1. Mai 1911 – Brief an Missionar
Der „Stern“ druckt einen Auszug aus dem „Briefe zu einem Missionar von seiner Grossmutter“. Dieser Auszug ist deshalb bedeutsam, weil er uns etwas in die Privatsphäre der Missionare blicken lässt, die, meistens fern von der Heimat und ihren Lieben, im Missionsfeld einem in der Regel wenig aufnahmefreudigen bis abweisenden Volk gegenüberstehen, und wo ein offenes Ohr manchmal wie Balsam auf die ermüdete, bisweilen verletzte Seele ist. Der Auszug aus dem am 8. Dezember 1910 in East Mill Creek verfassten Brief an Missionar Orrin Fisher in Zürich, sei nachfolgend ganz wiedergegeben:
„Mein lieber Enkel! Deinen schönen Brief empfing ich einige Tage zurück, und war wirklich sehr erfreut, dass Du Dich wohl befindest, und in Deiner Arbeit im Missionsfelde viel Freude hast. Orrin, ich konnte wirklich den guten Geist fühlen, der aus Deinem Schreiben sprach. Br. Oliver und Br. King waren gestern als besuchende Lehrer bei uns, und freuten sich sehr, als ich ihnen Deinen Brief zu lesen gab…
Ich weiss nicht viel Neuigkeiten, aber insofern als Du gerne etwas von dem Propheten Joseph Smith hörst, so will ich Dir etwas in Bezug auf ihn schreiben.
Es war im Jahre 1840, dass ich den Propheten Joseph Smith zum ersten Male sah. Wir wohnten damals in Chester Co. Penn. Mein Vater erfuhr, dass der Prophet in Philadelphia sei; und somit machten er und einige seiner Nachbarn sich auf, den Propheten Gottes zu sehen und sprechen zu hören. Mein Vater lud ihn ein, für einige Tage bei uns zu bleiben, welche Einladung der Prophet dankend annahm, und für mehrere Tage bei uns blieb. Die Heiligen versammelten sich abends, um den Auslegungen der Heiligen Schrift zu lauschen, und ihre vielen Fragen beantwortet zu haben. Manchmal war man bis 2 Uhr morgens auf, und seinen Worten, die so voller Wahrheit waren, zuzuhören. Meine Eltern, die sich sehr freuten, dem Propheten Gottes Gastfreundschaft zu erweisen, wurden getauft, und von ihm als Mitglieder der Kirche konfirmiert. Er wurde nicht müde, den Leuten Belehrungen vom Reiche Gottes zu geben. Ich erinnere mich sehr wohl, obgleich ein Kind damals; wie wir ihn liebten und ehrten, denn der Geist des Herrn ruhte auf ihm in einer solchen wunderbaren Weise. Am 22. September, begleitet von William, dem Bruder des Propheten, verliessen wir das Land, in dem unsere Vorfahren für lange Zeit als Quäker ansässig gewesen waren. Wir reisten eine Strecke per Bahn, und den Rest des Weges per Dampfschiff und landeten bald in dem schönen Städtchen Nauvoo. Wie erfreut waren wir, als wir den Propheten, begleitet von seiner Frau, auf der Landungsbrücke erblickten. Er nahm uns mit in sein Haus, und bewirtete uns als seine Gäste auf’s Beste, bis das, für uns erbaute Haus vollendet war. Der Prophet war mit der Gabe der Heilung in hohem Grade gesegnet, und alle hatten grosses Vertrauen in ihn. Einmal, als der Prophet von seinen Feinden verfolgt, sich seines Lebens halber verborgen hielt, wurde meine jüngere Schwester von einer gefährlichen Krankheit ergriffen, und sprach zur Mutter in bittenden Worten: „Warum holt ihr Bruder Joseph nicht, um seine Hände auf mein Haupt zu legen und mich zu segnen?