Die Gesangbücher, Liederbücher und Chorbücher
für die deutschsprachigen Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
Ein Überblick, zusammengestellt von Christian Gräub
Das Singen geistlicher Lieder ist in den Versammlungen der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage seit jeher ein wichtiger Bestandteil. Nicht wenige Menschen haben durch die Kirchenlieder ein Zeugnis von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage erlangt oder sind dazu angeregt worden, ihre Lehren zu untersuchen, um sich der Kirche später anzuschliessen. Etlichen Mitgliedern waren die Kirchenlieder in schwierigen Zeiten eine unsichtbare und doch greifbare Brücke, die sie „auf einer geraden und schmalen Bahn über jenen immerwährenden Abgrund“ (siehe Helaman 3:29) führte, in dem sie sich zu verlieren drohten. Durch die Kirchenlieder dringen Lob und Preis, Dank und Anbetung zum Himmel. Das Singen der Kirchenlieder ist wie ein Ventil der Seele, die sich dadurch „sehr erweitert“, oder wie Tau, der auf sie niederträufelt (siehe LuB 121:42; 45).
Präsident Ezra Taft Benson (1899-1994) war bekannt dafür, dass er gute Musik schätzte und die Kirchenlieder liebte. Anlässlich der grossen Missions-Tagung an Ostern 1946 in Basel, die er als Mitglied des Rates der Zwölf in der Eigenschaft als Präsident der Europäischen Missionen besuchte, führte er die folgenden Gedanken aus, die den unschätzbaren Wert der Kirchenlieder für das Familienleben treffend schildern:
„(Ich) liebe die Musik sehr, ob sie nun von einer Gruppe (Pfadfinder) unter freiem Himmel vorgetragen wird oder vom Tabernakel-Chor auf dem Tempelplatz, oder ob es Musik ist, wie wir sie heute abend gehört haben, oder zu Hause in unsrer Familie – es ist so lieblich, sich guter Musik hingeben zu können. Ich möchte diesen einzigen Gedanken heute abend hinterlassen: Suchen Sie sich mit Ihren Familien dieser schönen Musik zu erfreuen. Singen Sie bei Ihnen zu Hause? Es braucht kein kunstvoller Berufsgesang zu sein. Stehen Sie nur um Ihr Klavier herum und singen Sie die Volkslieder Ihrer Heimat und dazu die Lieder Zions. Im Allgemeinen darf man wohl sagen, dass in einer Familie, die viel miteinander singt, keine ernsthaften Schwierigkeiten vorkommen. Gerade heutzutage betonen wir in der ganzen Kirche mit allem Nachdruck den Heim- oder Familienabend, wo die Familie wenigstens einmal in der Woche… zusammenkommt. … Ich kann Ihnen versichern, liebe Geschwister, dass wenn Sie solche Heimabende in Ihrer Familie durchführen und miteinander die Lieder Zions singen, Ihre gegenseitige Liebe und Achtung wachsen und der Glaube in den Herzen Ihrer Kinder gestärkt werden wird. Ihr werdet glücklicher sein. Gott helfe uns, gute Musik zu schätzen, wie überhaupt alle schönen und guten Dingen des Lebens…“. („Botschaften der Autoritäten an der Grossen Missions-Tagung“, Ostern 1946, 20., 21. und 22. April 1946, Seite 4).
„Ein Lied zum Familienheimabend“: Komposition von Evan Stephens, veröffentlicht im „Wegweiser“ Nr. 4 des Jahres 1928.
In der Tat ist „das Lied der Rechtschaffenen ein Gebet“ zu Gott, das „ihnen mit einer Segnung auf ihr Haupt beantwortet werden“ wird (LuB 25:12). Es ist es daher wert, die Geschichte der Gesang-, Lieder-, und Chorbücher für die deutschsprachigen Mitglieder in einer kurzen Abhandlung nachzuzeichnen:
Nicht lange nach der Gründung der Kirche am 6. April 1830 gab der Herr Emma Smith (1804-1879), der Frau des Propheten Joseph Smith (1805-1844), den Auftrag, ein Gesangbuch herauszugeben: „Und es wird dir auch gegeben werden, eine Auswahl von heiligen Liedern zu treffen, wie es dir eingegeben werden wird und wie es mir gefällt, dass sie in meiner Kirche verwendet werden.“ (LuB 25:11). Das erste englische Gesangbuch erschien im Jahre 1835 in Kirtland, Ohio.
1861 erschien in Zürich unter der Leitung von Jabez Woodard (1821-1870), dem Präsidenten der Schweizerisch-Italienisch-Deutschen und der Holländischen Mission, das erste Gesangbuch für die deutschsprachigen Mitglieder. Es umfasste 119 Lieder. Schon 1857 war in Genf unter John L. Smith (1828-1898), dem Präsidenten der Schweizerisch-Italienischen Mission, ein Gesangbuch in französischer Sprache – „Recueil de Cantiques à l’usage des Saints-des-Derniers-Jours“ – mit 53 Liedern erschienen.
Karl G. Mäser (1828-1901), Präsident der Schweizerisch-Deutschen Mission, gab am 1. Juli 1869 in der Missionskanzlei Zürich die zweite Auflage des deutschen Gesangbuches heraus.
Von Karl G. Mäser stammen zahlreiche uns wohlvertraute Übersetzungen der Kirchenlieder; viele erschienen zuerst in Gedichtform im „Darsteller“ oder im „Stern“. Als Missionspräsident veröffentlichte er die zweite Auflage des deutschen Gesangbuchs 1869.
(Mit Genehmigung von panarchiv).
Diese zweite Auflage war begleitet von einer typisch mäserschen Widmung, die bis zur Ausgabe von 1937 jedem Gesangbuch vorangestellt war:
Wenn Prüfung often dünkte uns zu lange,
Der Hoffnungsstern im Dunkel sich verlor;
Dann bei des Liedes seelenvollem Klange
Erhob das Herz zum Himmel sich empor.
Es folgte am 1. Juni 1875 unter Missionspräsident Johannes U. Stucki (1837-1918) die Herausgabe einer dritten Auflage, herausgegeben am Hauptsitz der Mission in Bern, Postgasse 33.
Die vierte Auflage vom 15. Oktober 1881, ebenfalls zu Bern, brachte die folgende Neuerung mit sich: „Wir glauben einem längst gefühlten Bedürfnis der deutschen Heiligen, in Zion sowohl wie in dieser Mission, entgegen zu kommen, wenn wir ihnen in diesem Gesangbuch eine Anzahl Lieder mit Noten begleitet herausgeben, indem dadurch eine Verbesserung und Veredlung im Gesang erzielt werden kann. Wir übergeben hiermit einem, in frühern Jahren herausgegebenen Gesangbuch (ohne Musik) eine Beilage von fünfzig melodischen Musikstücken, durch welche den Heiligen Gelegenheit geboten wird, dem Herrn ihre Lobgesänge in grösserer Harmonie darzubringen, als es ohne Noten möglich war.“ Die Veröffentlichung dieser vierten Auflage erfolgte unter Missionspräsident Johannes Alder (1827-1911). Wie im Vorwort erwähnt, war es das erste Mal, dass eine Anzahl von Liedern mit Noten versehen worden war.
Diesen fünfzig Melodien wurden in der fünften Auflage vom 1. Juni 1890, wiederum zu Bern, 78 weitere angefügt, „alles sorgfältig ausgewählte, meistens wohlbekannte und beliebte Melodien; theilweise den besten, uns zugänglichen Quellen entnommen, während einige eigens für diese Auflage komponirt wurden.» Viele dieser Arrangements waren von Ältesten Janne M. Sjödahl (1853-1939), dem späteren Chefredaktor der „Deseret News“ (1898-1899, 1906-1914; siehe „A voice in the West“ von Wendel J. Ashton) und Verfasser zahlreicher Lehrschriften für die Kirche, vorgenommen worden: „Durch die Güte von Präsident Teasdale [Apostel George Teasdale, 1831-1907, Präsident der Europäischen Mission] wurde uns der Älteste J. M. Sjödahl, ein in der Musik gründlich bewanderter Mann, welcher sich, von seiner Mission in Palästina zurückkehrend in Liverpool befand, zur Aushülfe gesandt; mit seiner Hülfe waren wir im Stande, das Werk einer gründlichen Revision zu unterwerfen und die Musik in demselben um ein Bedeutendes zu vermehren.“ („Stern“ vom 15. April 1890).
Während seiner beiden Präsidentschaften über die Schweizerisch-Deutsche Mission gab Johannes U. Stucki die dritte Auflage (1875) und die fünfte Auflage (1890) des Gesangbuchs heraus.
Diese fünfte Auflage erschien wieder unter der Aufsicht von Missionspräsident John U. Stucki (man beachte, wie er sich nun, während seiner zweiten Amtszeit, „John“ nennt; diese Veramerikanisierung von Vor- und selbst Nachnamen war damals gang und gäbe, was heute bei der Identifizierung von Personen teilweise enorme Schwierigkeiten bereitet).
