgehabt hatten, in unsere Wohnung zurückzukehren, bestand er so eindringlich darauf, dass wir über Nacht blieben, dass wir einwilligten. Er schenkte mir eine italienische Grammatik mit seinem Autogramm. Nach einem zeitigen Frühstück am Morgen begleitete er uns einige Meilen unseres Weges.
Unter den Protestanten ist es üblich, Andachten in Privathaushalten abzuhalten. Diese heissen «Treffen». Wir besuchen diese Treffen, und manchmal dürfen wir über unsere Grundsätze sprechen. Das erregte einiges Aufsehen unter den Amtierenden, und bald danach erhielten wir eine Einladung zu einem öffentlichen Treffen, wo wir Fragen in Zusammenhang mit unserer Mission beantworten sollten. Wir kamen dem nach und fanden dort einige der gebildetsten Geistlichen vor, die offensichtlich die Absicht hatten, unsere Bemühungen zunichte zu machen. Nachdem wir jedoch drei Stunden lang gepredigt und diskutiert hatten, ging mindestens ein Mann mit der Überzeugung hinweg, dass wir Diener des Herrn seien. Am 27. Oktober sagte dieser Mann, er wolle sich taufen lassen.
In allen Ländern ist die Einführung der Grundsätze der Wahrheit mehr oder weniger mit Mühe und Schwierigkeiten verbunden. Ein gut Teil davon war auch unser Los. Daher stieg ich mit nicht geringer Zufriedenheit zum Fluss hinab, um die heilige Handlung zu vollziehen. Eigentümlich waren meine Gefühle in der Tat, als ich so über Vergangenes und Gegenwärtiges nachsann und versuchte, Licht in das dunkle Labyrinth zukünftiger Zeiten zu bringen. Ich freute mich, dass der Herr unsere Bemühungen so weit gesegnet und es uns ermöglicht hatte, im dunklen und unwissenden Italien die Tür zum Gottesreich aufzustossen. Meine Brüder standen am Flussufer – die einzigen Menschen, die Zeugen dieser interessanten Szene waren. Wir hatten lange auf solch ein Ereignis gewartet. Als ich nun die heilige Handlung vollzog und eine Tür öffnete, die nicht mehr geschlossen werden kann, klang uns der weiche Ton der italienischen Sprache besonders süss.
Verleumderische Geschichten über die Heiligen sind bereits in Umlauf gesetzt worden. Die Liste von Lügen, die wir hier gedruckt gesehen haben, lässt die Erinnerung an so manchen niederträchtigen Verleumder in anderen Ländern verblassen. Von der Entstehung der Kirche bis zum Tode Joseph Smiths – alle grundlegenden Tatsachen sind zu den widerlichsten Falschdarstellungen verdreht worden. Aber das ist nur ein kleiner Teil unserer Schwierigkeiten. Wir müssen einerseits Menschen predigen, die sich Protestanten nennen, die aber seit geraumer Zeit in einer Kirche sind, in der ein organisiertes Abweichen vom Glauben unbekannt ist. Die Leute betrachten jegliche Neuerung als einen Versuch, sie vom Banner der Märtyrer, die ihre Vorväter sind, fortzuziehen. Auf der anderen Seite haben wir die Katholiken mit ihrem stolzen Anspruch auf das Priestertum, das von den Aposteln auf sie herabgekommen sei.
Unsere Anwesenheit in diesem Land wird lediglich toleriert und ist kein verbrieftes Recht, das sich auf bestehende Gesetze gründet. Die Freiheit ist bisher nicht mehr als eine Knospe, und ein Dichter sagt: «Die Knospe kann bitter schmecken.» Aber obwohl wir von Schwierigkeiten umgeben sind, die sich höher auftürmen als die schneebedeckten Alpen, kann ich mein Haupt als Diener Gottes erheben und mich an der Erwartung des endgültigen Sieges freuen. Unser Weg ist oft dunkel und schwierig. Aber ich glaube: Ganz gleich, wie langsam es eine Zeit lang auch vorangehen mag, schliesslich wird doch alles von völligem Erfolg gekrönt werden. Pfaffentum, Unwissenheit und Aberglaube bilden gegen unsere Bemühungen eine dreifache Barriere. Seltsame Sitten, Gesetze und Sprachen umgeben uns an allen Seiten. In einem Satz – wir spüren, dass wir in Italien sind, dem verunreinigten Brunnen, der die ganze Erde mit seinem schmutzigen Wasser überflutet.
LaTour ist die wichtigste Stadt in den protestantischen Tälern. Hier gibt es ein katholisches Gotteshaus mit einer Vielzahl amtierender Geistlicher. Es gibt auch eine protestantische Hochschule mit mehreren Professoren und etwa siebzig Studenten. Sie bauen derzeit auch gerade ein Gotteshaus – hauptsächlich mithilfe von englischen Spenden.
Hiermit gebe ich Ihnen einen Bericht über meine Reisen und Arbeiten und schliesse mit lieben Grüssen an Sie und Ihre Familie, an die Ältesten Kimball und Richards und an alle Heiligen.
Lieber Präsident Young, ich verbleibe mit herzlichsten Grüssen Ihr
Lorenzo Snow.
Präsident Brigham Young
Great Salt Lake City, Kalifornien
KAPITEL XXIII
Erläuterungen – Lorenzos Schreiben an Ältesten Hyde. – Die herrliche Landschaft – Geistige Finsternis – Ein mutiger Geistlicher – Inschrift auf seinem Porträt – Ein Kirchenlied – Mühevolle Arbeit – Dankbarkeit – Ein Traum – Erster einheimischer Prediger ordiniert – Ordiniert Ältesten Woodard und Ältesten Stenhouse zum Hohen Priestertum – Ersterer soll in Italien präsidieren, Letzterer in der Schweiz – Ein herrlicher Ausblick – Überlegungen
Aus dem folgenden Brief geht hervor, dass sich Bruder Lorenzo auf dem Weg nach England befindet. Er hatte dem Ältesten Woodard die Verantwortung für die Arbeit in Italien übertragen, und zwar deshalb, weil er selbst die Übersetzung und den Druck des Buches Mormon in italienischer Sprache überwachen musste. Während dieser überaus wichtigen Arbeit reiste er jedoch, wann immer er dem Übersetzungszimmer und der Druckerpresse ohne Bedenken fern bleiben konnte, zu den Gemeinden, nahm an Konferenzen teil und besuchte die Heiligen in England, Schottland, Irland und Wales. Aus diesem Grund ist sein Briefwechsel später mit dem Absender aus Italien oder der Schweiz versehen.
Turin, Italien, 25. Januar 1851
Lieber Präsident Hyde,
Nach einem siebenmonatigen Aufenthalt in Italien stehe ich kurz davor, für eine Weile Abschied zu nehmen. Würde die Schönheit der Natur meine ganze Aufmerksamkeit beanspruchen, so könnte ich lange verweilen und den Liebreiz der Landschaft betrachten. Man muss weit über die Erde reisen, bevor man eine hübschere Gegend findet. Hier lebt man unter einem fast wolkenlosen Himmel. Im Sommer wie im Winter verbirgt die Sonne kaum einmal ihr Gesicht. Und wenn dann abends ihre goldene Pracht hinter den westlichen Hügeln verblasst, verbreiten die silbernen Sterne einen hellen Schimmer über dem blauen Gewölbe der Unendlichkeit. Doch die Erinnerung an das Sittenbild, in dem ich mich bewege, hat sich meinem Geist unauslöschlicher eingeprägt als der strahlende Himmel oder das blumenbesäte Grün der Ebene. Inmitten der Schönheit der Natur fand ich die Seele des Menschen wild wie die Wildnis. Vom Königspalast bis hin zur entlegensten Hütte in den Bergen ist alles in geistige Finsternis gehüllt. Die Anhänger des Papstes und die Protestanten betrachten einander so, als sei der jeweils andere von der Hoffnung auf die Ewigkeit ausgestossen und man selbst sei vom Himmel begünstigt. Und so geht das schon seit Urzeiten.
Das ständig wechselnde und kurzlebige Sektierertum in England und Amerika ist in mancher Hinsicht so ganz anders als der hartnäckige Aberglaube in diesem Land. Hier ist der Protestantismus nicht die Folge eines Anspruchs auf neuzeitliche Offenbarung, sondern er ist – ebenso wie Rom – schon lange im Abfall begriffen. Jeder hat seinen Glauben, und der wird seit tausend Jahren vom Vater auf den Sohn weitergegeben – sei er nun Protestant oder Katholik. Und oft legt man die Hand aufs Herz und schwört beim Glauben seiner Väter, dass man so leben und sterben werde wie sie.
Die Protestanten bilden eine sehr kleine Minderheit. Jahrhundertelang sind sie durch grausame Angriffe mächtiger Armeen der Katholiken aufgerieben worden. Aber nach jeder blutigen Verfolgungen leben sie wieder auf wie das Korn und wachsen wie der Wein. Einmal wurden die letzten Überlebenden in die Schweiz vertrieben. Ein mutiger Pfarrer machte sich jedoch zu ihrem Führer und brachte sie wieder siegreich zurück in die heimischen Täler. Das Porträt dieses Helden trägt die folgende Inschrift:
Ich predige und kämpfe. Ich habe einen zweifachen Auftrag, und diese beiden Kämpfe beherrschen meine Seele. Zion muss jetzt wieder aufgebaut werden, und dazu ist das Schwert genauso notwendig wie die Maurerkelle.
Die englische Regierung hat sich einige Male zu ihren Gunsten eingeschaltet. Grosszügige Spenden sind ihnen von etlichen protestantischen Ländern übersandt worden. Bewunderung und Ehre wurden ihnen von fähigen Männern der führenden protestantischen Sekten erwiesen, sodass ihre Kirche schliesslich durch Schmeicheleien in unermessliche Selbstüberschätzung verfiel.
Das folgende Kirchenlied beschreibt die Gefühle, die diese romantische Situation weckt:
Für der Berge Kraft wir preisen
dich, unsrer Väter Gott,
du machst deine Kinder mächtig
in des stolzen Gebirges Hort.
Du hast Israel geführet,
gabst ihm der Freiheit Pfand.
Für der Berge Kraft wir preisen
dich, Gott, in jedem Land.Von der Hand des Unterdrückers
litten wir und trugen schwer,
du warst unsre Macht in Schwäche,
deine Kraft macht uns stark, o Herr.
Von der Feinde Schar ertrugen
wir oftmals Not und Spott.
Für der Berge Kraft wir danken
dir, Herr, der Väter Gott.Herr, du schafftest Ruh und Frieden,
wo der Berge Bollwerk steht,
als Beschützer der Erwählten,
die du brachtest von Ost und West.
Für die Felsen und die Wasser,
für des Tales fruchtbar Feld,
für der Berge Kraft wir preisen
dich, Gott und Herr der Welt.Herr, dein Licht soll weithin leuchten,
wir bewahren seinen Schein.
Wir sind Diener am Altare,
unser Leben wir, Herr, dir weihn.
Durch den Fels der Offenbarung
schenkst du Mut in aller Not.
Für der Berge Kraft wir danken
dir, Herr und Zions Gott.
(Gesangbuch, Nr. 21)
Ihre Überheblichkeit, verbunden mit grosser Unwissenheit, stellt für den Fortschritt des Evangeliums ein immenses Hindernis dar. Sie haben so wenig Umgang mit anderen Teilen der Erde – so wenig Kenntnis von irgendetwas ausserhalb ihres ländlichen Lebens, dass es ihnen schwer fällt, über die grossen Grundsätze zeitlicher und ewiger Erlösung nachzudenken.
Unaufhörliche, schwere Arbeit ist das Los beider Geschlechter. Die in Ehren ergraute Frau ist schwer beladen mit Holz oder Körben voller Mist und geht die gewundenen Bergpfade entlang. Es gibt keine Mühsal, die nicht auch vom zarten Frauengeschlecht mitgetragen werden muss. Ich bin weit durch die Welt gereist – vom heissen Klima bis in den ewigen Schnee –, doch nie zuvor habe ich ein Volk mit so vielen körperlichen und geistigen Gebrechen gesehen. Doch die Stunde ihrer Befreiung ist nahe.