“ Mein Vater ging zu Joseph und bat ihn, seinen Glauben für meine Schwester auszuüben. Der Prophet antwortete: „Br. Pierce, ich will mit Dir gehen und Deinem kranken Kinde die Hände auflegen. Sofort zog er einen alten Mantel an, und setzte seinen Hut auf, und kam trotz aller Lebensgefahr zu meiner Schwester; nahm sie bei der Hand und sagte: „Du sollst genesen“. Am nächsten Morgen war meine Schwester auf und spielte mit ihrer Puppe. Es stärkte unseren Glauben und erfüllte unsere Herzen mit Dankbarkeit. Ich habe den Propheten oftmals predigen hören und weiss, dass er ein Prophet des Allerhöchsten war und ist. Am Sonnabend, den 6. August 1842, während eines Gesprächs mit einigen Brüdern in Montrose, Iowa, machte er die folgende merkwürdige Prophezeiung, welche wie jede andere Prophezeiung, die von seinen Lippen fiel, buchstäblich in Erfüllung ging. Er sagte, dass die Heiligen fortwährend Verfolgung leiden würden, und schliesslich in die grossen Felsengebirge getrieben würden. Viele würden abfallen und andere getötet von ihren Feinden, manche würden durch die vielen Erduldungen und Verfolgungen ihr Leben niederlegen. Viele von denen, die unter dem Schall seiner Stimme sich befanden, würden am Leben bleiben, und helfen, Städte und Dörfer bauen; und die Zeit erleben, wenn die Heiligen sich zu einem mächtigen Volk entwickelt haben. Jene Prophezeiung wurde zur Zeit, da sie gegeben wurde, niedergeschrieben und wir haben die Erfüllung derselben gesehen. Es war zwei Jahre vor seinem Tode, dass der Prophet diese merkwürdige Prophezeiung machte, und er in die Zukunft schauend, den Fortschritt dieses Volkes sah.
Ich freue mich, dass Du so gesund und munter bist, und im Lernen der Sprache gute Fortschritte machst, und mein teures Kind, Du solltest Deinem Himmlischen Vater sehr dankbar dafür sein. Ich hoffe bald wieder von Dir zu hören und verbleibe bis dahin: Deine Dich liebende Grossmutter.“
Missionare bei der täglichen Arbeit, hier vor dem Versammlungslokal Konradstrasse 51 in Zürich in den Zwanziger Jahren. Im Schaufenster im Hintergrund schwach zu erkennen: Ein ausgestelltes Bild von Joseph Smith (1805-1844) und verschiedene Schriften der Kirche.
(Zur Verfügung gestellt von Martha Grob, Wetzikon.)
1. November 1911 – Einheitliches Bibelstudium
Der „Stern“ kündigt an, Missionspräsident Thomas E. McKay und ein beratendes Komitee hätten beschlossen, ab 1912 für die Bibelstunde ein einheitliches System einzuführen. „Wir fühlen, dass, obgleich sehr vorteilhafte Studien in den meisten Gemeinden vorgenommen worden sind, bei einem mehr systematischen Studium bedeutend bessere Erfolge erzielt werden können… Durch dieses System erwarten wir im Stande zu sein, den Mitgliedern eine bessere Gelegenheit zum Studieren der Prinzipien des Evangeliums zu geben, und gleichzeitig empfangen unsere Freunde eine bessere Anleitung zur Untersuchung unserer Lehren.“
Nachdem der Lehrplan für den Sonntagsunterricht eine Zeit lang im „Stern“ abgedruckt worden war, ging man – nach einer Zwischenphase, in der die Lehrpläne gesondert hergestellt wurden – ab 1924 dazu über, diese in der Vierteljahrsschrift „Unsere Sonntagsschule“ zu veröffentlichen. Ab 1926 war die Zeitschrift in den „Wegweiser“ integriert, eine Zeitschrift für das Priestertum und die Hilfsorganisationen. „Unsere Sonntagsschule“ erschien Anfang der Sechziger Jahre erneut für kurze Zeit.
Der Missionssekretär, Elder Alfred Shepard sowie Elder A. Whooley, Präsident der Berner Konferenz, sind mit der Arbeit am Lehrplan beauftragt. Es ist dies der Beginn der Einführung von Lehr- und Studienplänen in der Schweizerisch-Deutschen Mission. Das System wird kontinuierlich ausgebaut mit der Veröffentlichung von Leitfäden und Handbüchern und mit der Herausgabe der Zeitschriften „Unsere Sonntagsschule“ und „Der Wegweiser“ in den Zwanziger und Dreissiger Jahren; gleichzeitig werden vermehrt Bücher und übrige Literatur der Kirche ins Deutsche übersetzt und zum Nutzen der Deutsch sprechenden Mitglieder herausgegeben.
Kapitel Chronik
Anhang der Chronik
175 Jahrfeier
Historische Plätze
Mount Brigham (1850)
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Mount Brigham (1850)
Tempel Zollikofen (1955)