Die sechste Auflage vom 9. Juni 1901 wurde erstmals ausserhalb der Schweiz produziert: Sie wurde in Berlin herausgegeben. Erstmals war auch ein Komitee ernannt worden, dass sich mit der Veröffentlichung befasste, bestehend aus den Ältesten Arnold H. Schulthess (1865-1924), dem Präsidenten der Deutschen Mission, Richard T. Haag (1867-1947) und John J. McClellan (1874-1925), letzterer Komponist der Melodie des Liedes „Süss ist dein Werk“ (Gesangbuch, Nr. 95), die 1892 erstmals im „Deseret Sunday School Song Book“ publiziert worden war. Von Richard T. Haag stammen zahlreiche, uns heute wohlvertraute Übersetzungen und Texte.
Das Komitee schrieb im Vorwort:
„Um für jedes Lied eine eigene Melodie zu gewinnen und mehrere neue einzuschalten, ist es nötig gewesen, einige Lieder, die wir sehr ungern vermissen, die aber leider ohne Melodien blieben, auszulassen. Dasselbe müssen wir sagen von Liedern mit vielen Versen, von denen nur einige Verse aufgenommen wurden. Diese Auslassungen könnten jedoch später vielleicht in einer „Ausgabe ohne Noten“ ersetzt werden.
Die im Texte und in Melodie gemachten Veränderungen werden bald Anerkennung finden, wenngleich sie anfangs der gewohnten Weise etwas auffallend entgegentreten werden.»
Elder Janne M. Sjödahl, ein gebürtiger Schwede, war vom Europäischen Missionspräsidenten George Teasdale nach Bern geschickt worden, um die Brüder bei der Herausgabe der fünften Auflage zu beraten und zu unterstützen. Er nahm zahlreiche Arrangements und Kompositionen vor, die heute im Gesangbuch nicht mehr enthalten sind.
Diese fünfte Auflage erschien wieder unter der Aufsicht von Missionspräsident John U. Stucki (man beachte, wie er sich nun, während seiner zweiten Amtszeit, „John“ nennt; diese Veramerikanisierung von Vor- und selbst Nachnamen war damals gang und gäbe, was heute bei der Identifizierung von Personen teilweise enorme Schwierigkeiten bereitet).
Die sechste Auflage vom 9. Juni 1901 wurde erstmals ausserhalb der Schweiz produziert: Sie wurde in Berlin herausgegeben. Erstmals war auch ein Komitee ernannt worden, dass sich mit der Veröffentlichung befasste, bestehend aus den Ältesten Arnold H. Schulthess (1865-1924), dem Präsidenten der Deutschen Mission, Richard T. Haag (1867-1947) und John J. McClellan (1874-1925), letzterer Komponist der Melodie des Liedes „Süss ist dein Werk“ (Gesangbuch, Nr. 95), die 1892 erstmals im „Deseret Sunday School Song Book“ publiziert worden war. Von Richard T. Haag stammen zahlreiche, uns heute wohlvertraute Übersetzungen und Texte.
Das Komitee schrieb im Vorwort:
„Um für jedes Lied eine eigene Melodie zu gewinnen und mehrere neue einzuschalten, ist es nötig gewesen, einige Lieder, die wir sehr ungern vermissen, die aber leider ohne Melodien blieben, auszulassen. Dasselbe müssen wir sagen von Liedern mit vielen Versen, von denen nur einige Verse aufgenommen wurden. Diese Auslassungen könnten jedoch später vielleicht in einer „Ausgabe ohne Noten“ ersetzt werden.
Die im Texte und in Melodie gemachten Veränderungen werden bald Anerkennung finden, wenngleich sie anfangs der gewohnten Weise etwas auffallend entgegentreten werden.
Das Komitee hat sich bemüht, den Forderungen gegenwärtiger Umstände zu genügen und übergibt nun das Werk den Heiligen deutscher Zunge mit dem Wunsche, dass sie Schritt halten mögen mit dem Fortschritt ihrer Brüder und Schwestern in Zion.
Den Komponisten, die speziell für dieses Werk geschrieben, als auch denen, deren Kompositionen von anderen Büchern ausgewählt wurden, sprechen wir hiermit unseren Dank aus. Wo es nötig war, den Wortlaut vom Englischen aufs Deutsche zu übertragen, haben wir den Geist und neuen Ausdruck des Liedes mit der Melodie zu vereinen gesucht.“
Erinnerung an die Auswanderer: Auswanderer-Denkmal in Bremerhaven, eingeweiht am 5. Juli 1986. Ein Grossteil der Lieder in den ersten Gesangbuchausgaben hatten die Auswanderung und das Leben in Zion zum Inhalt. Viele der Emigranten dichteten eigene Lieder bezüglich ihrer Auswanderung. So auch Heinrich Hug aus Weiningen, der sich mit dem „Lied der Auswanderer im Jahr 1859“ etwas die Zeit auf der langen Überfahrt vertrieb. Im Vers 11 von 30 Strophen heisst es: „Am Morgen, wenn man dann aufsteht, und wieder auf’s Verdecke geht, siehet man nichts als Meer und Meer, und’s Schiff schwankt immer hin und her.“
Fotographie vom 14. Mai 2003.
Damit sprach das Komitee genau all jene Schwierigkeiten an, die bei der Herausgabe eines jeden der folgenden Gesangbücher, zuletzt 1996, immer wieder für heftige Diskussionen sorgten.
Diese sechste Auflage war sehr lange in Gebrauch und erfuhr mehrere Neudrucke, die als 7., 8. und 9. Auflage bezeichnet wurden.
Praktisch zeitgleich mit der Herausgabe der sechsten Auflage von 1901 gaben Präsident Arnold H. Schulthess und Richard T. Haag am 8. November 1900 in Berlin das erste uns bekannte Kindergesangbuch heraus, das damals in der Sonntagsschule Verwendung fand. Die „Stern“-Redaktion gab dem Büchlein den Namen „Der Zions Sänger“ – Eine Sammlung von Sonntagsschulliedern für die Heiligen der letzten Tage der Deutschen und Schweizerischen Mission sowie aller Länder, wo die deutsche Sprache gebraucht wird. Das Büchlein wies nur die Texte der Lieder auf; interessanterweise sind einige in englischer Sprache gehalten, womit es Folgendes auf sich hat:
„Da der Herr es für passend gehalten, aus allen Sprachen der Welt die englische als das Mittel zu wählen, in dieser letzten Zeit die Fülle seines Evangeliums zu offenbaren und da viele unserer deutschen Geschwister deshalb mit Fleiss das Studium dieser Sprache betreiben, sind einige der Lieder mit englischem Text beigefügt. Es ist jedoch nicht ratsam dem Gedächtnis der Kleinen zu viel oder ganze Lieder auf englisch einzuprägen. Vielleicht könnten die englischen Texte hauptsächlich von den Ältesten oder von Mitgliedern der Theologischen Klasse als Solos, Duetts oder Quartetts gesungen werden und die ganze Schule dann jedesmal in den Chorus miteinstimmen. Auf diese Weise könnten leicht auch noch andere unserer englischen Zionslieder eingeführt werden.“ („Stern“ vom 15. Dezember 1900).
Arnold H. Schulthess, Präsident der Deutschen Mission in Berlin (1899-1901), unter dessen Leitung die sechste Auflage 1901 herausgegeben wurde und dem Elder Richard T. Haag das Lied „Horch das Gebet der Kinder“ widmete.
Damit sprach das Komitee genau all jene Schwierigkeiten an, die bei der Herausgabe eines jeden der folgenden Gesangbücher, zuletzt 1996, immer wieder für heftige Diskussionen sorgten.
Diese sechste Auflage war sehr lange in Gebrauch und erfuhr mehrere Neudrucke, die als 7., 8. und 9. Auflage bezeichnet wurden.
Praktisch zeitgleich mit der Herausgabe der sechsten Auflage von 1901 gaben Präsident Arnold H. Schulthess und Richard T. Haag am 8. November 1900 in Berlin das erste uns bekannte Kindergesangbuch heraus, das damals in der Sonntagsschule Verwendung fand. Die „Stern“-Redaktion gab dem Büchlein den Namen „Der Zions Sänger“ – Eine Sammlung von Sonntagsschulliedern für die Heiligen der letzten Tage der Deutschen und Schweizerischen Mission sowie aller Länder, wo die deutsche Sprache gebraucht wird. Das Büchlein wies nur die Texte der Lieder auf; interessanterweise sind einige in englischer Sprache gehalten, womit es Folgendes auf sich hat:
„Da der Herr es für passend gehalten, aus allen Sprachen der Welt die englische als das Mittel zu wählen, in dieser letzten Zeit die Fülle seines Evangeliums zu offenbaren und da viele unserer deutschen Geschwister deshalb mit Fleiss das Studium dieser Sprache betreiben, sind einige der Lieder mit englischem Text beigefügt. Es ist jedoch nicht ratsam dem Gedächtnis der Kleinen zu viel oder ganze Lieder auf englisch einzuprägen. Vielleicht könnten die englischen Texte hauptsächlich von den Ältesten oder von Mitgliedern der Theologischen Klasse als Solos, Duetts oder Quartetts gesungen werden und die ganze Schule dann jedesmal in den Chorus miteinstimmen. Auf diese Weise könnten leicht auch noch andere unserer englischen Zionslieder eingeführt werden.“ („Stern“ vom 15. Dezember 1900).