Die Verfassung dieses Königreiches gewährt keinerlei Garantie dafür, dass wir jemals die gleichen religiösen Rechte geniessen werden wie unsere Brüder in England und in anderen Ländern.
Die gütige Hand der Vorsehung hat uns bisher davor bewahrt, uns im Netzwerk des Gesetzes zu verstricken. Ein Buchhändler hat mir neulich erzählt, es sei ihm nicht erlaubt, eine Bibel zu verkaufen. Kein Werk wird zur Veröffentlichung freigegeben, das die Grundsätze des Katholizismus angreift. Mit Staunen betrachte ich den Weg, auf dem der Herr mich seit meiner Ankunft in diesem Land geführt hat. Vom ersten Tag, da ich italienischen Boden betrat, war da eine Kette von Umständen, die nicht dem Zufall entsprungen ist, sondern der weisen Vorkehrung dessen, der in den Königreichen der Menschen regiert. Ich danke dem himmlischen Vater, dass ich von jeglichem Versuch, das grosse Werk, das mir anvertraut ist, zu überstürzen, zurückgehalten worden bin. Die argwöhnische Politik Italiens ist durch unser verhältnismässig stilles Wirken eingelullt worden bis zur Untätigkeit. Gleichzeitig ist kein Grundsatz aufs Spiel gesetzt worden, sind keine Zugeständnisse gemacht worden. Wir sind aber Tag für Tag damit befasst, neue Bekanntschaften zu schliessen oder alte Vorurteile abzubauen.
Ein solcherart gemässigtes Vorgehen war mir als Mann nicht angenehm. Aber ich freue mich auf den Tag, an dem die Tragfähigkeit und Herrlichkeit unseres Bauwerks ein reicher Lohn für diese Monate voller Arbeit sein wird – einer Arbeit, die für jemanden, der sein Augenmerk lediglich auf den äusseren, momentanen Anschein richtet, nicht weiter aussergewöhnlich gewesen ist.
An dieser Stelle darf ich von einem Traum berichten, der, obwohl an sich einfach, unter unseren besonderen Umständen Anlass zum Nachdenken gab. Ich kam in Begleitung einiger Freunde eine schöne, grüne Anhöhe herab und gelangte ans Ufer eines grossen Gewässers. Hier lagen zwei kleine Boote. Ich bestieg eines davon, und meine Freunde folgten mir im anderen. Wir bewegten uns langsam durch die weitläufige Bucht – ohne Wind oder irgendeine Anstrengung unsererseits. Da wir fischen wollten, freuten wir uns, überall um uns herum grosse und schöne Fische an der Wasseroberfläche zu sehen. Wir sahen viele Menschen, die ihre Netze und Angeln auswarfen. Aber sie standen alle auf der Stelle, wohingegen wir uns ununterbrochen fortbewegten. Als wir an einem von ihnen vorüberfuhren, entdeckte ich, dass ich einen Fisch am Haken hatte, und ich dachte, dass es vielleicht die Gefühle des anderen Mannes verletzten könne, da ich ihn nun einmal vor seinen Händen gefangen hatte. Nichtsdestoweniger fuhren wir weiter und kamen an den Strand. Ich holte meine Angel ein und war ein wenig überrascht und gekränkt, dass meine Beute so klein ausfiel. Ich fand es sehr eigenartig, dass ich aus der Vielzahl so prächtiger und vortrefflicher Fische einen so kleinen gefangen haben sollte. Doch all meine Enttäuschung verflog, als ich entdeckte, dass seine Qualitäten ganz aussergewöhnlicher Art waren.
Wir waren zwar von vielen Menschen vornehmer Herkunft und beachtlicher Intelligenz umgeben, und für einige schien die Aussicht auf ein geistliches Wirken zu bestehen. Doch der Herr urteilt nicht, wie Menschen urteilen. Der erste Einheimische in diesen Tälern, den ich dazu ordinierte, das Evangelium zu predigen, war jemand, der keinen grossen Einfluss hatte und sich keiner grossartigen Fähigkeiten rühmen konnte. Aber er suchte den Herrn durch Fasten und Beten. Der Geist ruhte mit Macht auf ihm und zeigte ihm nachts in seinen Träumen, wie herrlich und wahr das Werk ist, dem er sich angeschlossen hatte.
Ich fühlte, dass es weise sei, den Ältesten Stenhouse in die Schweiz zu senden und den Ältesten Woodard in Italien zu lassen. Da ich die immensen Schwierigkeiten kannte, mit denen sie zu kämpfen haben würden, entschloss ich mich, ihnen die Segnungen zu erteilen, derer sie bei der Erfüllung ihrer wichtigen Aufgaben bedurften. Und als da Macht, Erkenntnis und Weisheit im Hohen Priestertum Gottes sind, spürte ich, dass es im Einklang mit dem Willen des Geistes war, sie zu diesem Amt zu berufen.
Wir haben hier keinen Tempel – kein Gebäude, das von Menschenhand errichtet ist. Aber die Berge türmen sich rings um uns auf und stehen hoch über all den Gebäuden der Protestanten und Papisten hier im Lande.
Am Sonntag, den 24. November, bestiegen wir eine dieser Höhen, die da zwischen Himmel und Erde zu stehen schien und die wir bereits «Berg Brigham» genannt hatten. Während des langen Aufstiegs schien die Sonne in gleissender Helligkeit. An den schattigen Stellen lag jedoch Schnee. So manche schroffe Felsspitze und so manch felsiger Gipfel links und rechts war vom weissen Vlies des Winters bedeckt.
Nachdem wir den gesuchten Platz erreicht hatten, sahen wir voll Entzücken die bezaubernde Kulisse der Natur um uns herum. Vor uns lag eine Ebene, so unermesslich, dass es schien, als sei die Unendlichkeit sichtbar geworden. Alles in dieser fruchtbaren Weite schien ähnlich zu sein, und doch war nichts Eintöniges darin. Die Dörfer und Städte hier waren von dem umgeben, wovon sich ihre Einwohner Jahrhunderte lang ernährt hatten. Das altehrwürdige und weitberühmte Italien, der Schauplatz unserer Mission, lag wie eine Vision vor unseren verzückten Augen ausgebreitet. Licht und Schatten entfalteten in diesem herrlichen Bild in überraschendem Masse ihre Wirkung, denn während Wolken ihre Schatten auf den einen Teil warfen, wurde der andere vom allerhellsten Sonnenlicht erleuchtet, so weit das Auge reichte.
Über all dem schien jedoch ein heiliger Eindruck zu schweben, der ein helleres Licht warf als der Himmel zur Mittagszeit: Hier war es ja gewesen, wo wir zwei Monate zuvor die Kirche Jesu Christi in Italien aufgerichtet hatten. Hätten wir auf einem Pflaster aus Gold und Diamanten gestanden, hätte es keinen tieferen Eindruck hinterlassen können als die unauslöschliche Erinnerung an dieses heilige Bild.
Inmitten des erhabenen Schauspiels der Natur sangen wir dem ewigen Namen des Schöpfers Lobpreis und flehten um die Gaben, die in unseren Umständen erforderlich waren.
Sodann ordinierte ich Ältesten Woodard zum Hohen Priester und bat den himmlischen Vater, ihm Weisheit und Stärke zu geben, damit er über die Kirche in Italien wachen könne, was auch immer sie durchzumachen haben werde, und dass er fähig sei, das Werk, das ich begonnen hatte, weiter voranzuführen.
Ich ordinierte auch Ältesten Stenhouse zum Hohen Priester und betete darum, dass sich in der Schweiz ein Weg für ihn auftun möge, damit die Arbeit in diesem interessanten Land vorangetrieben werden könne. Einige Tage später begab sich Ältester Stenhouse auf seine Mission.
O Italien! Du Geburtsort und Grabstätte der stolzen Caesaren – du, die du das Zepter dieser weltlichen Schöpfung schwingst, Land der Literatur und Künste und einst auch das Herz der Weltzivilisation. Wer kann von all der Herrlichkeit erzählen, die wie ein Hauch über der Geschichte deiner Vergangenheit schwebt? Und wer, o wer soll von all der Verderbtheit sprechen, die jetzt in deinem Herzen brütet?
Land der Blumen und des fruchtbaren Weinstocks, der Oliven und der Orangen – alles, was schön ist und durch Köstlichkeiten entzückt, ist auf deinen grünen Feldern ausgebreitet oder wächst in deinen herrschaftlichen Gärten. Deine Kinder jedoch leben in tiefstem Schmutz und erweisen sich als Dornen und Disteln unter dem bezaubernden Blumenteppich. Von den wellengepeitschten Küsten des Mittelmeeres bis zum Fuss der kahlen Alpenregion liegen deine sonnigen Ebenen wie ein Feenreich.
Hier ruht der Staub von Millionen, die in vergangenen Zeiten einst mächtig gewesen sind und die Erde mit dem Ruhm ihrer Heldentaten bedeckt haben. Hier liegen Felder, getränkt vom Blute der Könige, Grabstätten ganzer Herrscherhäuser. Hier ruht so mancher Dichter, der zum Lobe der Nationen sang, und so mancher Fürst, der das Zepter der Macht in den Krisenzeiten der Weltgeschichte schwang, nun tief unter dem Staub deiner Felder und Weinberge begraben!
Gibt es denn hier nichts ausser Grabstätten deiner Vergangenheit? O Italien! Folgt denn ein ewiger Winter dem Sommer deines Ruhmes, der die Blumen deiner grossen Gaben eingefroren hat und deine strahlende Herrlichkeit mit Wolken verhüllt? Nein! Deine künftige Geschichte soll das Vergangene noch überstrahlen, und deine Kinder sollen noch berühmter werden als in alten Zeiten. Auch wenn die dreiteilige Krone des stolzesten Abtrünnigen der Welt deinen grenzenlosen Aberglauben übertüncht, wird die Wahrheit doch inmitten deiner Regionen Babylons siegen. Wo sich einst siegreiche Krieger mit Blut befleckten und Fürsten in tyrannischem Prunk regierten, windet nun das sichere, wenn auch späte Wirken des Evangeliums einen schöneren Kranz, und eine weitaus strahlendere Krone wird dein sein.
Um mich herum sehe ich so manches Auge, das eines Tages vor Freude wegen der Botschaft ewiger Wahrheit glänzen wird, so manches Angesicht, das die Versammlungen des lebendigen Gottes zieren wird. Noch immer fliesst das adlige Blut des Himmels im Herzen so mancher deiner Söhne und Töchter, und eher wird dieses Blut auf dem Schafott des Märtyrers vergossen werden, als dass es die mannhaften Geister entehrt, denen es verbunden ist.
Genf, 6. Februar. Ich habe mir das Ende meines Briefes bis zu meiner Ankunft in Genf aufgehoben. Bei meinem Abschied von Piemont wurde mir viel Freundlichkeit erwiesen. Ich sah mit nicht geringer Zufriedenheit, wie das Werk des Herrn sich ausdehnt und lebhafte Bemühungen zur Verbreitung der Grundsätze der Wahrheit zu wirken beginnen. Ihr könnt euch wohl eine Vorstellung von den Schwierigkeiten machen, die sich meinen Anstrengungen zur Veröffentlichung entgegengestellt haben, wenn ich euch sage, dass «Die Stimme Josephs» nun im Umlauf ist – mit dem Holzschnitt einer katholischen Nonne, mit Anker, Lampe und Kreuz auf der Umschlagseite und auf der letzten Seite die Arche Noachs, die Taube und der Olivenzweig.
Mit diesem Werk und der Schrift «Das alte Evangelium wiederhergestellt» im Koffer, in den Jackentaschen und im Hut überquerte ich die Alpen in einem Schneesturm, kaum wissend, ob ich tot oder lebendig war. Es ist etwas ganz anderes, wenn man die Schilderung einer Reise über das Rückgrat Europas im tiefsten Winter liest, als wenn man das tatsächlich erlebt.