Die drei Brüder Schulthess, Haag und McClellan hatten schnell erkannt, dass das Potenzial, das das Sonntagsschulwerk bei der Missionsarbeit bot, bei weitem nicht ausgeschöpft war. Mit Hilfe der populären „Deseret“-Lieder, die sie aus Zion brachten und ins Deutsche übertrugen, gelang ihnen der Anfang eines mächtigen Aufschwungs, den das Sonntagsschulwerk in dieser Zeit nahm. Beim Durchsehen der alten „Stern“-Ausgaben aus dieser Zeit spürt man noch immer den Geist der Begeisterung und der Eintracht, den diese Brüder beflügelt haben muss, als sie zu Werke gingen. Es ist daher bedauerlich, dass das Lied „Wahrheitslicht“ (Gesangbuch 1964, Nr. 195), das aus der Feder von Richard T. Haag stammt und welches er im November 1899 „dem Singchor der Hamburger Gemeinde“ gewidmet hatte, im neusten Gesangbuch nicht mehr enthalten ist.
Typisch für die damalige Zeit ist auch ein anderer Text Richard T. Haags, den er Präsident Arnold H. Schulthess widmete: „Horch, das Gebet der Kinder“ (wird zur Melodie von Lied Nr. 73 im Gesangbuch gesungen). Bruder Haag führte dazu im „Stern“ vom 15. Juli 1899 aus:
„Die Veranlassung zu umstehendem Liede ist eine kunstvolle Familien-Photographie des Präsidenten Schulthess, welche letzte Woche im Bureau hier ankam und starke Männerherzen bis zu Freudentränen rührte. Eine Beschreibung des Bildes wird sicherlich alle Heiligen, ob fern oder nah, interessieren:
In der Mitte eines mit Frühlingsblumen geschmückten Zimmers sitzt die Mutter, die geliebte Gattin des weit entfernten Mannes. Ihr ganzes Wesen, so friedsam und ruhig, scheint von Andacht und Liebe durchströmt. Eben hat sie die frohe Kinderschar zum Abendgebet zusammengerufen und schon beugt sie ernst und mit stiller Gottesfurcht das schöne Haupt. Wer hört nicht den Gatten, wie er ausruft mit einer Thräne im Auge: „O du edles, mütterliches Herz. Sei vieltausendmal gesegnet! Ja wie sehr erleichterst du mir den Schmerz der Trennung durch das fromme Werk, das du im wahren Dienste des Herrn täglich so treu erfüllest!“
Die Kleinen, blühend wie die schönsten Rosenknospen, umringen die liebe Mutter, jedes an seinem gewohnten Platz. Wohl waren sie beschmutzt von der Arbeit und vom kindlichen Spiel, doch jetzt sind sie reinlich gewaschen und niedlich bereitet zur Ruhe. Sie tragen alle lange schneeweisse Nachtgewänder, nur der Säugling im Schosse der Mutter ist in kurzem anschmiegenden Hemdchen. Begierig streckt er die nackten Händlein aus, als ob er den Vater sehen könnte, und jener spricht ganz unwillkürlich: „Komm, ja komm! Du herrlicher Knabe, du unbefleckte Reinheit! O wie zieht mich dein heller so treu kindlicher Blick! Mögest du doch immer so fest, gesund und wohlgenährt bleiben, um einst für die Stürme und Strapazen des Lebens gerüstet zu sein!“
Eng bei der Mutter knieen die drei lieben Mädchen, Luise, Marie und Ruth. Im Herzen die Demut und die Seele rein wie das weisse Gewand! Alle drei (man sieht es ihnen an) werden in Zukunft zu den vornehmsten der Töchter Zions noch gezählt werden. Aus ihren Augen strahlt Liebe dem Vater entgegen und die Worte, die sie ihm sagen würden, lassen sich leicht von den friedevollen, so unschuldigen Gesichtchen ablesen: Auf der Mutter Wort thun wir hören, gehorsam, artig und fleissig zu sein; täglich gedenken wir dein im Gebet, lieber Vater, ja deiner vergessen wir nicht!
Der älteste Sohn kniet neben der Mutter. Er scheint ihr schon jetzt eine kräftige Stütze zu sein, und fest ihr zur Seite zu stehen, wenn sie die Abwesenheit des Vaters am tiefsten oft fühlt. Seine verständige Weise bezeugt, dass er die Wichtigkeit der Stunde in hohem Grade versteht, und seine so willig gefalteten Hände drücken die noch schlummernde Begeisterung aus, mit der er selbst einst, wie der Vater, als Friedensbote in die weite Welt ziehen wird.
Erhöre du, o Gott, das Gebet dieser Kinder, wie auch das Gebet der Eltern! Lass dein allsegnendes Licht während der Scheidung jede trübe Stunde in dem gebrochenen Familienkreis erhellen und erfülle den glücklichen Vater mit erneutem Mut und immer zunehmender Freude im herrlichen Missionswerke!»
Diese üppig geschmückte Erklärung mag uns heute etwas gar süsslich erscheinen, ist für die damalige Zeit jedoch typisch und trifft im Kern einen Umstand, dem sich Tausende von Mormonenmissionaren gegenübersahen: Ausgesandt in die Fremde, stossen sie auf viel Ablehnung, selbst Hass, Krankheit und Tod. Zu Hause aber wartet eine Familie, stolz, liebend und sorgenvoll zugleich, auf die heile Rückkehr des Missionars. Den Briefen aus dem Missionsfeld entnehmen die Angehörigen Freud und Leid, Höhen und Tiefen der Missionsarbeit. Jeden Tag beten sie, der Herr möge über die Missionare wachen, ihnen Erfolg schenken und sie aus Not befreien:
Horch, das Gebet der Kinder, lieblich in Gott vereint.
Dort um den Schoss der Mutter Unschuld und Friede scheint!
Es tönt wie Himmelsmusik; hell wie der Sonnenstrahl,
dringet ein Licht hernieder auf diese heilge Zahl.Wo ist heut unser Vater? Fort, fort in fernem Land!
Mit Gottes Wort und Liebe weit in die Welt gesandt.
O Herr, Du, sein Beschützer, führ’ ihn auf sich’rem Pfad
hin zu den Auserwählten nach deinem Himmelsrat.Stärk’ ihn mit frischem Mute, segne der Wahrheit Keim,
bring’ ihn nach treuem Werke glücklich nach Zion heim.
Lass, Herr, durchs stille Warten über uns allen weh’n
Seliges Hoffnungsbanner bis auf das Wiederseh’n!
„Der Zions Sänger“ wurde 1913 abgelöst von den „Deseret Sonntagschulliedern“, ein Werk, das in fünf Auflagen erschien, jedoch noch immer keine Noten aufwies. „Diese in äusserst gefälliger Form, gutem Einband und geschmackvoller Ausführung hergestellte Ausgabe enthält viele neue und herrliche Lieder, was von allen Sonntagsschul-Lehrern, -Lehrerinnen und -Schülern bewillkommt werden wird. Der Preis ist Fr. 0,50 oder Mk. 0,40.“. Mit dieser Anzeige machte der „Stern“ vom 1. April 1913 auf das neu erschienene Werk aufmerksam.
„Der Chor der Züricher Gemeinde“, erschienen im „Stern“ vom 1. Juli 1912.
„Abschiedslied“, abgedruckt im „Stern“ vom 1. September 1915.
„Der Zions Sänger“ hatte den wachsenden Ansprüchen der Sonntagsschule schon lange nicht mehr genügt, wie eine Notiz im „Stern“ vom 1. April 1907 deutlich macht: „Jeder, den die Verhältnisse der Sonntagsschule näher gebracht haben, wird die Verdienste unseres kleinen Zionssängers gerne anerkennen. Eines aber ist zu bedauern, das Werkchen ist gar zu klein, ermöglicht zu wenig Abwechslung. Ein Grund dafür ist wohl nicht vorhanden, denn der allgemeine Sonntagsschulausschuss in Zion hat keine Mühe gescheut, eine gediegene, zweckmässige Liedersammlung zu treffen. Um diesem Übelstande abzuhelfen, hat nun Bruder Jakob E. Hübner in Offenbach es freundlichst unternommen, noch einige Lieder ins Deutsche zu übertragen. Jedem Liede wird die englische Quelle beigefügt, wo die Melodie und alles andere Erforderliche zu finden ist. Weitere Empfehlung ist wohl nicht nötig.“
In den darauffolgenden „Stern“-Ausgaben erschienen denn auch zahlreiche Übersetzungen Bruder Hübners, wie:
„Herrlich wird von dir gesprochen“ (Gesangbuch 1964, Nr. 210)
„Jesus, mein Heiland treu“ (Gesangbuch 1964, Nr. 35)
„Lasst das Herze oft reden in Güte“ (Gesangbuch 1964, Nr. 184)
„Möchten doch wir Heilige“ (Gesangbuch 1964, Nr. 204)
„O sprich mir nicht von Ruhm und Tand“ (Gesangbuch 1964, Nr. 203)
„Täglich säend“ (Gesangbuch, Nr. 145)
Es ist schade, dass – wie die obige Auflistung zeigt – von den hübnerschen Übertragungen nur noch letztere im Gesangbuch enthalten ist.
Im Juli 1918 erschien in Basel unter Missionspräsident Angus J. Cannon (1867-1957) das legendäre „Deseret Sonntagschulliederbuch“, in dem die „Deseret Sonntagschullieder“ zum ersten Mal mit Noten versehen waren. Das „Deseret Sonntagschulliederbuch“ erfreute sich bald grosser Beliebtheit, und tatsächlich enthält es unzählige der noch heute beliebtesten Lieder. Alle paar Jahre bedurfte es eines Neudrucks, woran erneut der faszinierende Aufschwung des Sonntagsschulwerks in diesen Jahren sichtbar wird.
In der „Versammlung für Chorleiter, Organisten und Organistinnen“ anlässlich einer Konferenz in Zürich vom 8. und 9. April 1917 wurde unter der Leitung von Missionspräsident Angus J. Cannon Folgendes diskutiert:
„Ein Übel, dem abgeholfen werden sollte, ist das schlechte Notenmaterial der Chöre. Die hektographierten Blätter waren ja ein guter Notbehelf, aber sie haben viele Nachteile. Das Schlimmste ist, dass ein hektographiertes Lied gewöhnlich sehr undeutlich ist. Bei vielen muss man Noten und Worte mehr erraten als lesen. Da ist es denn kein Wunder, dass Lieder falsch einstudiert werden, oder dass die Mitglieder ihre ganze Aufmerksamkeit darauf verwenden, das Blatt zu entziffern, statt auf das Dirigieren zu achten. Auch haben diese Blätter ein viel zu grosses Format. Da die Noten so weit auseinander stehen, ist es nicht möglich, mit einem Blick eine ganze Linie zu übersehen, um dann die Augen wieder auf den Taktstock zu richten. Mit der Zeit werden diese Blätter überhaupt ganz unbrauchbar. Sie sehen, es muss hier eine Verbesserung gemacht werden, und ich möchte nun von Ihnen Vorschläge darüber hören.»
Es setzte nun eine rege, ziemlich lange Diskussion ein, die sich hauptsächlich um zwei Vorschläge drehte. Der eine war, sich neben dem Gesangbuch noch ein Buch mit religiösen Liedern für gemischten Chor anzuschaffen. Der andere war: das Missionsbureau soll von den hektographierten Liedern eine Auswahl drucken lassen. Der erste Vorschlag böte verschiedene Vorteile. Einmal wäre er leicht durchzuführen; denn man brauchte ja nur das Buch zu kaufen, und man wäre im Besitze einer Anzahl schöner Lieder. Doch zeigte sich im Verlauf der Diskussion, dass er auch Nachteile hätte; denn so ein Buch enthält neben einigen schönen Liedern auch eine grosse Anzahl weniger gute oder nicht für uns passende, die aber mitgekauft werden müssten. Ferner möchten wir hauptsächlich „unsere Lieder“, das heisst Lieder, die komponiert wurden von Männern unserer Kirche, wie die von Stephens [Evan Stephens, 1854-1930], und auch andere, die wir wegen ihres besonderen Geistes uns aneigneten, in einer brauchbaren Ausgabe haben, was durch den Kauf eines Buches nicht der Fall wäre. Die Diskussion lief dann nach vielem Hin und Her darauf hinaus, „unsere Lieder“ nach und nach, vielleicht in Heften von je zehn Liedern, drucken zu lassen, wobei die verschiedenen Chöre immer noch von sich aus, besonders auf Programme hin, die schönen Lieder von Bach, Beethoven, Mendelssohn, Schubert usw. für sich anschaffen können.“ („Stern“ vom 1. Mai 1917).
Das Resultat dieser langjährigen Bemühungen war die Veröffentlichung eines Chorliederbuches „für die Chöre der Schweizerischen und Deutschen Mission der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, herausgegeben im Jahre 1925, Basel/Leimenstrasse 49, von Fred Tadje (1886-1951), dem Präsidenten der Schweizerisch-Deutschen Mission (1927 erfolgte ein Neudruck in Deutschland). Zahlreiche der heute im Gesangbuch enthaltenen Lieder wurden in diesem Chorliederbuch zum ersten Mal veröffentlicht. Auch wurden viele der Kompositionen des ostpreussischen Kirchenmusikers Willy Reske (1897-1991) in das Werk aufgenommen. Präsident Tadje schreibt im Vorwort:
„Besonders regen Anteil an dem Zustandekommen des vorliegenden Werkes nahm Bruder Willy Reske in Königsberg, welcher der Mission durch die Durchsicht des gesammelten Materials, das Lesen der Korrektur und nicht zuletzt durch die Widmung vieler seiner eigenen Kompositionen den Fortschritt dieses Unternehmens beschleunigte. Auch Bruder John D. Montague trug durch das Sammeln und Anordnen von Chormaterial zur Reichhaltigkeit des Liederbuches wesentlich bei. Bruder F. Radichel [1891-] von Berlin und Schwester Marg. Hoyer vom Missionsbureau sei an dieser Stelle für die Revision verschiedener Liedertexte ebenfalls gedankt. Die mit der Herausgabe und Drucklegung verbundenen Arbeiten wurden von Bruder Jean Wunderlich [1903-1983] geleitet.“
Es ist unverständlich, dass schon seit langem keine einzige Komposition von Willy Reske mehr im deutschen Gesangbuch enthalten ist, zumal die englische Ausgabe von 1985 wenigstens zwei solche aufweist. Dem wird in Zukunft hoffentlich vermehrt Rechnung getragen.
Das Chorsingen wurde in den Zwanziger Jahren zur Leidenschaft der Mitglieder der schweizerischen und deutschen Missionen. Chöre mit über 100 Mitwirkenden waren die Regel. Besonders beliebt waren die Werke von Evan Stephens, allen voran die Oratorien „Die Vision“ und „Die Märtyrer“, die beide die Lebensgeschichte des Propheten Joseph Smith thematisieren. Aber auch Werke wie „Die Schöpfung“ von Franz Joseph Haydn (1732-1809) wurden erfolgreich zur Aufführung gebracht. Als Professor Stephens erfuhr, mit welcher Begeisterung seine Werke aufgenommen worden waren, verfasste er ein Dankesschreiben, das von der „Stern“-Redaktion veröffentlicht wurde:
„Es ist mir ein Bedürfnis, allen lieben Brüdern und Schwestern, welche in dem weitentfernten Deutschland meine Oratorien zum Vortrag gebracht haben, meinen Dank und meine Anerkennung auszusprechen. Es war eine grosse Überraschung und Freude für mich, zu erfahren, dass der Berliner Chor „Märtyrer“ und später „Die Vision“ vorgetragen hatte, und diese Freude erneuerte sich, als der Breslauer Chor und der Hamburger Chor zu verschiedenen Malen diesem Beispiel folgten. Es ist und wird mir immer ein freudiger Gedanke sein, dass meine einfachen Tonwerke, die ich hier im westlichen Amerika schuf, im entfernten Deutschland und in der Sprache der grössten Meister der Musik, die ich grenzenlos verehre, von Bach bis zu Wagner, vorgetragen worden sind, und noch dazu zur augenscheinlichen Zufriedenheit der Sänger, des Orchesters und der Zuhörer. Ich möchte nur der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass jeder Einzelne, der zu diesen Vorträgen beigetragen hat, sich in der Befriedigung der getanen Arbeit belohnt fühlen möge! Wie gern würde ich ungesehn und unerkannt Ihrem Vortrage gelauscht haben. Ich nenne absichtlich keine Namen, damit Sie alle wissen mögen, dass ich jedem von Ihnen herzlich danke und den Vater im Himmel bitte, Sie reichlich zu segnen.“ („Stern“ vom 15. Februar 1925).
Professor Evan Stephens, Verfasser zahlreicher Kirchenlieder und Chorwerke, diente dem Tabernakel-Chor von 1899 bis 1999 als Dirigent. Unter seiner Leitung nahm der Chor 1893 am Gesangswettstreit anlässlich der Weltausstellung in Chicago teil und errang den zweiten Platz, der mit einer Gewinnsumme von $ 1’000 dotiert war. Damals sagte Präsident Wilford Woodruff: „Ein Hirtenjunge kam von den Bergen herunter und ist heute hier, um diesen grossartigen Wettbewerb zu bestreiten.“ Als Hirtenjunge hatte Evan viel Zeit in der Natur verbracht, und er fühlte sich ihr zeitlebens eng verbunden, was in seinen Liedern immer wieder deutlich zum Ausdruck kommt.