Seit meiner Ankunft in der weltberühmten Stadt Calvins habe ich mehrere Gespräche mit intelligenten Schweizer Herren gehabt, die aufgrund der Bemühungen des Ältesten Stenhouse und meiner Schriften, die in Umlauf sind, grosses Interesse an den Tag legten und sich unvoreingenommen mit der Sache befassen wollen.
Als Folge der vielen Schwierigkeiten und Schikanen dabei, in Italien etwas veröffentlichen zu lassen, möchte ich dort nicht gern viele Bücher drucken lassen. Deshalb sehe ich es als meine Pflicht an, die zweite Ausgabe beider Werke hier in die Wege zu leiten. Ich bin zufrieden mit der Aussicht, das Evangelium in Genf einzuführen. Ich fühle mich frei und in einer freien Umgebung und prophezeie Gutes für die Schweiz.
Ihr
Lorenzo Snow
An Präsident Orson Hyde
Kanesville, Territorium von Iowa, Nordamerika
KAPITEL XXIV
Anmerkungen der Herausgeberin – Ältester Woodard schreibt – Weitere Taufen in Italien – Eine ungewöhnliche Szene – Ein erfolgreiches Experiment – Zehn Menschen lassen sich taufen – Aussagen von Bekehrten – Der Millenial Star wird zitiert – Ermutigende Berichte – Ein Brief von Ältestem Woodard – Auszug aus dem Brief des Ältesten Stenhouse – Die Gegenseite reagiert – Gute Ergebnisse
Man wird sich erinnern, dass Italien zwar das Hauptquartier und der bekannteste Ort der Mission Lorenzos war, doch dehnte sich diese in alle Länder und zu allen Völkern aus, wo immer die Weisheit es gebot hinzugehen und wo sich ihm eine Gelegenheit bot. Während die Arbeit in Italien unter der weisen Führung des Ältesten Woodard voranging, arbeitete Ältester Stenhouse unter Lorenzos Führung in der Schweiz.
LaTour, Tal von Luzerne, Piemont, Italien
Februar 1851
Lieber Präsident Snow,
Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass die Brüder und Schwestern in Italien alle wohlauf sind und euch Grüsse senden mit der Bitte, dass Sie auch die Gemeinden in England von ihnen grüssen lassen.
Am vierundzwanzigsten Februar wollten zwei junge Männer getauft werden. Es regnete und schneite heftig, und es war so neblig, dass wir auch nicht das kleinste Stück des Weges deutlich vor uns erkennen konnten. Als wir jedoch zum Fluss Angrogua hinunterstiegen, bot sich uns ein einzigartiger Anblick. Die Wolken rissen plötzlich auf, als ob sie ein Blatt Papier wären, und der Hang des Berges Brigham wurde in einem Augenblick von der Spitze bis zum Fuss sichtbar.
Ich rief aus: «Der Vorhang über Italien ist auseinander gerissen.» Und doch wusste ich nicht, was ich in diesem Augenblick sagte. Ich stand wie erstarrt vor dem herrlichen Anblick, der sich uns zur Rechten und zur Linken bot. Dann stiegen wir mit einem Gebet zum Gott Israels ins Wasser.
Am Abend versammelte sich eine Menschenschar, und ich begann zu predigen. Aber der Teufel bekam einige in seine Gewalt, die sich der Wahrheit widersetzt hatten, und ich sah, dass er grosse Macht hatte. Es schien, als könnten meine Worte durch diesen tödlichen und verderbten Einfluss nicht zu den Zuhörern durchdringen. Deshalb hielt ich kurzerhand inne und setzte mich, nachdem ich zu verstehen gegeben hatte, dass jedermann gehen könne. Auf diese Weise wurde ich die Spreu los, während das gute Korn blieb. Ich begann zu predigen, und die Macht Gottes ruhte auf uns. So manche Träne kullerte ein verwittertes Gesicht hinunter. Am Tag darauf taufte ich zehn Menschen. Sie gehören nicht zu den Reichen und Vornehmen. Beurteilt sie nach ihren eigenen Worten, denn sie haben mir jeder eine Zeile mitgegeben, die ich an ihre ausländischen Brüder senden soll. Hier sind sie:
- Mögen wir uns treffen, wenn die Erde erneuert wird.
- Betet für eine junge Schwester, die in der göttlichen Gnade heranwachsen möchte.
- Körperlich fern, aber im Geiste vereint.
- Halleluja, denn der Herr gedenkt seines Volkes.
- Sollten wir uns in diesem Erdenleben nicht treffen, mögen wir einander doch bei der Auferstehung umarmen. (Dieser Bruder ist zweiundsechzig Jahre alt.)
- Inmitten der Schwäche hoffe ich auf Stärke.
- Betet für einen armen Bruder.
- Mögen wir mit Herrlichkeit gekrönt werden, wenn die Welt gerichtet wird.
Die anderen Brüder und Schwestern senden Folgendes: Wir danken dem himmlischen Vater, dass wir begonnen haben, auf dem Weg eines neuen und endlosen Lebens zu gehen.
Einen Bruder, der fest an «Die Stimme Josephs» glaubt, habe ich zum Ältesten gemacht. Vor fünf Monaten war er gebeten worden, in der Kirche der Waldenser das Amt eines Ältesten zu übernehmen. Das hatte er abgelehnt.
Bitte adressieren Sie die Briefe an mich wie üblich, schreiben Sie jedoch «postlagernd» darauf. Ich sehe zur Zeit noch keine freie Wohnung, doch ich glaube, der Herr wird es mir ermöglichen, vom Hotel unabhängig zu werden, und auf diese Weise werde ich mehr über den wahren Charakter der Einwohner erfahren.
Grüssen Sie bitte meine Frau und auch alle Freunde, die Sie auf Ihren Reisen treffen.
Jede Art verleumderischer und kleinlicher Verfolgung wird hier benutzt. Der Teufel ist nicht müssig, und manchmal erzählt er die Wahrheit.
Im neuen und immerwährenden Bund Ihr
Jabez Woodard
Ich gebe nun aus dem Millenial Star vom 15. März 1851 Folgendes wieder:
Wir freuen uns zu berichten, dass alle drei, die Französische, die Italienische und die Dänische Mission Fortschritt machen und auf eine wahrhaft erfreuliche Weise gedeihen. Die Ältesten Taylor und L. Snow kamen letzte Woche aus ihrem Arbeitsgebiet bei guter Gesundheit und guter Dinge in Liverpool an. Ältester Lorenzo Snow hat in Piemont, Italien, zwei Broschüren herausgegeben, die von Ältestem Woodard in der dortigen Gegend eifrig in Umlauf gebracht werden, desgleichen von Ältestem Stenhouse in der Schweiz.
Dort im Land herrscht in grossem Mass ein fragender Geist vor. Diese Mission wird in der Kirche aufmerksam und mit Interesse beobachtet. Viele waren der Meinung, dass sich die Arbeit in diesem Land als zwecklos und fruchtlos erweisen würde – dass den Lehren von derzeitiger Offenbarung kein Glaube geschenkt werden würde. Aber Ältester Snow ist entschlossen, die Kirche Jesu Christi in diesen Ländern auf der festesten Grundlage, dem Fels der Offenbarung, zu errichten. Er wird unverzüglich mit der Übersetzung und Veröffentlichung des Buches Mormon beginnen und dies energisch vorantreiben, bis alles fertig gestellt ist.
Gerade rechtzeitig für die laufende Ausgabe des Star hat uns Ältester Snow den berührenden Bericht vom Werk des Herrn in Italien zukommen lassen, der in jedem Heiligen himmlische Klänge des Lobgesangs und der Danksagung zum Gott Zions wegen der Segnungen für sein Volk in Piemont wecken wird.
«Der Vorhang über Italien fängt an, sich zu heben. Die Alpen hallen wider von der Botschaft der Errettung, der Gabe des Heiligen Geistes für die, die so lange in Finsternis gewandelt sind. Der Klang ihrer Freudenbekundungen im neuen Bund des Lebens ist uns zu Ohren gekommen. Sie reden wie Heilige. Ihr Herz ist bereits in Liebe und Verbundenheit zu ihren Brüdern in fernen Landen entbrannt. Der Betagte, der schon an die siebzig Jahre zählt und kaum noch damit rechnen kann, mit seinen Brüdern auf dieser Erde zusammenzutreffen, hofft, sie in der nicht mehr fernen Auferstehung umarmen zu können. In der Tat scheint der Geist des Evangeliums reichlich in ihren Sinn zu dringen, was ihre Grüsse deutlich verraten, die auch die Reinheit und den Glauben derjenigen bezeugen, die diesen Samen in ihr Herz gesät haben.»
Brief vom Ältesten Jabez Woodard
Italien, 9. Mai 1851
Lieber Präsident Snow,
Ich bin noch am Leben, und wenn ich die Berge auch nicht versetzen kann, so kann ich sie doch besteigen. Seit ich geschrieben habe, habe ich noch jemand getauft. So sind es einundzwanzig Mitglieder ausser denen, die keine Italiener sind, wie Bruder Toronto und Sie selbst und Bruder Stenhouse.
Ich habe einen Ältesten nach Pignerol geschickt, damit er dort taufe. Und wenn er seine Pflicht erfüllt hat, so hat er dort zumindest einen getauft. Ich habe insgesamt zwei Älteste, einen Priester und einen Lehrer ordiniert. Ich übermittle Ihnen diese Einzelheiten für den Fall, dass Sie die Statistiken für die Konferenz benötigen.
Wir haben vor kurzem einige Gewitter gehabt. Eines, dessen Donner vor ein paar Nächten die Berge widerhallen liess, werde ich nicht so schnell vergessen. Als der Regen durch das Dach kam und mir in dicken Tropfen aufs Gesicht fiel, da ich gerade im Bett lag, sagte ich zu mir: «Es geht mir jetzt noch nicht so schlecht wie den Brüdern, die unter der Hecke schlafen mussten.»
Ich freue mich wirklich zu hören, dass Ältester Kelsey solche Leute bei der Arbeit hat. Ich freue mich auf solche Tage in Italien.
Ihr hättet wohl lachen müssen, wenn ihr neulich den Streit darüber mitbekommen hättet, wer ich denn eigentlich sei. Einer sagte, ich behaupte, aus einer anderen Welt zu kommen. Ältester Malan, den die Leute nicht kannten, sagte, ich sei vielleicht ein Engel. Ein Herr jedoch versicherte seinen Freunden, dass ich Joseph Smith sei. Ich bemühte mich am Ende der Diskussion, den Ursprung meines Glaubens und nicht meinen eigenen Ursprung zu erklären, was unter den gegebenen Umständen recht schwierig gewesen wäre.
Am Dienstag, dem sechsten Mai, kam ich mit einem Lehrer von den Bergen oberhalb der Kapelle von St. Lorenzo herab. Wir verbrachten die Nacht nahe der Kirche von Angevagna. Am nächsten Morgen setzten wir unseren Weg fort und erreichten zum Mittag das Haus eines Bruders. Er hatte seiner Familie und seinen Freunden erzählt, dass wir kommen würden, obwohl ich niemandem gesagt hatte, dass ich beabsichtige, diesen Weg zu nehmen. Aber, so sagte er: «Der Herr hat es mich letzte Nacht im Schlaf wissen lassen.»
Nach einem Gebet und einigen Unterweisungen setzten wir unseren Weg fort. Drei Stunden lang sahen wir nichts als den sich windenden Gebirgsbach und das kahle Gebirge. Wir bezogen für die Nacht Quartier in einer Hütte, die tatsächlich Glas in den Fenstern hatte. Wir sahen dies als ein Wunder an, denn es ist fast einen Monat her, dass ich in einem Raum mit Glasscheiben in den Fenstern geschlafen habe.
Am nächsten Morgen, den 8. Mai, fiel der Schnee reichlich in dieser Gebirgsgegend. Ich konnte nicht warm werden, bis ich eine kleine Versammlung zusammen hatte und mich beim Predigen aufwärmte.
Vor zwei Jahren ist hier eine Lawine heruntergekommen und hat ein Haus, in dem acht Menschen waren, mit sich gerissen. Das Jüngste, ein kleines Kind von achtzehn Monaten, ist unverletzt geblieben, aber die anderen waren alle tot. Eine weitere Lawine tötete elf Menschen, die gerade vom Markt nach Hause gingen.
An einem anderen Abend wurde ein Pfarrer mit seiner ganzen Familie an der gleichen Stelle getötet. Der Wind blies sein Haus den Abgrund hinunter, und der Hund hat als Einziger überlebt.
In diesem Land der Stürme habe ich begonnen, den guten Samen zu säen. Möge der Herr uns Zuwachs gewähren. Seinem Namen sei alle Ehre.
Herzlichst
Jabez Woodard
Die folgenden Auszüge stammen aus einem Brief, der im Millenial Star abgedruckt wurde und an den Ältesten F. D. Richards, der zu dieser Zeit über die Britische Mission präsidierte, adressiert war. Er war von dem Ältesten Stenhouse während eines Englandbesuches geschrieben worden und ist mit dem 17. Mai 1851 datiert:
Da die Italienische Mission aus der Feder meines geschätzten Präsidenten und unlängst durch den Briefwechsel des Ältesten Woodard nun an die Öffentlichkeit gelangt ist, halte ich es für überflüssig, ein weiteres Wort über diese Mission zu verlieren. Mein Herz ist dem himmlischen Vater gegenüber von Dankbarkeit für die grossen und vielfältigen Segnungen erfüllt, die daraus entstanden sind, dass einer der erwählten Zwölf Apostel die Weisheit besessen hat, in jenem Land das Gottesreich aufzurichten.
Während meines Aufenthaltes in der Schweiz habe ich mich hauptsächlich in Genf – im «Protestantischen Rom», wie es in religiösen Kreisen genannt wird – aufgehalten. Wenn man bedenkt, dass in dieser Stadt Johann Calvin und weitere berühmte Dissidenten den grössten Teil ihres Lebens verbracht haben, überrascht es nicht, dass die Lehre von neuer Offenbarung als seltsam angesehen wird. Seit Ältester Snow hier gewesen ist und diesen Ort gesegnet hat, hat das Interesse an der Erforschung des Evangeliums von Tag zu Tag zugenommen. Seine Schriften verbreiten sich unter allen Schichten. Ich darf mit Sicherheit sagen, dass es keinen protestantischen, katholischen oder methodistischen Priester irgendeiner Glaubensrichtung in Genf gibt, der nicht mehr oder weniger den «Mormonismus» und Lorenzo Snow kennt.
Nur wenige Tage vor meiner Abreise konnte ich mit Genugtuung den Erläuterungen über den «Mormonismus» von Reverend Guers, einem Methodisten, lauschen. Ich war so aufrichtig dankbar für seine Freundlichkeit, dass ich mich nicht zurückhalten konnte, meinen Dank zu bezeugen, indem ich unter den Versammelten «Das alte Evangelium wiederhergestellt» von Ältestem Snow verteilte mit der höflichen Aufforderung, mehr über eben dieses Thema zu lesen.
Am Ende dieser interessanten Versammlung fand eine andere unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Dreissig Personen, darunter sieben Pastoren, versammelten sich, um bei einer Tasse Tee zu besprechen, wie sich die Verbreitung des «Mormonismus» am besten verhindern liesse.
Durch die oben erwähnten Erläuterungen wurden meinem Vermieter die Augen geöffnet, sodass er das Werk Gottes erblickte. Wenige Tage danach ersuchte er um die Taufe. An dem Tag, an dem ich Genf verliess, ordinierte ich ihn zum heiligen Amt eines Ältesten. Dieser Bruder spricht fliessend Französisch und Deutsch.
In den Kantonen der Schweiz spricht man Französisch, Deutsch und Italienisch. Ich glaube, dass innerhalb kurzer Zeit, sobald die Ältesten Taylor und Snow das Buch Mormon in diesen Sprachen der Welt gegeben haben, in der Schweiz ein grosses Werk zur Ehre und Herrlichkeit des Gottes Israels vollbracht werden wird. Ein deutscher Herr, der von den Schriften des Ältesten Snow sehr angetan war, hat versprochen, sie so bald wie möglich ins Deutsche zu übersetzen.
Abschliessend kann ich nur die tiefe Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, die ich für Präsident Snow empfinde wegen der väterlichen Fürsorge, die er mir und meinen Mitarbeitern zuteil werden liess.
KAPITEL XXV
Vorwärts – Für die Mission des Ältesten Snow gibt es keine Grenzen – Er blickt nach Indien und schmiedet Pläne – Sein Brief an F. D. Richards – Er macht seine Ansicht deutlich – Bruder Woodard schreibt aus Italien – Buder Stenhouse schreibt aus der Schweiz – Lorenzo besucht Wales – Ein Lob zur Unzeit – Ein nächtliches Zusammentreffen mit einigen Verrückten. – Was letztendlich aus dem Hotel und seinem Besitzer geworden ist
Vorwärts und immer weiter voran! Obwohl Bruder Snow spürte, dass er aufgrund der Segnungen Gottes und mit der Hilfe der Heiligen in Europa in seinen Bemühungen erfolgreicher gewesen war, als er es sich je erträumt hätte, wusste er doch, dass noch mehr zu tun war. Es war ihm klar, dass alle Menschen aufgrund ihrer Abstammung Brüder sind und dass diese Verwandtschaft alle Nationen einschliesst. Er wusste, dass die frohe Botschaft von der Errettung allen Menschen verkündet werden muss und dass das Priestertum Gottes seiner derzeitigen Mission keine Grenzen gesetzt hatte. Wie weit soll er nun gehen? Nicht nur nach Europa. Er denkt mit weitreichendem Blick an die heidnischen Völker im Osten, und mit aussergewöhnlichem Wagemut zieht er in Erwägung, eine Mission in Indien zu eröffnen.
Er hat die Idee und entwickelt alsbald einen Plan, die unverfälschten Lehren Jesu Christi auf dem asiatischen Kontinent bekannt zu machen. Doch dies kann nicht ohne finanzielle Mittel geschehen. Woher aber die Mittel nehmen? Sein Vertrauen in die Hand Gottes, die über allem steht, und in die Freigebigkeit und den Eifer der Heiligen war ihm mehr wert als Geld auf der Bank. Ohne sich durch Hindernisse aufhalten zu lassen, schritt er voran. Der folgende Brief, den ich aus dem Star vom 1. August abschreibe, erklärt im Detail das Ziel, das er vor Augen hatte.
Präsident F. D. Richards,
Ich nutze die Gelegenheit, den Heiligen durch den Star einige Einzelheiten in Bezug auf den Fortschritt der Italienischen und der Schweizer Mission sowie weiterer Angelegenheiten in Verbindung mit dem zunehmenden Interesse am Reich des Messias mitzuteilen.
Ältester Stenhouse wird in dieser Woche mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter von hier abreisen, um seine Arbeit in der Schweiz fortzusetzen. Ich habe die Übersetzung von «Vollmacht von Gott» beinahe fertig gestellt und Ältesten Stenhouse angewiesen, diese Schrift unverzüglich – gemeinsam mit der zweiten Auflage der «Stimme Josephs» – zu veröffentlichen. Wir hoffen, demnächst eine Zeitschrift von Genf aus herausgeben zu können, die auf unsere Leser in der Schweiz und in Italien zugeschnitten ist.
Die Mission in Italien macht unter der behutsamen, klugen, treuen und beharrlichen Arbeit und Leitung des Ältesten Woodard weiterhin Fortschritt. Die zwei Schriften, die ich in Turin herausgegeben habe, sind jetzt im Norden Italiens recht weit verbreitet. Ältester Toronto ist aus Sizilien zurückgekehrt und arbeitet jetzt sehr erfolgreich mit Ältestem Woodard. Mehrere intelligente und einflussreiche Italiener sind in der letzten Zeit zum Priestertum ordiniert worden und sind nun damit befasst, die Grundsätze des Lebens und der Errettung zu verbreiten.
Die Übersetzung des Buches Mormon geht gut voran. Ich werde in Kürze mit dem Druck beginnen und werde alsbald in der Lage sein, dieses Buch den Menschen in Italien in ihrer eigenen Sprache zu übergeben.
In der letzten Zeit habe ich mich mit dem Gedanken beschäftigt, das Evangelium in Indien bekannt zu machen. Ich habe mich über dieses Thema mit meinen Brüdern von den Zwölf Aposteln beraten, und wir denken alle ähnlich, was die Bedeutung eines solches Schrittes und den schlussendlichen Nutzen für das Reich Gottes angeht. Den Zwölf Aposteln ist die Verantwortung übertragen worden, das Evangelium den Nationen bekannt zu machen. Da die Zeit naht, da wir an den Hauptsitz der Kirche zurückkehren dürfen, zögere ich in der Tat, irgendeine günstige Gelegenheit, die Tür des Evangeliums in Indien zu öffnen, verstreichen zu lassen. Obwohl die Verpflichtung für Italien und die Schweiz und die lange Abwesenheit von meiner Familie schwer auf mir lasten, bin ich nichtsdestotrotz bereit, auch diese Arbeit im Namen des Herrn auf mich zu nehmen.
Ich überlege, sofort einen oder zwei gute und treue Älteste auf dem Seeweg nach Kalkutta zu senden und ihnen zu folgen, sobald ich die Übersetzung und Veröffentlichung des Buches Mormon abgeschlossen habe. Ich habe vor, über die Schweiz und Italien zu reisen, die Heiligen in diesen Ländern zu besuchen und alles in meiner Macht Stehende zu tun, um für die Interessen dieser Missionen einzutreten.
Die Umstände scheinen sich günstig zu fügen. Vor kurzem habe ich einen Bruder kennen gelernt, der sieben Jahre lang in Indien gelebt hat und die Landessprache spricht und der sofort mit der Übersetzung einiger meiner Werke beginnen will, die ich dort gleich nach meiner Ankunft – zusammen mit der «Stimme Josephs» – auf Englisch zu veröffentlichen gedenke.
Ich hoffe, dass Brüder, die viele materielle Güter haben und sie zur Herrlichkeit Gottes und für die Errettung von Seelen einsetzen wollen, sich in ihrer Grosszügigkeit nicht zurückhalten, sodass sie – ebenso wie ich bereitwillig und freigebig auf die Freuden und Annehmlichkeiten meines Familienlebens und meiner Freunde verzichte – in gleicher Weise bereit und willens sind, ihre Mittel zu weihen und so die Schriften zu erfüllen, in dem sie sich mithilfe des ungerechten Mammons Freunde schaffen.
Sollte irgendjemand unter den Heiligen in jenem Land Freunde haben, mit denen sich die Brüder bekannt machen könnten, schicken Sie bitte ein richtig adressiertes, unversiegeltes Empfehlungsschreiben in einem an mich adressierten Umschlag in die Jewin Street Nr. 35 in London.
Mit herzlichen Grüssen
Lorenzo Snow
Um die Beschreibung des Fortschritts der Arbeit in Italien und in der Schweiz nicht zu unterbrechen, füge ich Auszüge eines im Star veröffentlichten Briefes des Ältesten Woodard aus Italien vom 1. August 1851 sowie die Kopie eines Schreibens von Ältestem Stenhouse bei:
Lieber Bruder Snow,
Ein 46 Seiten langes Traktat ist in der Schweiz gegen uns herausgegeben worden, und auch wir haben jede Menge davon abbekommen. Darin steht die» Spaulding-Geschichte», aber sonst nichts ausser den üblichen Phrasen über Sektierertum und einigen Zitaten aus «Die Stimme Josephs» und aus «Der einzige Weg zur Errettung» – wofür ich sehr dankbar bin. Ich freue mich, sagen zu können, dass wir nunmehr einunddreissig Mitglieder haben. Ich fasse Mut bei dem Gedanken, dass Sie die Präsidentschaft über das indische Reich übernommen haben. Sollte königliches Blut in meinen Adern fliessen, so erfüllt es nunmehr jede Faser meines Wesens mit neuer Lebenskraft, damit ich Ihren Rat mit neu entfachter Tatkraft ausführen kann. Und wenn es darum geht, was Ehre und Freundschaft und Dankbarkeit meinen Händen abverlangen, so sind Sie gleichzeitig ja auch in Italien, während Sie sich in Indien oder sonst wo aufhalten. Ich muss gestehen: Als mir bewusst wurde, dass Sie den heiligen Auftrag, Israel aus diesen Nationen zu sammeln, mir übertragen hatten, spürte ich die Last dieses Amtes, gleichzeitig aber auch neuen Mut und neue Geduld. Meine Augen verschliessen sich nicht vor den Schwierigkeiten der Lage, doch ich weiss, wo meine Stärke liegt. Ich habe das Gefühl, ich müsste für jedes einzelne Reich fasten und beten. Mir ist auch bewusst, dass ich viele seltsame Erlebnisse haben werde, aber ich hoffe, dass ich es mit der Hilfe des Herrn schaffen kann. Ich bemühe mich, Kenntnis von Sprachen, Gebräuchen, Gesetzen und Bestimmungen zu erlangen. Wäre es möglich, so würde ich mir wünschen, dass ich Ihren Sinn von allen zukünftigen Sorgen, die diese Mission betreffen, frei machen könnte.