Die Beschreibung, wie die Melodie der „Nephitischen Wehklage“ entstanden ist, stammt aus dem „Stern“ Nr. 5/6 von 1940. Es war dies die letzte „Stern“-Ausgabe, bevor die Herausgabe wegen der Naziherraschft und des Kriegs in Deutschland bis 1948 eingestellt werden musste. Ob die Redaktion des „Stern“ den verheerenden Ausgang dieses Krieges ahnte, als sie die Geschichte und das Lied der „Nephitischen Wehklage“ ganz zum Schluss des „Stern“ veröffentlichte?
Der Hamburger Chor führte „Die Vision“ gar in der grossen Hamburger Strafanstalt auf: „Wir brauchen uns nicht zu verwundern, dass die reinen klaren 65 Frauenstimmen den Augen der grimmigen Gesichter Tränen entlockten, und als das Echo der letzten „Hosianna“ verhallt war, setzte ein rauschender Beifall von den Zuschauern ein, der an das Lied mahnte „Lasset jauchzen Berg und Tal“. Mormonismus hat die „Seelen im Gefängnis“ erreicht.“ („Stern“ vom 1. August 1924).
Bisweilen setzte ein regelrechtes „Wettsingen“ zwischen den Chören der verschiedenen Konferenzen (Distrikte) ein, sodass Missionspräsident Fred Tadje mit Recht mahnte:
„Selbst von grossen Chören vorgetragene einfache Lieder, deren es eine Fülle in dem neuen Buche gibt, erweisen sich, wie der Tabernakelchor sehr oft gezeigt hat, als äusserst wirkungsvoll, und sind oft erbauender als grosse, schwierige Kompositionen.“ („Stern“ vom 1. April 1925).
1937 erschien ein neues Gesangbuch, das sowohl das reguläre als auch das „Deseret Sonntagsschulliederbuch“ – wie es jetzt hiess – in einer Ausgabe vereinigte. Dieses Gesangbuch enthielt erstmals ein Vorwort der Ersten Präsidentschaft, in diesem Fall von Präsident Heber J. Grant (1856-1945):
„Das Singen unsrer von Dienern Gottes geschriebenen Kirchenliedern hat einen mächtigen Einfluss bei der Bekehrung der Menschen zu den Grundsätzen des Evangeliums und zur Förderung des Friedens und des geistigen Wachstums. Der Gesang ist dem Herrn ein Gebet, wie er denn auch gesagt hat: [Zitat, siehe ‚Lehre und Bündnisse‘ 25:12]. Vergessen wir deshalb unsre Lieder nicht, wenn wir zum Gottesdienst gehen! Singet in euern Versammlungen! Und die Singenden mögen sich vertraut machen mit den in unsern Liedern enthaltenen schönen Gedanken! Das Singen der Lieder Zions, auch wenn es unvollkommen, aber unter dem Einfluss des Geistes Gottes geschieht, wird die Herzen der Aufrichtigen stärker rühren, als wenn sie noch so kunstvoll, aber ohne den Geist Gottes gesungen würden. Singet mit dem Geist Gottes! Liebet die Worte, die ihr singet! Ich bin überzeugt, dass die Lieder Zions, wenn sie im richtigen Geiste gesungen werden, einen friedevollen, ja einen himmlischen Einfluss in unsre Heime bringen, und dass sie auch bei der Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi viel helfen werden.“
Ein Neudruck erschien 1944 in Basel, Leimenstrasse 49, unter Missionsleiter Max Zimmer (1889-1957). Ab 1937 zählte man die Auflagen nicht mehr.
„Abschiedslied“, abgedruckt im „Stern“ vom 1. September 1915.
Ein Neudruck erschien 1944 in Basel, Leimenstrasse 49, unter Missionsleiter Max Zimmer (1889-1957). Ab 1937 zählte man die Auflagen nicht mehr.
1954 erschien eine gänzlich überarbeitete weitere Auflage des deutschen Gesangbuchs. Deutlich zu erkennen ist die zunehmende Internationalisierung: die englische und deutsche Ausgabe begannen sich merklich anzugleichen. Doch noch war das Gesangbuch stark regional verankert; Ältester Rudolf A. Noss (1903-1978), der damalige Schriftleiter des „Stern“ in Frankfurt am Main, dem sich seit geraumer Zeit abzeichnenden kirchlichen Hauptsitz für die deutschsprachigen Gebiete, prägte diese Ausgabe entscheidend mit. Etliche neue Texte wurden durch ihn, der schon als Schriftleiter für den „Wegweiser“ tätig gewesen war, beigesteuert. Das wohl auffälligste Beispiel ist das Lied „O heilige Wahrheit“ (Gesangbuch, Nr. 183): Der Text von John Jaques (1827-1900), der seinerzeit von Ältesten Karl G. Mäser ins Deutsche übertragen worden war, war in den englischen Gesangbuchausgaben seit 1887 mit einer Melodie von Ellen Knowles Melling (1820-1905) versehen. Diese Melodie fand erstmals Eingang ins deutsche Gesangbuch 1937, wo „O heilige Wahrheit!“ zweimal abgedruckt war, einmal zur herkömmlichen „alten“ Melodie und einmal zur Melodie von Ellen Knowles Melling. Eigentlich wäre zu erwarten gewesen, dass in der Ausgabe von 1954 die „alte“ Melodie verschwinden und der international gebräuchlichen von Ellen Knowles Melling Platz machen würde. Dank Rudolf A. Noss, der zu Ellen Knoweles Mellings Melodie einen eigenen Text verfasste – „O ringe um Wahrheit“ (Gesangbuch, Nr. 185) –, blieb die „alte“ anonyme Melodie erhalten. Es grenzt an ein Wunder, dass diese Besonderheit des deutschen Gesangbuchs selbst die strengen Auflagen von 1996 überstand.
Schon 1964 folgte eine überarbeitete Fassung der 1954er-Ausgabe; Abweichungen ergaben sich jedoch nur bei verhältnismässig wenig Liedern. Solche, die über viele Jahrzehnte lang im Gesangbuch enthalten, jedoch etwas übereilt entfernt worden waren, wurden wieder aufgenommen; andere, erst gerade neu aufgenommene, verschwanden wieder.
Die 1964er-Ausgabe blieb über 30 Jahre lang in Gebrauch. Als 1985 eine neue englische Ausgabe herausgegeben wurde, beschloss die Erste Präsidentschaft der Kirche, nach und nach ein standardisiertes, einheitliches Gesangbuch für alle Sprachregionen der Kirche herauszugeben. Bis es aber im deutschsprachigen Raum soweit war, sollte noch viel Wasser den Rhein hinunterfliessen.
Zwischenzeitlich erschien 1965 das erste Kindergesangbuch „Die Kinder singen“ – „für alle Kinder…, im besonderen aber für die Kinder in den Junior-Sonntagschulen und den Primarvereinigungen“ –, seitdem im Jahre 1937 das „Deseret Sonntagsschulliederbuch“ und das Gesangbuch vereinigt worden waren. Die meisten Lieder waren dem „The Children Sing“ Gesangbuch entnommen worden.
„Die Kinder singen“ wurde 1979 abgelöst vom „Sing mit mir“, das englische Original trug den Titel „Sing With Me“. Kurz darauf wurde auch das Ergänzungsheft „Mehr Lieder für Kinder“ herausgegeben.
Ein Chor der Berner Gemeinde in den Fünfziger Jahren.
(Zur Verfügung gestellt von Karl und Erika Stüssi, Bern.)
Das Musikkomitee der Kirche schrieb im Vorwort des „Sing mit mir“:
„Bei dem gegenwärtigen Wachstum der Kirche, wodurch die unterschiedlichsten Kulturbereiche und Kunstauffassungen einbezogen werden, gibt es keinen Musikstil, der die Bedürfnisse aller Kinder erfüllen würde. Dieses Buch ist der erste Meilenstein auf dem Weg dazu, einen umfassenderen Querschnitt durch die Musik für die Kinder zu geben. Wir bitten unsere Gesangsleiterinnen und Organistinnen dringend, die schönen und ungewohnten Klänge zu berücksichtigen, die einige dieser neuen Lieder bieten. Die meisten Kinder schätzen es, wenn eine Vielfalt von Gefühlen und Stimmungen durch Musik ausgedrückt wird. Wir Erwachsenen lassen uns viel zu oft von unserem eigenen Geschmack verführen, die Erfahrungsmöglichkeiten unserer Kinder einzuschränken. Letztenendes soll sich unser Musikprogramm für Kinder um ein anerkanntes Liederrepertoire gruppieren, das den Kindern selbst am besten gefällt.“
Im „Sing mit mir“ werden tatsächlich erste Ansätze sichtbar, vermehrt Melodien von ausserhalb der Vereinigten Staaten oder solche mit einem modernen Charakter in den kirchlichen Gesang einfliessen zu lassen. Diese Entwicklung scheint sich jedoch nicht weiter fortgesetzt zu haben, eher ist eine Rückkehr zur Vereinheitlichung im amerikanischen Stil festzustellen. Angesichts der zunehmenden Internationalisierung der Kirche wird es zweifellos zur Herausforderung der Zukunft gehören, der kulturellen musikalischen Vielfalt in den Gesangbüchern der Kirche mehr Platz einzuräumen, dabei aber trotzdem eine gewisse Einheitlichkeit zu wahren, die es erlaubt, die Lieder überall auf der Welt zu singen. In diesem Zusammenhang ist zu überlegen, ob den verschiedenen Regionen nicht mehr Platz eingeräumt werden sollte für Lieder aus dem eigenen Kulturraum, die dann nur in den Gesangbüchern der jeweiligen Region abgedruckt werden. Selbstverständlich wird die Evangeliumsbotschaft überall die gleiche bleiben, doch kann diese durchaus zu Melodien gesungen werden, die unserer abendländischen Kultur fremd sind. Erste Bemühungen in dieser Richtung wurden bei der Herausgabe der neusten Gesangbuchgeneration von 1985 unternommen, doch ist zu bezweifeln, ob das in Zukunft genügen wird.