Aus eigener Erfahrung weiss ich in etwa, was Sie seit dem Augenblick, da Sie als Präsident eines solch überwältigenden Unterfangens ernannt worden sind, empfunden haben müssen. Welche Gedanken sich oft von morgens bis abends in Ihrem Geist gedrängt haben! Welche Last zu Lande oder zur See! Und nun beansprucht ein noch erhabeneres Unterfangen Ihre Aufmerksamkeit – oder zumindest eines, das einen weiteren Handlungsspielraum bietet. Was kann ich aber sagen, das Ihren Geist bezüglich Italien zur Ruhe kommen lässt?
Vielleicht würde es mir, da Sie jetzt abwesend sind, schlecht anstehen, mich zu rühmen, wie gut ich bin. Ich hoffe aber, dass ich ein bisschen Fortschritt mache. Wenn jemals ein fester Entschluss von meiner Seele Besitz ergriffen hat, so ist er jetzt unverrückbar darin verankert und im Himmel verzeichnet, dass ich nämlich, so Gott will, fest entschlossen bin, alles zu überwinden, was sich der Vollendung des herrlichen Werks, in dem ich tätig bin, entgegenstellt. Ja, ich möchte gern siegen, aber nicht nur für mich allein. Gern würde ich Ihnen das zuteil werden lassen, was ich Ihnen schulde, und ich würde Tausende verspüren lassen, was sie schuldig sind.
Ältester Toronto schliesst sich meinen Grüssen an Sie und all die Heiligen an.
Herzlichst
Jabez Woodard
Chez Mons. Dupraz, À La Serviette, 429 Genf
August 1851
Lieber Präsident Snow,
Da ich von Ihrer fortwährenden Sorge um diese Völker und von Ihrem Interesse für sie weiss, nehme ich mir ein paar Minuten, bevor ich schlafen gehe, um Ihnen zu sagen, wie es uns ergangen ist und wie es jetzt geht.
Seit meinem letzten Schreiben an Sie habe ich Signor Reta, dem Übersetzer, einen Besuch abgestattet. Er freute sich, mich zu sehen, erkundigte sich nach Ihrem Wohlbefinden und lässt Sie grüssen. Ich erwarte seinen Besuch in ein oder zwei Tagen. Ich hoffe, dass ich nähere Bekanntschaft mit ihm schliessen kann. Ich hatte eine heftige Erkältung, die mich zwei Tage ans Bett fesselte. Nachdem ich wiederhergestellt war, ist es meiner Frau ungefähr so wie mir ergangen, aber viel schlimmer. Dank dem Herrn geht es uns nun aber wieder besser. Inmitten all dessen haben wir unser Bestes getan.
Ältester Roulet brachte einen gebildeten Mann mit, der mit uns sprechen wollte und der in Verbindung mit der Kirche stand, die den Vortrag gegen uns gehalten hatte. Wir führten einige interessante Gespräche, und letzten Freitag habe ich ihn am Abend getauft. Gestern hielten wir unsere sonntägliche Versammlung ab, während der er konfirmiert wurde. Wir beteten, lasen, sprachen und fühlten uns gut. Heute Abend brachte er seine Tochter zu einem Gespräch mit. Sie ist nach Hause gegangen, um nachzudenken. Heute habe ich einen hochinteressanten Brief erhalten von dem Bruder, den ich in Lausanne getauft habe. Er schreibt, dass sich seine Frau taufen lassen möchte und dass sich einige Leute für die Geschichte der Kirche interessieren, weil sie unsere Veröffentlichungen gelesen haben. Es kommt mir so vor, als ob der Herr begonnen hat, unter den Menschen zu wirken. Ich komme mit der Sprache schon recht gut zurecht. Ich hoffe, dass wir, wenn Sie kommen, auch von Ihnen selbst in dieser Sprache hören werden.
Alle lassen Sie herzlichst grüssen.
Wie immer der Ihre, herzlichst
T. B. H. Stenhouse
Nun zu Lorenzos Tagebuch:
Im Herbst 1851 besuchte ich einige Konferenzen in Wales, da ich eine sehr freundliche Einladung von Ältestem William Phillips erhalten hatte, der damals über dieses Gebiet präsidierte. Der Besuch bescherte mir unaussprechliche Freude. Die Heiligen bereiteten mir den herzlichsten Empfang und erwiesen mir die landesübliche warmherzige Freundschaft, Güte und Gastfreundschaft. Auch stellten sie die Aufrichtigkeit ihrer grosszügigen Gefühle unter Beweis, indem sie umgehend und ungebeten das von mir geleitete grosse Missionswerk unterstützten.
Während meines Aufenthaltes in Wales nahm ich an einigen sehr interessanten Versammlungen teil. Am Abend des vierten November sprach ich zu einer sehr grossen Gesellschaft, die sich in einer Halle in Tredegar in Monmouthshire versammelt hatte. Im Laufe der Versammlung erhob sich zu meiner Überraschung Ältester J. S. Davies und las ein von ihm verfasstes Gedicht vor, in dem er meinen Besuch als Apostel in Wales ein äusserst bemerkenswertes und wunderbares Ereignis nannte. Ich dankte ihm für seine guten Absichten und seine Hochherzigkeit, war aber äusserst verärgert darüber, dass er eine so unpassende Gelegenheit gewählt hatte, vor so vielen Anwesenden, von denen neun Zehntel Nichtgläubige waren, ein solches Gedicht vorzutragen.
Nach der Versammlung wurden Präsident Phillips und ich zu einem Hotel geführt, wo man uns nach dem Abendessen unser Nachtquartier in einem Raum im oberen Stockwerk zuwies. Wir betraten das Schlafzimmer, und ich bemerkte beim Schliessen der Tür, dass sich diese wegen eines defekten Schlosses nicht zusperren liess. Wir begaben uns bald danach, um ungefähr 23.00 Uhr, zu Bett. Im Glauben, uns sicher fühlen zu können, schliefen wir tief, bis ich – wohl gegen zwei Uhr am Morgen – plötzlich von einem wild aussehenden Burschen geweckt wurde, der neben meinem Bett stand. Er befahl mir und meinem Gefährten, sofort aus dem Bett zu kommen oder die Folgen zu erleiden. Zudem befleissigte er sich der lästerlichsten Ausdrücke und gab die scheusslichsten Flüche, die man sich vorstellen kann, von sich, wobei er auf unmenschliche Weise seine grossen Fäuste unmittelbar vor meinem Gesicht schwang. Zwei Kameraden, kühn und wild aussehende Burschen, standen daneben und waren offensichtlich für den Kampf gerüstet. Bruder Phillips hatte einen gesunden Schlaf. Es kostete mich einige Mühe, ihn so weit zu wecken, dass er unsere Lage zu erfassen vermochte. Natürlich konnten wir nichts tun, um uns gegen ein Trio von Raufbolden zu wehren, das auf Streit aus war. Später fanden wir heraus, dass sie bezahlt worden waren, uns zu überfallen, und dass der Hausherr diesen höllischen Überfall stillschweigend duldete.
Bei dem Streit ging das Licht, das einer von ihnen hielt, plötzlich aus irgendeinem Grund aus, was Angst auslöste und ihren sofortigen Rückzug aus unserem Zimmer zur Folge hatte. Ich schlug vor, dass Ältester Phillips und ich uns sogleich nach besten Kräften schützten, indem wir die Tür verbarrikadierten, denn ich ging davon aus, dass die Aufrührer einen weiteren Angriff starten würden. Wir stellten einen Stuhl an die Tür – mit der Lehne direkt unter dem Türknauf. Ich übernahm es, die Klinke fest zu halten, während Bruder Phillips seine grosse, stattliche Gestalt gegen die Tür presste.
Kaum waren diese schützenden Massnahmen vollendet, als die Meute mit beachtlicher Verstärkung zu einem erneuten Angriff herangestürmt kam. Sie bemühten sich hartnäckig, die Tür aufzubrechen. Als sie dabei keinen Erfolg hatten, warfen sie sich gleich Simson dagegen. Doch da wir ja etwas dagegen geschoben hatten, blieb auch das ergebnislos. Dann fingen sie an, unter einem Schwall von Flüchen gegen die Tür zu hämmern und zu treten und liessen erst ab, als der Lärm und der Aufruhr so gross waren, dass der Hausherr die Situation nicht länger zu ignorieren wagte. Er kam uns zu Hilfe und beendete die Störung, indem er die Raufbolde aufforderte, sich zurückzuziehen.
Einige Jahre nachdem sich dieses zugetragen hatte, berichtete man mir, dass das Hotel, in dem sich diese schändliche Szene abgespielt hatte, jetzt als Stall benutzt wird. Pferde werden darin gehalten. Der Hausherr von damals war so weit heruntergekommen, dass er sein Dasein offenbar mit Betteln fristet und ein Landstreicher geworden ist.
KAPITEL XXVII
Anmerkungen der Herausgeberin – Lorenzos Schreiben an Präsident Richards – Die Übersetzung des Buches Mormon ist abgeschlossen – Lorenzo besucht Paris – Er freut sich, mit den Heiligen zusammenzutreffen – Der Zustand der Menschen – Er geht nach Genf – Herabwürdigung der Frau – Er trifft den Ältesten Stenhouse – Interessante Versammlungen – In Lausanne – Professor Reta – Nutzen der französischen Veröffentlichungen des Ältesten Taylor
Es gibt viele Abschnitte im Leben, da wir aus den Erfahrungen eines anderen lernen können, indem wir genau hinschauen und beobachten und darüber nachsinnen, wie sich Lebens- und Handlungsweise des anderen auswirken. Anderes wiederum lässt sich nur lernen, indem man selbst damit Erfahrung sammelt. Wenn ich so über das Leben meines Bruders nachdenke, als er als Missionar in fernen Ländern gewesen ist und weder die Umgangsformen noch die Gebräuche der Menschen kannte und keine Kenntnis von ihrer Sprache und ihrer Mundart hatte und doch die Verantwortung für die Errettung der Seelen trug, zu denen er gesandt worden war (und dazu war ihm die Fülle des Evangeliums des Gottessohnes anvertraut), so hat es den Anschein, als habe er mit Situationen zu tun, von denen sich niemand wirklich ein Bild machen kann, wenn er sie nicht in der Schule des Lebens kennen lernt.
Selbst der gleichgültigste Leser muss wohl Interesse an den grossen Unternehmungen verspüren, die mein Bruder in Angriff nahm – an der Ausweitung der Missionsarbeit, die weder in alten noch in neuzeitlichen Berichten ihresgleichen findet. Eine allumfassende Hingabe an das Werk, das er zu fördern suchte, muss von Lorenzos Seele Besitz ergriffen und seinen Sinn inspiriert haben, als er dieses umfassende Missionswerk hervorbrachte, und eine dementsprechende Selbstverleugnung muss über allen eigennützigen und ihn selbst betreffenden Überlegungen gestanden haben. Bedenken wir doch, dass er zu diesem Zeitpunkt eine Familie hatte, die ihm lieb und teuer war – mitten unter den Heiligen Gottes, die sich in der grossen Wüste Amerikas inmitten der Rocky Mountains im Westen niedergelassen hatten. Dort lebte seine Familie, die ihn liebte, und er wusste, dass die Kleinen von ihm sprachen und es jeden Tag vermissten, auf seinen Knien geschaukelt zu werden. Doch er legte dies alles auf den Altar und arbeitete für das Gottesreich und die Errettung der Menschenseelen.