Chor-Werbung im „Wegweiser“ Nr. 2 vom Februar 1930.
Das Chorbuch aus den Jahren 1925/1927 war schon lange vergriffen, als unter Hans B. Ringger (*1925), dem Präsidenten der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in der Schweiz, sich ein Komitee formierte, das die Herausgabe eines neuen Chorbuches vorbereitete, welches 1985 veröffentlicht wurde. Präsident Ringger schrieb im Vorwort:
„Schon in alter Zeit hat der Herr Seine Kinder aufgefordert, Ihn im Gesang zu verehren. „Ihr Heiligen lobsingt dem Herrn, danket und preiset Seine Heiligkeit…“ (Psalm 30:5). Auch durch das Wort des Herrn in diesen Tagen wissen wir, dass Er sich am Lied der Rechtschaffenen erfreut und sie dafür segnen wird (LuB 25:12). Eine dieser Segnungen wird sein, dass wir Seinen Geist in reicherem Masse verspüren und dass unser Zeugnis von Seiner Liebe wachsen wird. Deshalb sollten geistlicher Musik und gutem Gesang in unseren Gottesdiensten eine besondere Stellung zukommen.
Möge das vorliegende Chorbuch der Verbreitung der Evangeliumsbotschaft und der Verherrlichung des Namens unseres Gottes dienen.“
Wie bereits erwähnt, veröffentlichte das Musikkomitee der Kirche im Jahre 1985 eine neue englische Gesangbuch-Ausgabe. Eine der einschneidendsten Neuerungen war das Heruntersetzen fast aller Lieder in eine tiefere Tonart. Diese Massnahme blieb bis heute umstritten, zumal sie bei zahlreichen Liedern aufgrund der Singbarkeit allein nicht notwendig gewesen wäre. Vielfach diente sie der Vereinfachung des Notensatzes; bei der zunehmenden Verbreitung und dem enormen Wachstum der Kirche in Entwicklungsländern ein durchaus sinnvoller Eingriff, wenn auch zu Lasten der musikalischen Vielfalt. Der typische „Sonntagsschullied“-Charakter des 19. Jahrhunderts, den einige Lieder aufwiesen („Eine Sonne mir im Herzen scheint“ (Gesangbuch, Nr. 155); „Erstaunt und bewundernd“ (Gesangbuch, Nr. 118); „Ich hab manche Pflicht zu tun“ (Gesangbuch, Nr. 151); „O mein Vater“ (Gesangbuch, Nr. 190), usw.) wurde teilweise arg beschnitten und in eine etwas sakralere, choralmässigere Form gezwängt.
Die englische 1985er-Ausgabe sollte zum Massstab für die Gesangbuchausgaben aller anderen Sprachen werden. Abweichungen wurden nur selten geduldet.
100 Lieder waren vom Musikkomitee der Kirche ausgewählt und von der Ersten Präsidentschaft bestätigt worden; weitere 50 hatte das Musikkomitee zur Auswahl empfohlen, sie durften aber von den 14 Pfahlkomitees im deutschsprachigen Raum mitbestimmt werden. Die restlichen 50 Lieder wählten die 14 Pfahlkomitees in einem demokratischen Verfahren mehrheitlich selbst aus: nur die Lieder mit den höchsten Stimmenzahlen wurden berücksichtigt. Meines Erachtens wirkte sich die Beschränkung der Liederzahl auf 200 Lieder nachteilig auf die Vielfalt des deutschen Gesangbuches aus. Diese Bestimmung hatte zur Folge, dass 1/3 aller Lieder aus dem Gesangbuch ausscheiden mussten, darunter solche, die seit der ersten Ausgabe ununterbrochen enthalten waren, wie „Ermuntert euch, ihr Frommen!“ (Gesangbuch 1964, Nr. 68), „Lobt den Herrn!“ (Gesangbuch 1964, Nr. 196) oder solche, die sehr beliebt waren, wie „Wenn die trüben Nebel schwinden“ (Gesangbuch 1964, Nr. 79).
Sämtliche Texte sollten neu überarbeitet und so eng wie möglich dem englischen Original angeglichen werden (das ging bisweilen soweit, dass sogar „Ein feste Burg ist unser Gott“ – dieses urdeutsche Lied aus der Reformationszeit von Martin Luther (1483-1546) – nach dem englischen Text (!) zurückübersetzt hätte werden sollen). Auf gewachsene Strukturen wurde anfänglich keine Rücksicht genommen. Dies hätte sich für das deutsche Gesangbuch als fatal erwiesen.
Bald regte sich Widerstand in den einzelnen deutschsprachigen Pfählen. Es wurde ein aus musikverständigen Mitgliedern bestehendes Komitee gebildet, welches sich nachdrücklich für die Musikalität der Liedtexte einsetzte und dabei Rücksicht auf historische Entwicklungen nahm. An den meisten Übertragungen von Karl G. Mäser beispielsweise wurden danach keine oder nur geringfügige Veränderungen vorgenommen – glücklicherweise! Auf bedeutende Lieder, wie „Was klingt in diesen Tagen“ (Gesangbuch, Nr. 9), die in der Abstimmung der Pfähle zwar wenig Stimmen auf sich vereinigten, aufgrund ihrer wichtigen historischen Stellung jedoch nicht einfach weggelassen werden konnten, wurde Rücksicht genommen.
Ich bin der Meinung, dass das Komitee zusammen mit der Übersetzungsabteilung der Kirche angesichts der verschiedenen Auflagen, Bestimmungen und Einschränkungen sowie der sich daraus ergebenden Interessenskonflikte eine ausgezeichnete Arbeit leistete. Eine Überarbeitung des Gesangbuchs von 1964 war zweifellos nötig, gewisse Sonntagsschultexte waren derart überholt, dass sie längst schon peinlich wirkten. Die Gründlichkeit, mit der an jedem Lied gearbeitet wurde (teilweise sieben- bis achtmaliges Überarbeiten, Ringen um jedes einzelne Wort), hat sich grösstenteils ausbezahlt.
Das Gesangbuch von 1996 weist gegenüber den früheren entscheidende Vorteile auf: Erstens ist es sauber nach Themen strukturiert (dies war bereits in den Ausgaben 1861 bis 1901 der Fall). Zweitens ist es durch die Schriftstellenangaben am Ende eines jeden Liedes viel enger mit den Heiligen Schriften verknüpft. Drittens enthält es im Anhang ein umfassendes, markant verbessertes Stichwortverzeichnis. Und viertens sind darin Hinweise enthalten, die für weniger geübte Musikbeauftragte, Gesangsleiter und Gesangsleiterinnen sowie Organisten und Organistinnen sehr wertvoll sind. Das umfassende, erbauende Vorwort der Ersten Präsidentschaft verleiht dem Gesangbuch einen würdigen Rahmen.
Im „Stern“ vom Dezember 1996 kündigte die Gebietspräsidentschaft unter Präsident Dieter F. Uchtdorf (*1940) das neue Gesangbuch wie folgt an:
„Immer wieder wurde danach gefragt, die Gemeinden warten geradezu sehnsüchtig darauf: Was lange währt, wird endlich gut – nach Jahren intensiver Arbeit erscheint zum Jahresende das neue deutsche Gesangbuch der Kirche.
Über ein Vierteljahrhundert diente uns das alte, blaue Buch. Die Texte sind uns so vertraut, dass einige Zitate sogar zu geflügelten Worten wurden. Als weltweit das neue Gesangbuch der Kirche herausgegeben wurde, durften auch wir im deutschsprachigen Raum dieses Buch neu gestalten. Durch die Veränderungen der deutschen Sprache kam es im Laufe der Zeit zu Verschiebungen in der Bedeutung einzelner Begriffe, die es jungen Leuten schwermachen, Zugang zu manchen alten Texten zu finden. Ausserdem hat sich die Organisation der Kirche in manchen Bereichen geändert; so gibt es beispielsweise den gemeinsamen Teil der Sonntagsschule nicht mehr, und daher finden wir auch kaum noch Gelegenheit, die typischen Lieder der Sonntagsschule zu singen.
In vielen Pfählen wurden damals Komitees gegründet. Dutzende von Brüdern und Schwestern aus dem ganzen deutschen Sprachraum leisteten wertvolle Beiträge zu diesem Projekt. Schliesslich sammelte ein Komitee unter Weisung der Gebietspräsidentschaft alle Vorschläge und wertete sie aus. Es ist kaum zu beschreiben, mit welcher Sorgfalt und welchem Sachwissen die Komiteemitglieder zu Werke gingen. Immer wieder wurde geändert und ausprobiert, immer wieder gab es neue Informationen. Sogar Recht und Gesetz spielten eine wichtige Rolle, wenn es um das Urheberrecht an einem Notensatz oder einem Text ging.
Manch ein altvertrautes Lied ist im neuen Gesangbuch nicht mehr vertreten. Dafür sind aber sehr schöne neue Lieder aufgenommen worden, die weltweit in allen Sprachen gesungen werden und sicher bald einen festen Platz in unserem Gemeindegesang haben werden. An anderen Liedern sind notwendige Änderungen im Text oder Notensatz vorgenommen worden. Das Evangelium ist auf der ganzen Welt gleich, und so soll es auch mit den Liedern sein, die überall in der Kirche gesungen werden.
Das neue Gesangbuch ist aber nicht nur international. Aus dem reichen Liedgut des gesamten deutschen Sprachraums sind viele schöne Lieder ausgesucht worden, die zur Lehre der Kirche passen und es auch dem deutschsprachigen Europäer ermöglichen, sich seiner eigenen kulturellen Wurzeln zu erfreuen.
Natürlich kann ein Buch wie dieses kaum jemals alle Wünsche und Erwartungen erfüllen – zu zahlreich sind die Wünsche, zu vielschichtig die Überlegungen. Wir können jedoch sicher sein, dass alle Beteiligten sich grosse Mühe gegeben haben, und dass am Ende ein gutes Gesangbuch entstanden ist, an dem wir viel Freude haben werden.
So gilt nun unser Dank all den Schwestern und Brüdern, die einen Beitrag zum Gelingen dieses Werkes geleistet haben. Das neue Gesangbuch wird die Grundsätze des Evangeliums in Herz und Gedächtnis vieler Menschen verankern.“
Eines der neuen Lieder in der 1996er-Ausgabe, „Kommt und singt von Zion“ (Gesangbuch, Nr. 22), stammt von Professor Merrill K. Bradshaw (1929-2000), der zwischen 1949-1952 in der Schweizerisch-Österreichischen Mission diente. Als Richard H. Cracroft im Dezember 1985 zum Missionspräsidenten der Schweiz Zürich Mission berufen wurde, dichtete er im April 1986 das Lied „Der Schwyzer Missionar“ und bat seinen Freund Merrill Bradshaw, den er von der Arbeit an der BYU-Fakultät her kannte, eine Melodie zum Text zu komponieren. Dieser – mit dem Leben der Menschen in den Alpenländern gut vertraut – komponierte eine Melodie im Stil eines schweizerischen Volkslieds, das „allerdings unter den Missionaren nie zum grossen Renner wurde“, so Präsident Cracroft später.
Als letztes stand die Überarbeitung des Kinderliederbuches an. Auch hier galten die strengen Kriterien, wie sie schon beim Gesangbuch von 1996 zur Anwendung gekommen waren. Im Gegensatz dazu blieb aber diesmal fast kein bestehender Liedtext gleich; für Erwachsene, die die Lieder als Kinder auswendig lernten, eine ungünstige Entwicklung. Es bedarf womöglich zweier Generationen, bis betroffene Lieder wieder so unbeschwert und so selbstverständlich gesungen werden, wie dies bis anhin der Fall war. Man hat meines Erachtens unnötig riskiert, dass in einer Zeit, in der das häusliche Musizieren und Singen immer weniger gepflegt wird, das verbindende Element des gemeinsamen Gesangs in der Familie weiter verschwindet, ganz einfach deshalb, weil Kinder und Eltern nun nicht mehr die gleiche Sprache sprechen. Es mutet daher etwas ironisch an, wenn im Vorwort zum neuen Liederbuch steht: „Musik kann auch Vergangenheit und Zukunft miteinander verbinden. Eines Tages wirst du vielleicht diese Lieder mit deinen Kindern singen.“ Es bleibt zu hoffen, dass die Zeit auch hier die Wunden heilt, und dass die Texte künftig so belassen werden, wie sie nun eben halt mal sind.
Das „Liederbuch für Kinder“ erschien im Jahr 2001. Trotz den erwähnten Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, wird es aufgrund der vielen populären neuen Lieder, die aufgenommen worden und die nun in Deutsch erhältlich sind, seinen Platz unter den Liederbüchern der Heiligen der Letzten Tage finden.
Dazu beitragen wird zweifellos auch, dass die Lieder seit dem Jahr 2003 auf Musikkassetten und demnächst auch als CD-Set erhältlich sind, was das Einüben der neuen Lieder und Texte wesentlich vereinfacht.
Bald werden es 150 Jahre sein, seit das erste deutsche Gesangbuch der Kirche erschien. Das Gesangbuch ist ein Spiegelbild der Geschichte der Kirche, einerseits der lokalen, andererseits der weltweiten Kirche, in der immer mehr verschiedene Kulturen aufeinander treffen.
Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war das Gesangbuch wie überhaupt die ganze Literatur der Kirche ein überwiegend schweizerisches Produkt. Zwei Themen waren in diesen ersten Gesangbuchausgaben vorherrschend: Das Lied zum Lobe Gottes und die Sammlung der Heiligen aus aller Welt im Salzseetal. „Weg von Babylon, auf nach Zion!“ war das beherrschende Thema, nicht nur im Gesangbuch, sondern auch in sämtlicher Kirchenliteratur und in allen Predigten. Damit verbunden die Aussenseiterrolle, die die Mormonen in der Gesellschaft einnahmen, die kulturelle Kluft zwischen Mormonen und Nichtmormonen, die Verleumdung der Kirche durch die Presse und schliesslich die Verfolgung einzelner Angehöriger dieser Religion, auch in der Schweiz. Johannes Huber (1840-1914), der Verfasser zahlreicher Gedichte für den „Stern“, ging mit Humor über die Ansichten und Meinungen der Kommentatore hinweg, wie nachstehendes Gedicht zeigt (Auszug, erschienen im „Stern“ vom Juli 1872):
`S war eine Zeit, wo den Mormonen
viel Druckerschwärze man geweiht.
In Nah’ und Fern’, in allen Zonen
wurd’ Übel ihnen prophezeit.Wenn Unglück über uns gehangen,
schrieb man’s in alle Welt hinaus;
nun Alles gut vorbeigegangen,
da trocknet alle Tinte aus.Die Wahrheit hat ein hartes Ringen,
und langsam nur tritt sie daher;
weil Lüge eilt mit Adlersschwingen
voran ihr über Land und Meer.Bald ware Brigham Young gefangen,
nachher in alle Welt gefloh’n,
und wurde wieder dann gehangen. –
Da hiess es: „Ah, man hat ihn schon!“Bald thate er ein Thal ermorden,
und hasste auch Loyalität;
gehörte zum geheimen Orden,
der `s liebe Vaterland verräth.Bald waren es entfernte Inseln,
dahin man ihn verbannen wollt’ –
dort sollten die Mormonen winseln,
wo noch der Cannibale grollt.
Um die Jahrhundertwende, als die Kirche in Deutschland zu erstarken anfing, nahm der Anteil von Beiträgen deutscher Mitglieder zu. Die Einführung des Sonntagsschulwerkes und der anderen Hilfsorganisationen in der Schweizerisch-Deutschen Mission weckte das Bedürfnis nach geeigneten Liedern für diese Organisationen. Die typischen Sonntagsschul-, G.F.V.- (Gemeinschaftlicher Fortbildungs-Verein) und L.D.S.-Boy-Scouts-Lieder wurden übersetzt und veröffentlicht, in den Zwanziger Jahren zuerst in der Zeitschrift „Unsere Sonntagsschule“, danach im „Der Wegweiser“. Die „Emigranten“-Lieder traten in den Hintergrund und verschwanden schliesslich ganz.
Bald nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs errichtete die Kirche einen neuen Hauptsitz für die deutschsprachigen Gebiete in Frankfurt am Main. Der bisher dominante schweizerische Einfluss schwand schnell. Zudem stellte sich eine zunehmende Internationalisierung ein. Während früher die Publikation von Literatur aller Art (auch die Herstellung von Leitfäden) ganz in den Händen des Missionsbüros unter Leitung des jeweiligen Missionspräsidenten lag, entstanden nun Ausschüsse und Komitees, die sich auf überregionaler Ebene diesen Aufgaben annahmen. In den Fünfziger Jahren waren diese noch stark in Deutschland verankert, verlagerten sich aber in den Sechziger Jahren zunehmend in den Einflussbereich der Europäischen Mission mit Sitz in Liverpool, wo in der Regel ein Mitglied des Kollegiums der Zwölf präsidierte. Seit Beginn der Achtziger Jahre wird das ganze Programm vom Hauptsitz der Kirche in Salt Lake City aus koordiniert. Definitiv vorbei sind die Zeiten, als der „Stern“ noch „von Jean Frey, Dianastrasse 5 u. 7, Zürich“, gedruckt wurde.