Paris, 6. Januar 1852
Lieber Präsident Richards,
Nach einer sehr rauen und stürmischen Überfahrt über den Kanal mit den gewohnten unangenehmen Begleiterscheinungen befinde ich mich in der ruhigen, angenehmen Gesellschaft des Ältesten Bolton sowie etlicher interessanter und intelligenter Heiliger und fange an, mir bewusst zu werden, dass für mich die Heimreise von etwa fünfundzwanzig- bis dreissigtausend Meilen jetzt begonnen hat.
Bevor ich London verliess, hatte ich die Übersetzung des Buches Mormon vollendet und brachte den Druck bis auf die letzten hundert Seiten voran. Ältester Joseph Richards, den ich auf Mission nach Kalkutta berufen hatte, damit er dort dem Ältesten Willis helfe, verliess London ein paar Tage vor mir. Ich setze viel Vertrauen in diesen Bruder; er ist einer, der seine Berufung gross macht und viel tun wird, um das Evangelium in diesem Land aufzurichten.
Nach Paris zu kommen ist jetzt weitaus angenehmer als früher. Als ich vor anderthalb Jahren hier durchreiste, gab es keine Heiligen, die mich willkommen hiessen. Als ich neulich hier ankam, fand ich viele vor – ein Umstand, der, wie Sie sich wohl vorstellen können, mir nicht wenig Freude bereitete. Ich fand Bruder Bolton schwer krank vor. Es geht ihm jetzt aber schon viel besser. Falls seine Mission es erlaubt, würde ich sagen, ein Besuch bei den fröhlichen, warmherzigen Heiligen im alten England würde ihm wieder Auftrieb geben und wäre in keiner Weise von Nachteil. Die Kirche hier rühmt sich keiner grossen Anzahl an Mitgliedern, aber man kann wahrhaftig sagen, dass die Guten, die Tugendsamen und die Intelligenten dazu zählen.
Ältester Taylor mag sein Herz mit der Gewissheit trösten, eine dauerhafte Grundlage für die Verbreitung des Evangeliums im französischen Hoheitsgebiet gelegt zu haben, obwohl derzeit kein Platz für die Arbeit in Übersee ist. In der Tat kenne ich keinen Ort, an den das Evangelium gebracht worden ist und wo die Schwierigkeiten komplexer und frustrierender sind. Wie dem auch sei – es wird die Zeit kommen, da das Evangelium in Frankreich einen nachhaltigen Einfluss haben wird.
Ich bin sehr erfreut darüber, dass ich hier mit den Heiligen Bekanntschaft geschlossen habe. Ich denke, dass sie viel Gutes bewerkstelligen werden. Ich glaube, Ältester Bolton hat vor, ein neues Gesuch an die Regierung zu richten und um das Recht anzusuchen, das Evangelium mit der gleichen Freiheit wie andere Glaubensgemeinschaften predigen zu dürfen – ein Schritt, dem ich sehr zustimme.
Über den politischen Zustand des Landes muss ich nichts sagen. Er ist all denen, die englische Zeitungen lesen, wohl bekannt. Wenn ich so das Land durchreise und den Willen des Geistes in Bezug auf seine Einwohner zu erfahren suche, tut mir das Herz weh, wenn ich an das dunkle, schreckliche und blutige Geschick und an die Geissel denke, die diese Nation erwarten. Das Lebensblut vieler Menschen ist kaum von den Strassen gewischt, das Stöhnen der Sterbenden gerade erst verstummt, die Tränen der Witwen und Waisen sieht man noch fliessen. Wenn man sich umschaut und die gequälten Mienen sieht, die dunklen und stürmischen Brauen Tausender, wenn man die bedeutsamen Zeichen erkennt, das leise Flüstern und die verstohlenen Gespräche bemerkt, und von den plötzlichen und rätselhaften Veränderungen hört, die ständig in den verschiedenen Kanälen politischer Macht stattfinden, so muss man geradezu meinen, dass sich diese Szenen der Furcht, der Sorge, des Kummers und des Blutvergiessens wiederholen müssen! Würde die herrschende Macht doch nur gestatten, dass die Botschaft des Lebens frei unter den Bewohnern voranschreiten kann, dann gäbe es Hoffnung, dass der Kelch der Bitterkeit eine Zeit lang abgewendet würde.
Ich habe jetzt mein Visum erhalten und habe soeben einen Platz in der Postkutsche in die Schweiz reservieren lassen. Leben Sie wohl! Sie hören wieder von mir, sobald ich auf meiner Reise etwas weiter vorangekommen bin. Möge der Herr Sie mit allem segnen, was gut ist, sodass sich Ihr Herz mit Freude erfüllt, und möge der gleiche Segen auf alle treuen Heiligen herabkommen.
Genf, 7. Februar. Ich sagte den Brüdern in Paris am Morgen des 27. Januar Adieu, stieg in die Postkutsche und war alsbald auf dem Weg in die Schweiz. Die Landschaft, durch die ich die ersten zweihundert Meilen fuhr, machte auf mich, obwohl es mitten im Winter war, einen Eindruck wie der Frühling in Amerika. Frankreich ist in der Tat ein schönes Land – un beau pays. Ein angenehmeres Klima, eine ansprechendere, reizendere Landschaft gibt es wohl nirgends. Überall waren auf den Weideflächen, auf den gepflügten Feldern, auf den Wiesen und in den Weingärten Menschen zu sehen, die eifrig ihre Vorbereitungen für den Frühling trafen. Wie ein dunkler Fleck in der ansonsten so schönen Landschaft erschien mir lediglich die grosse Zahl armer Frauen, die wie Sklavinnen schufteten und den Unbilden des Wetters ungeschützt ausgesetzt waren.
Allenthalben gibt es Dörfer und kleine Städtchen – ein jedes offenbar um ein katholisches Kirchengebäude herum erbaut. Es scheint, als sei jeweils zuerst die Kirche errichtet worden, um die sich in der Folge dann die Wohnhäuser eines nach dem anderen scharten – so wie eben die Menschen zuzogen. Je mehr wir uns der Schweiz näherten, desto gebirgiger wurde das Land, und schliesslich ging der Weg in Serpentinen die zerklüfteten, schneebedeckten Hänge des Jura hinauf und dann wieder hinunter.
Am achtundzwanzigsten gegen Mitternacht erreichte ich Genf, wo ich die Freude hatte, den Ältesten Stenhouse zu treffen, der mit einigen Schweizer Heiligen wartete, um mich gleich bei der Ankunft begrüssen zu können. Ich begleitete Ältesten Stenhouse zu seiner Wohnung, wo ich mich vergnügt zu einem ausgezeichneten Nachtessen niedersetzte, das Schwester Stenhouse zubereitet hatte, und zwar in weiser Voraussicht, was meinen Appetit am Ende dieser beschwerlichen Reise über das Gebirge angehen würde.
Am folgenden Abend hatten wir eine sehr interessante Versammlung mit den Heiligen, bei der auch einige Fremde zugegen waren. Ältester Stenhouse sprach zu den Versammelten in fliessendem Französisch, und einige Brüder gaben Zeugnis von ihrer Kenntnis vom Werk des Herrn und von ihrer Freude und ihrem Trost an den Grundsätzen der Errettung.
Um die Arbeit hier voranzubringen, muss im Grossen und Ganzen der gleiche Weg eingeschlagen werden wie anfangs in London: Man muss Bekanntschaften knüpfen und da und dort jemand dazu bringen, dass er an unseren Zusammenkünften teilnimmt. Die Leute spüren, dass so viele neue, gefälschte Münzen unter ihnen in Umlauf sind, dass sie wenig Zweck darin sehen, nach etwas Unverfälschtem zu suchen – beziehungsweise sie erwarten derartiges gar nicht. Geduld und Beharrlichkeit werden nichtsdestotrotz im Lauf der Zeit über all diese Schwierigkeiten obsiegen. Die Macht der Wahrheit wird in der gesamten Schweiz siegen und dazu führen, dass die Weisen und Tugendhaften erlöst werden.
Unsere kleine Familie der Heiligen hier zählt nun zwanzig Mitglieder. Ohne Kenntnis der Sprache und der Sitten und der Lebensweise der Menschen stiess Ältester Stenhouse, wie man sich leicht vorstellen kann – ohne Freund, der ihn in die Gesellschaft hätten einführen können, sodass er dort Vertrauen hätte erringen können –, auf Schwierigkeiten, die jedem, der nicht im vollkommenen Bewusstsein der Wahrheit und lebensspendenden Macht und des Geistes des Werkes, in dem er tätig ist, lebt, unüberwindlich scheinen müssen. Durch den Segen des Herrn werden diese Schwierigkeiten derzeit aber rasch überwunden, und ich bin voller Zuversicht, dass die Arbeit nun schneller vorangehen wird. Die Heiligen sind voller Leben und Tatkraft und ergreifen jede Gelegenheit, die Lehren unserer Kirche bekannt zu machen. Einige sind gebildet und haben Einfluss in der Gesellschaft. Ich erwarte, dass sich aus ihren vereinten Bemühungen und ihrem Zeugnis bald viel Gutes ergeben wird.
Nachdem ich ein paar Tage sehr angenehm und nützlich in Genf verbracht hatte, reiste ich, von Bruder und Schwester Stenhouse begleitet, ab, um die Heiligen im Kanton Waadt zu besuchen. Wir hatten schönes Wetter, und so war die Dampferfahrt über das klare Wasser des Genfersees äusserst angenehm. Die Schweiz ist in aller Welt wegen ihrer wunderschönen Landschaft berühmt. Obwohl die Winterzeit keine besondere landschaftliche Vielfalt bietet, erfreuten wir uns sehr an der allgemeinen Schönheit des Landes. Die vielen schönen, von Gärten und Weinbergen umgebenen Villen und Châteaus liegen auf einer Seite an sanft ansteigenden Uferhängen und bilden einen herrlichen Gegensatz zum Mont Blanc und den hohen, schneebedeckten Bergen auf der anderen Uferseite. Obwohl die Vielfalt, die Wunder und die Schönheit der Natur uns zum Nachsinnen brachten und in uns tiefe Dankbarkeit für den guten und weisen Bewahrer all dessen weckten, war da noch ein gewichtigeres Thema zum Nachsinnen, ein noch grösserer Anreiz zur Dankbarkeit – nämlich das Werk des Herrn.
Wir erreichten Lausanne, eine alte Stadt, romantisch an den Ufern dieses schönen Sees gelegen, und verbrachten ein paar sehr angenehme Tage mit den Heiligen, den Früchten der Arbeit des Ältesten Stenhouse. Während unseres Aufenthalts hielten wir allabendlich Versammlungen ab und erfreuten uns am Geist und an der Macht des Herrn. Nach meiner Ankunft erhielt ich auch einen sehr netten Besuch von Professor Reta, einem Italiener mit literarischem Talent, der sehr bekannt ist und einige wichtige Werke in italienischer Sprache veröffentlicht hat und der auch einige der ersten Zeitschriften in Italien herausgegeben hat. Ich zeigte ihm die vierhundert Seiten des Buches Mormon, die ich bei mir hatte. Er bezeichnete sie als «korrekte und bewundernswerte Übersetzung in einem sehr passenden Sprachstil».
Ich bin dankbar und froh wegen der Vorteile, die wir den französischen Veröffentlichungen des Ältesten Taylor verdanken und die wir, zusammen mit meinen eigenen, so weit wie möglich in Umlauf bringen werden. Mein Besuch hier ist für mich ein grosser Segen gewesen, und ich vertraue demütig darauf, dass er allgemein von nachhaltiger Dauer und bedeutsamem Nutzen für die Arbeit sein wird.
In wenigen Tagen reise ich nach Italien ab. Dazu muss ich auch die mächtigen Alpen überqueren, die ihr schneebedecktes Haupt inmitten der Wolken erheben. Ich vertraue jedoch darauf, dass sie sich nicht als wirkliches Hindernis erweisen werden, denn ihre Überquerung letztes Jahr inmitten eines heftigen Schneesturms hat mich einiges gelehrt und mir Selbstvertrauen beim Bezwingen solch grosser Hindernisse gegeben.
Bruder Stenhouse schliesst sich meinen lieben Grüssen an Sie und Ihren Bruder Samuel an.
Herzlichst
Lorenzo Snow
KAPITEL XXVIII
Anmerkung der Herausgeberin – Lorenzo schreibt – Er verlässt Genf – Er überquert die Berge – Er überquert die Alpen – Ein schwerer Schneesturm – Nur zwei Passagiere in der Kutsche – Zehn Pferde reichen kaum aus – «Schutzhütten» von der Regierung für abgeirrte Reisende gebaut – Er erreicht Turin – Er trifft die Ältesten Woodard und Toronto – Ein interessantes Wiedersehen – Visionen – Heilungen – Italiens Zustand – Bruder Woodards Handlungsweise lobenswert – Die Waldenser
Selbst wenn sich ein lebhafter Sinn die Überquerung der Alpen mitten im Winter noch so romantisch vorstellt, so ist dies doch für den, der eine derartige Überquerung tatsächlich unternimmt, keineswegs eine Vergnügungsfahrt. Abgesehen von dem erschreckenden Anblick und dem gefahrvollen Abenteuer ist schon der plötzliche Übergang von der Sommerhitze in die Tiefe des Winters für den Zustand der Reisenden eine grosse Belastung. Dies hat mein Bruder mehrere Jahre hintereinander immer wieder erfahren müssen.
Italien, 18. Februar 1852
Lieber Präsident Richards,
Ich verabschiedete mich von Bruder und Schwester Stenhouse und den Heiligen in der Schweiz und verliess Genf am 9. des Monats mit der Postkutsche. Der Weg führte durch ein raues, bergiges und gebirgiges Land, das in seltsamem Gegensatz zu der schönen, hügeligen Landschaft Südfrankreichs steht. Als wir uns den hohen Alpen näherten, fing es heftig an zu schneien, was unsere Reise sehr bedrückend, düster und alles in allem unerfreulich machte. Gegen sechs Uhr am Abend des folgenden Tages begannen wir den Mont Cenis hinaufzufahren und erreichten den wolkenverhangenen Gipfel in 2.200 Metern Höhe um ein Uhr am nächsten Morgen.
Obwohl es ausser mir nur ein weiterer Fahrgast für angebracht gehalten hatte, sich über den Berg zu wagen, stellte sich heraus, dass zehn Pferde kaum ausreichten, uns durch den Schnee zu ziehen, der sich fast 130 Zentimeter hoch aufgetürmt hatte, seit die letzte Postkutsche hier durchgefahren war – ein Umstand, der den Weg über die schmalen Bergstrassen mit ihren engen Kurven recht gefährlich machte. Ein Stolpern oder das geringste unglückliche Schleudern unseres Fahrzeugs hätte uns an so mancher Stelle mehrere hundert Meter in den felsigen Abgrund hinabstürzen lassen.
Der Regierung zur Ehre muss gesagt werden, dass jetzt entlang der gefährlichen Abschnitte dieser Strecke Schutzhütten zum Wohl und zur Sicherheit der Reisenden, die sich verirrt haben oder von einem Sturm überrascht und vom Schneetreiben an der Weiterreise gehindert werden, aufgestellt worden sind. In weniger als einer halben Meile Entfernung kann man sechs oder acht dieser gemeinnützigen Hütten sehen. Die Fahrt hinunter war für die Pferde viel leichter und auch für uns viel bequemer. Ich war dankbar, als die Überquerung der Felshänge beendet war, und ich hoffe, dass es nie mein Los sein wird, sie ein drittes Mal bei Nacht im Winter überqueren zu müssen. Aber wir brauchen uns da wohl keine Sorgen zu machen, da solches ohnehin nicht von uns selbst bestimmt wird.
Bei meiner Ankunft in Turin hatte ich sogleich die Freude, die Ältesten Woodard und Toronto zu sehen, und am folgenden Tag konnte ich den Heiligen in Angrogna einen Besuch abstatten.
Ich konnte sehen und fühlen, dass die Brüder hier alle im selben Geist getauft worden waren. Bei einem sehr interessanten Treffen sagte eine Schwester: «Herr Snow, ich sehe Sie zum ersten Mal mit meinen leiblichen Augen. Aber der Herr hat mir vor einigen Wochen eine Offenbarung gezeigt, in der ich Sie so klar gesehen habe, wie ich Sie jetzt sehe.» Eine andere gab Zeugnis von einer Vision, die sie vor kurzem gehabt hatte. Ein Bruder gab Zeugnis von etlichen Heilungen, die sich in seiner Familie zugetragen hatten.
Ich muss Ältesten Woodard loben wegen des Kurses, den er verfolgt. Er hat sich von Weisheit und Klugheit leiten lassen. Hier ist ein Zweig der Kirche unter Umständen errichtet worden, die die Bemühungen eines jeden, der nicht das unerschütterlichste Vertrauen in die Macht des Herrn hat, wohl zum Erliegen gebracht hätten. Wir haben Bücher herausgegeben und dabei riskiert, mit der Regierung in Konflikt zu geraten. Die katholischen Pfarrer haben die Regierungsbeamten aufgefordert, den Verkauf zu verhindern. Trotz aller Hindernisse haben wir jedoch nahezu alles, was wir gedruckt haben, auch ausgegeben. Es ist uns nicht erlaubt, in der Öffentlichkeit zu predigen, und wir finden uns bei jedem Schritt weit entfernt von der religiösen Freiheit, die wir in England genossen haben. Aber Italien ist unter den Fesseln der spirituellen Gewaltherrschaft nicht ohne Sprecher, die sich äussern. Im ganzen Land werden viele hehre Gefühle und freie Gedanken durch die Reden aufrechter Männer im Parlament – Männer, die sich lautstark für Religionsfreiheit einsetzen – verbreitet, und wir vertrauen darauf, dass solche Rufe nicht ständig vergebens sind.
Die Mission geht bis heute notwendigerweise im kleinen Rahmen voran, doch scheinen sich jetzt günstigere Gelegenheiten zu bieten, und das Buch Mormon wird machtvoll dazu beitragen, die Kirche aufzubauen. Nach viel Mühe in Hinblick auf dieses Werk war es keine geringe Freude zu sehen, dass die Heiligen in Italien es als himmlischen Schatz willkommen heissen und dass die Übersetzung als gelungen bezeichnet wird. Ich kann auch das Entzücken kaum beschreiben, das mich beim Anblick des Berges Brigham durchfuhr, auf dessen Felsvorsprung wir ja La Chiesa di Gesu Christo dei Santi degli Ultimi Giorni – in Italia – gegründet hatten.
Die Waldenser waren die Ersten, die das Evangelium annahmen, doch wird es durch den Vorstoss und die Anstrengungen der Ältesten über deren Bergregion hinaus fortrollen. Zu dieser Jahreszeit sind sie von ein bis zwei Meter hohen Schneewehen eingeschlossen, und in vielen Fällen sind die Dörfer von jeglicher Verbindung mit der Aussenwelt abgeschnitten. Unsere Arbeit in diesen Ländern wird in hohem Masse gesegnet sein, wenn wir Männer im Priestertum haben können, die nicht denselben Nachteilen und Belastungen wie die ausländischen Ältesten unterliegen, und solche wachsen hier heran.
Ältester John D. Malan, der Zweigpräsident, ist ein Mann Gottes. Er hat treu unter Ältestem Woodard gearbeitet, und so halte ich es für weise, dass er die Verantwortung für die Arbeit hier übernimmt, während Ältester Woodard die Mission in der Hafenstadt Nizza eröffnet. Die italienischen Staaten sind dafür bekannt, dass sie auf der ganzen Erde der Einführung religiöser Wahrheit am feindseligsten gegenüberstehen. Da aber ihre Untertanen ständig mit vielen vom Mittelmeer umspülten Ländern in Verbindung stehen, werden sie irgendwo die Möglichkeit haben, das Evangelium zu hören, wenn wir nur mit anderen Seefahrern in Verbindung treten können. Unter den tausenden Italienern, die ihren Geschäften auf den Gewässern dieses Meeres nachgehen und alle Sprachen ringsherum kennen, wird es einige treue Männer geben, die das Gottesreich rasch im Süden und Osten Europas voranbringen. In Nizza können wir einerseits die Verbindung zu den Waldensern und andererseits die zu den Maltesern aufrechterhalten. Malta wird nicht nur für Italien ein wichtiges Arbeitsgebiet sein, sondern auch für Griechenland, wo alten Überlieferungen zufolge ein Zweig des Hauses Israel lange erhalten geblieben ist.
Das türkische und das russische Reich lassen sich in gleicher Weise erreichen. Ich hoffe, den Tag zu sehen, da die genannten Länder in Missionen der Heiligen der Letzten Tage aufgeteilt sind. Bruder Obray wird seine Bemühungen mit denen Bruder Woodards in Nizza und Malta vereinigen und dadurch zur Ausdehnung der Mission in weitere Teile Italiens beitragen.
Sobald es die Umstände erlauben, werde ich in neue Gebiete vordringen. Von wo ich meinen nächsten Brief abschicken werde, kann ich nicht sagen – vielleicht von Malta oder von den baufälligen Denkmälern und Ruinen des alten Ägyptens oder aus dem sengenden Klima Indiens.
Ich bete, dass der Herr immer mit Ihnen sei und Ihnen seinen reichsten Segen zuteil werden lässt.
Ich verbleibe wie immer herzlichst Ihr
Lorenzo Snow
KAPITEL XXXI
Das Ende der Mission – Lorenzo nimmt Abschied von den Heiligen und den Schauplätzen seiner Arbeit – Er kehrt heim – Ins Parlament gewählt – Präsident desselben – Überlegungen – Freud und Leid – Eine Vision – Ein Bündnis – Charlottes Tod – Eine einzigartige Kundgebung – Ein kleines Mädchen – Eine verzwickte Lage – Die Lösung – Eine Gesellschaft – Sturm – Durchnässt – Lorenzo entschliesst sich, ein Haus zu bauen – Mühsal – Letztlich ein Erfolg
Schliesslich war die Zeit seiner Abreise gekommen und Lorenzo nahm Abschied von den Heiligen in der Alten Welt mit all ihren Schönheiten der Natur und der Kunst, für die diese Länder zu Recht berühmt sind. Wäre seine Mission gewöhnlicher Natur gewesen – die Erde und Irdisches betreffend –, wäre er vielleicht dem mächtigen Reiz erlegen. Doch für ihn war der Wert der Seelen – das Aufrichten, das Glücklichwerden und die Erhöhung, das Freiwerden seiner Mitmenschen aus der Knechtschaft der Priestermacht und der Überlieferungen – die grosse Mission, die ihm aufgetragen worden war. Und bevor er nicht ehrenvoll entlassen war, konnte nichts – nicht einmal die zärtliche Liebe zu seiner Familie – ihn von seinem Platz bewegen oder sich seines Interesses bemächtigen. Aber als er durch dieselbe Autorität entlassen worden war, die ihn auch ausgesandt hatte, galt seine Zuneigung zwar noch den Heiligen, von denen er bald durch grosse Entfernung getrennt sein würde, aber das Zuhause, seine Frauen und Kinder und die Gesellschaft der Heiligen Gottes in den Tälern Efraims zogen ihn machtvoll wie ein Magnet heimwärts, so wie dies keiner, ausser er sei selbst Ehemann und Vater, nachempfinden kann.
***
Nachdem Lorenzo an die drei Jahre in der Ferne verbrachte hatte, reiste er schliesslich von Malta ab. Er machte ein paar Tage in Gibraltar Halt und kehrte über Portsmouth, London, Liverpool, New York und St. Louis heim und erreichte Salt Lake City am 30. Juli 1852.