Das deutsche Gesangbuch zeichnet diese Entwicklung beispielhaft nach. Die 1964er-Ausgabe steht mit einem Bein in der Vergangenheit, als noch zu den Klängen rassiger Märsche klassenweise in die Sonntagsschule marschiert wurde. Andererseits schlägt sie bereits die Brücke zu einem modernen Zeitalter. Die 1996er-Ausgabe nahm diese Entwicklung konsequent auf und verabschiedete sich vollends von „Kinder, kommt nie in die Sonntagsschul spät“ (Gesangbuch 1964, Nr. 132). An die Stelle dieser Lieder traten vermehrt solche geistlicher Natur. Jesus Christus und sein erhabenes Werk stehen nun ganz im Zentrum der Texte, genau so, wie die Mission Jesu Christi in den letzten Jahren vermehrt ins Zentrum der kirchlichen Belehrung und Verkündigung rückte (man denke beispielsweise an den Zusatz zum Titel des Buches Mormon: „Ein weiterer Zeuge für Jesus Christus“, der 1982 angebracht wurde, an die Hervorhebung von JESUS CHRISTUS im Kirchenlogo seit 1995, oder an die Erklärung „Der lebendige Christus“ von der Ersten Präsidentschaft und dem Rat der Zwölf, die im Januar 2000 veröffentlicht wurde).
Als Pünktlichkeit bei Sonntagsversammlungen noch einen anderen Stellenwert einnahm als heute: Die Basler Sonntagsschule verkündet im „Stern“ vom 1. August 1914: „Pünktlichkeit ist das ewige, unabänderliche Gesetz des Weltalls“.
Es ist den Mitwirkenden der 1996er-Ausgabe hoch anzurechnen, dass aus diesen wichtigen historischen Epochen wenigstens einige wenige Vertreter im Gesangbuch belassen wurden, womit beim Singen solcher Lieder sich Generationen von Heiligen der Letzten Tage miteinander verbinden und vereinen.
Zum Abschluss seien hier einige Gedanken von Elder Dallin H. Oaks (*1932) vom Kollegium der Zwölf wiedergegeben, die er anlässlich der Generalkonferenz vom Oktober 1994 vortrug („Gottesverehrung durch Musik“, „Stern“ vom Januar 1995):
„Das Singen der Kirchenlieder ist eine der besten Methoden, wie wir uns mit dem Geist des Herrn in Einklang bringen können. Ich frage mich, ob wir in unseren Versammlungen, im Unterricht und zu Hause von diesem gottgesandten Hilfsmittel ausreichend Gebrauch machen.
Wir müssen unsere Lieder mehr dazu nutzen, uns mit dem Geist des Herrn in Einklang zu bringen, uns einig zu werden und uns zu helfen, dass wir unsere Lehre lehren und lernen. Wir müssen unsere Lieder beim Missionieren, im Evangeliumsunterricht, in den Kollegiumsversammlungen, beim Familienabend und bei unseren Heimlehrbesuchen besser nutzen. Die Musik ist ein wirksames Mittel, den himmlischen Vater und seinen Sohn, Jesus Christus, zu verehren. Wir müssen die Kirchenlieder nutzen, wenn wir geistige Kraft und Inspiration brauchen.“
Die nachfolgende Liste „Historische Entwicklung der Gesang-, Lieder- und Chorbücher der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage im deutschsprachigen Raum“ soll in einem Überblick aufzeigen, wann welche Lieder in welche Gesang-, Lieder- oder Chorbücher aufgenommen wurden. Ferner, wann sie zum ersten Mal in einer Zeitschrift der Kirche veröffentlicht wurden, sofern dies bekannt ist. Es war lange Zeit üblich, neue Übersetzungen oder Dichtungen zuerst in Versform im „Stern“ erscheinen zu lassen. Die Flut an neuen Gedichten von Mitgliedern der Mission muss eine Zeit lang so überhand genommen haben, dass sich Karl G. Mäser veranlasst fühlte, die folgende Notiz im „Stern“ vom Oktober 1869 erscheinen zu lassen:
„Viele von den im Laufe der Zeit im „Stern“ noch zu veröffentlichenden Gedichte werden mit fortlaufenden Nummern, anschliessend an die des neuen Liederbuches, versehen sein, damit die Heiligen dieselbe in der so bezeichneten Ordnung eintragen können; wodurch hoffentlich in Zukunft die grosse Unordnung in der Sammlung der selbstgewählten und geschriebenen Lieder vermieden wird, welche bisher hier und da zu finden war, da unter ihnen oft sehr ungeeignete Lieder die Gesangbücher eher entwürdigten als bereicherten.“
Eine weitere Rubrik gibt an, von wem die Übersetzung stammt (ebenfalls, sofern bekannt). Den Hinweis auf die Übersetzung erachte ich als deshalb so wichtig, weil jeder Übersetzer und jede Übersetzerin dem Lied einen eigenen, oft unverkennbaren Stempel aufdrückte, der zur charakteristischen Vielfalt der Texte in unserem Gesangbuch wesentlich beiträgt. Bescheiden äusserte sich Karl G. Mäser zu den von ihm übertragenen Gedichten, als er die Struktur der „Stern“-Ausgaben erläuterte:
„Siebentens kommt allemal ein Gedicht, das durchaus nicht Anspruch auf grossen poetischen Werth macht, sondern die Lieder der Heiligen in Zion auch den Heiligen deutscher Zunge zugänglich zu machen beabsichtigt. Deshalb ersuche ich meine Brüder, die reisenden Ältesten, die Zionsmelodien derselben, mit denen sie so wohl bekannt sind, in den Gemeinden einzuführen.“ („Stern“ vom Mai 1869).
Die Liste bezieht sich vor allem auf die Texte der Lieder. Das Gesangbuch weist eine gewachsene Struktur auf, was nirgends deutlicher wird als bei den Melodien der Lieder. Nicht selten ist im Laufe der vergangenen 150 Jahre ein Text zu vielen unterschiedlichen Melodien gesungen worden, bis sich letztendlich eine bestimmte durchsetzte. Zum Lied „O mein Vater“ (Gesangbuch, Nr. 190) beispielsweise sind mir im deutschsprachigen Raum vier Melodien bekannt: „Harwell“, bis zum Gesangbuch von 1901, danach „My Redeemer“ – die heute gebräuchliche Melodie von James McGranahan (1840-1907) – im „Deseret Sonntagschulliederbuch“ von 1918; ausserdem eine Komposition für Duett von Evan Stephens, erschienen im „Wegweiser“ Nr. 1 von 1927, sowie eine Veröffentlichung zur Melodie des „Nephitischen Klageliedes“ von Thomas W. Durham (1828-1909), bearbeitet von Henry E. Giles, im „Stern“ Nr. 5/6 des Jahres 1940; der Vollständigkeit halber sei auch das Chorarrangement erwähnt, das im Chorbuch von 1985 abgedruckt ist und zur Melodie „My Redeemer“ passt. Ein anderes prägnantes Beispiel ist das Lied „O wisse, jede Seel ist frei“ (Gesangbuch, Nr. 159), dem seit der Ausgabe von 1890 drei verschiedene Melodien gegeben wurde, von denen sich aber keine wirklich zu etablieren vermochte, obwohl zwei davon von bekannten Kirchenmusikern geschrieben wurden: ab 1890 eine Melodie von George Careless (1839-1932), ab1954 eine Melodie von Evan Stephens, und seit 1996 eine Melodie von Roger L Miller (*1937).
Vom ersten Gesangbuch der Kirche aus dem Jahr 1835 sind noch 15 Texte in der deutschen Ausgabe von 1996 enthalten, rechnet man das Lied „Preist Gott, von dem all Segen fliesst“ (Gesangbuch, Nr. 156) mit ein, dessen Text damals verschiedenen Liedern als eine Strophe beigefügt war. Die englische Ausgabe von 1985 enthält noch 26 bzw. 27 der 90 von Emma Smith zusammengestellen Texte. Von den ursprünglichen Melodien ist im deutschen Gesangbuch keine einzige mehr enthalten.
Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, erstreckt sich doch der ausgewertete Zeitraum über beinahe 150 Jahre. Für Hinweise und Ergänzungen bin ich daher dankbar und nehme sie gerne entgegen.
Mein Dank geht an alle, durch deren Hilfe ich diesen Abriss und die Liste erstellen konnte, insbesondere an:
- Bruder Manfred Mauel, Köln, der eine umfassende Bibliothek im Gemeindehaus Köln aufgebaut hat und betreibt.
- Bruder Alexander Schmalz, West Jordan, Utah.
- Schwester Mirielle Leuzinger-Müller, Unterlunkhofen, Schweiz.
- Schwester Karen Lynn Davidson, Salt Lake City, Utah, Verfasserin von „Our Latter-Day Hymns – The Stories And The Messages“.
- Schwester Doris Smith-Gräub, West Valley City, Utah.
- Bruder Richard H. Cracroft, Orem, Utah.
Anhang der Chronik
Kapitel Chronik
175 Jahrfeier
Historische Plätze
Mount Brigham (1850)
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175 Jahrfeier
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Historische Plätze
Mount Brigham (1850)
Tempel Zollikofen (1955)