Im folgenden Herbst wurde er ins Parlament von Utah gewählt, dessen Mitglied er blieb, bis er 1882 durch den Beschluss des Regierungsausschusses, der vom Präsidenten der Vereinigten Staaten ernannt worden war, um das berüchtigte Edmundsgesetz in Utah zu vollstrecken, seiner Rechte beraubt wurde. Er diente dem Parlament zehn Jahre lang als Präsident.
Die folgende Episode entstammt dem Tagebuch meines Bruders: Als ich mein Zuhause in Salt Lake City erreichte – jene lang ersehnte Oase während dieser Lebensphase, jenen Leitstern, der meiner mühevollen Arbeit als Missionar leuchtete und heller als jedes irdische Licht erstrahlte –, hätte das Glück, meine geliebte, meine liebevolle Familie wiederzusehen, voll sein können. Aber, ach! Da war traurigerweise ein leerer Platz. Eine meiner Lieben war nicht mehr da. Eine, die mich stets mit einem Lächeln und mit liebevollem Herzen begrüsst hatte, war nicht mehr da, um auf den heiligen Ruf der Liebe zu reagieren. Charlotte, meine liebe Frau, war vom Tod heimgeholt worden, und ihre schöne Gestalt lag verwesend im stillen Grab. Doch fand ich in dem Gedanken Trost, dass ihr reiner Geist nun unter den heiligen Wesen in der Höhe weilt. Kurze Zeit nach Charlottes Hinscheiden, als ich gerade in Italien war, hatte eine Schwester in London, eine sehr treue Heilige, nämlich die Frau des Ältesten Jabez Woodard, in einer Vision eine wunderschöne Frau gesehen, das liebenswerteste Wesen, das sie je gesehen hatte, in weisse Gewänder gekleidet und mit Herrlichkeit gekrönt. Dieses Wesen sagte Mrs. Woodard, dass sie eine Ehefrau von Lorenzo Snow sei. So viel zu dem Tagebuch.
Alle Bilder des Lebens haben einen Hintergrund. Der erwähnte Tod dämpfte das, was andernfalls überschwängliche Freude gewesen wäre. Jedoch ist da eine ganz andere Lehre aus den Umständen dieses Todes zu ziehen, als sie dem uninformierten Leser in den Sinn käme – ein unwandelbares Zeugnis nämlich, dass Gott uns, zumindest manchmal, beim Wort nimmt und uns die Verantwortung überträgt, die Bündnisse, die wir mit ihm eingehen, auch zu halten.
Auf dem Berg in Italien, der später «Berg Brigham» genannt wurde, an eben jenem denkwürdigen Tag, da die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage dort errichtet wurde, sagte Lorenzo dem Herrn – kraft seines Geistes und aufgewühlt durch das heftige Interesse, das er an der Arbeit dort entwickelte, die in Finsternis verhüllt zu sein schien, und wahrscheinlich ohne sich der Bedeutung seines Bündnisses bewusst zu sein –, er wisse von keinem Opfer, das zu bringen ihm möglich wäre, das er dem Herrn nicht darbringen würde, damit sich seine Bitte im Hinblick auf die Mission, die vor ihm lag, erfüllen möge. Als ich eine Abschrift des Berichts über den Verlauf des Tages mit dem oben erwähnten Vorfall erhielt, war ich von dem zeitlichen Zusammenspiel zutiefst getroffen. Denn genau zu diesem Zeitpunkt – soweit es mir möglich war, das durch Vergleichen der Daten und Entfernungen zu bestimmen – holte der Herr durch die Hand des Todes eine der liebenswertesten Frauen aus dem Familienkreis meines Bruders zu sich zurück.
Charlotte starb ganz plötzlich. Ich war bei ihr und sah ihren letzten Atemzug. Ihr geliebter Ehemann war weit weg, aber sein Name war auf ihren sterbenden Lippen. Sie liebte echt, denn sie liebte aufrichtig, und so wie sie liebte, so wurde sie von allen geliebt, die sie kannten. So wie sie im Leben sehr schön gewesen war, war sie sogar im Tod noch schön. Sie hinterliess ein liebes kleines Mädchen, das, obwohl nunmehr der zärtlichen Mutterliebe beraubt, doch von den anderen Familienmitgliedern auf das Liebevollste umsorgt wurde. Sie ist jetzt die Frau eines ehrenwerten Mannes und Mutter von fünf Kindern.
Ich will hier von einem bemerkenswerten Ereignis berichten, das sich nach Charlottes Tod ereignete. Charlotte und Sarah Ann, eine andere Ehefrau, teilten sich ein Zimmer. Man wird sich erinnern, dass Lorenzo, bevor er nach Italien ging, ein Blockhaus als vorübergehende behelfsmässige Unterkunft für seine Familie gebaut hatte, bis er Zeit und Gelegenheit haben würde, ihnen etwas Besseres zu bereiten. Er wurde so schnell zur Abreise berufen, dass sich sehr wenig Gelegenheit bot, sie mit mehr zu versorgen als dem unbedingt Notwendigen, und natürlich waren seine Ehefrauen nicht jede mit einer eigenen Wohnung ausgestattet.
Nach Charlottes Tod verspürte Sarah Ann eine so traurige Einsamkeit, dass sie trotz aller Selbstbeherrschung, die sie aufzubringen vermochte, bei dem Gedanken, in diesem für sie so einsamen Zimmer schlafen zu müssen, ein Schauder überfiel. Es erforderte ihren ganzen Mut, das Zimmer bei Tag zu betreten, und mehrere Nächte lang legte sie sich in einem angrenzenden Zimmer schlafen, bis das folgende Ereignis, von dem sie mir erzählte, eintrat.
Eines Nachts, Sarah konnte nicht sagen, ob sie schlief oder wach war, eröffnete sich ihr eine Vision. Sie meinte, es sei um die Mittagszeit, und die ganze Familie sässe im Esszimmer, als ein strahlendes Licht, heller als die Sonne, hineinbrach. In der Mitte des Lichts kam Charlotte herein, setzte sich und nahm ihre kleine Tochter, Roxcy Charlotte, auf den Schoss. Das Licht, in dem sie gekommen war, verschwand. Sie sagte, sie sei glücklich, was durch ihren ruhigen, ausgeglichenen Gesichtsausdruck bestätigt wurde. Sie sagte: «Ich lebe an einem wunderschönen Ort.» Nach kurzer Zeit kehrte das strahlende Licht zurück, und Charlotte ging, wie sie gekommen war, inmitten des Lichts wieder hinweg. Zu diesem Zeitpunkt war Sarah Ann hellwach, und obwohl der Mond nicht schien, war ihr Zimmer hell genug erleuchtet, dass man (in ihren Worten) «gut genug sehen konnte, um eine Stecknadel aufzuheben». Diese einzigartige Kundgebung veränderte ihre Gefühle so vollständig, dass sie am folgenden Tag ihr Bett mit grösster Freude in das verlassene Zimmer brachte, aus dem alle Düsternis und Schwermut gewichen waren.
Nach einer Zeit der Abwesenheit weckt die Rückkehr eines Missionars in den Schoss seiner Familie Gefühle ungewöhnlicher Intensität. Anstelle heftiger Sehnsucht nach dem in der Ferne Weilenden war das Haus, das Zuhause dieser Frauen und Kinder, nun von einem strahlenden Glück erhellt. Während seiner Abwesenheit hatte nur das Porträt des Vaters an der Wand gehangen, das die Kinder mit liebevoller Achtung streichelten und anredeten. Als sie nun die Nachricht vernahmen, «er ist da», hallten heitere Freudenrufe in der bescheidenen Unterkunft wider, wie sie nur Kinder von sich geben können.
Ein kleines Mädchen namens Sylvia war, kurz nachdem ihr Vater das Zuhause verlassen hatte, geboren worden, und es schien seine Ankunft mit der gleichen Begeisterung zu erwarten wie die, die sich an ihn erinnern konnten. Nachdem er jedoch gekommen war, schenkte sie ihm keinerlei Beachtung und liess sich nicht überreden, sich ihm zu nähern. Am zweiten Tag nach seiner Ankunft kam sie ins Zimmer, als er im Kreise seiner Familie sass. Sie trat heimlich an eines der Kinder heran und erkundigte sich: «Ist das mein Vavvi?» Als ihre Frage bejaht wurde, ging sie zu einem anderen Kind und fragte: «Ist das mein Vavvi?» und erhielt die gleiche Antwort. Dann postierte sie sich unmittelbar vor ihrem Vater auf, sah ihm direkt ins Gesicht und fragte nachdrücklich: «Ist du mein Vavvi?» Er entgegnete: «Ja, ich bin dein Vater.» Darauf sagte sie: «Na schön, wenn du mein Vavvi ist, dann will ich dich küssen», und sie umarmte ihn und liess sich umarmen und gab ihm einen herzlichen Kuss.
Nun zu seinem Tagebuch: Mein Haus, das aus Baumstämmen, einem Dach aus Weidenzweigen und Lehm und einem sehr einfachen Fussboden besteht, war schon vor meiner Mission recht unbequem gewesen und liess sich nicht hinreichend verbessern, um den Anforderungen gewöhnlicher Annehmlichkeit zu genügen. Da ich nur wenig Mittel zur Verfügung hatte, fiel es mir schwer zu entscheiden, ob ich es auf mich nehmen sollte, ein passendes Gebäude für meine Familie zu errichten. Das folgende Ereignis entschied jedoch die Frage: Präsident B. Young lud zu einer Gesellschaft in der «Social Hall» ein, zu der auch meine Frauen und ich eingeladen waren. Meine Schwester Eliza bot uns freundlicherweise an, während dieser Zeit das Haus zu hüten und sich um die Kinder zu kümmern. Während wir uns in der Halle vergnügten, ging ein schwerer Regenschauer nieder, und bei unserer Heimkehr stellte sich heraus, dass meine Schwester gegen Schwierigkeiten anzukämpfen hatte, mit denen sie nicht gerechnet hatte, als sie uns freundlicherweise ihren Dienst angeboten hatte.
Alles, vom nackten Fussboden bis zu den Betten, dem Bettzeug usw. usw. war völlig durchnässt. Als der Regenschauer begann, bestanden die Teile des Daches über manchen Betten die Prüfung besser als andere. In die Betten, die unter diesen Teilen standen, schickte sie die Kinder, bis auch dort der Regen auf sie herabschüttete. Dann trug sie sie in ein anderes und trockeneres Bett, bis jedes Bett und sogar jeder Teil des Hauses vor Nässe nur so triefte. Als ich den Schauplatz um mich herum ansah, entschied das Bild von diesem Zustand die Sache, und ich beschloss zu bauen. Durch den Segen Gottes auf meinen Bemühungen und mit grosser Sparsamkeit und Beharrlichkeit übertraf der Erfolg meines Unternehmens meine kühnsten Erwartungen. Ich errichtete ein grosses, zweigeschossiges Lehmhaus mit neun Zimmern, stellte einige ganz davon fertig und zog mit der gesamten Familie ein. Ich verspürte aufrichtige Dankbarkeit dem gegenüber, der mir all das Gute gegeben hatte, sodass ich nun mit einem behaglichen und ansehnlichen Wohnsitz gesegnet war.
Während der Bauphase kniete sich Lorenzo oft, wenn ihn ausser dem Auge Gottes niemand sehen konnte, auf der Baustelle nieder und betete darum, dass die geringen Mittel, über die er verfügte, gesegnet seien und sich vervielfältigen würden. So hatte er durch Sparsamkeit, Arbeit, Anstrengung, Glaube und Gebet Erfolg.
Die Dichterin Eliza R. Snow (1804-1887) wurde Mitte der Fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts von Marsena Cannon fotographiert.
Aus: „Der Weg zum Licht“, Douglas Tobler und Nelson Wadsworth, Kehl am Rhein, 1987.
175 Jahrfeier
Anhang der Chronik
Kapitel Chronik
Historische Plätze
Mount Brigham (1850)
Tempel Zollikofen (1955)