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Chronik

1854 – Beginn Bern & Thurgau

15. März 1854 – Zeitungsartikel zum „Mormonentum

Die Erfolge Elder Mayers bei seinem Bemühen um Verbreitung der Evangeliumsbotschaft stossen bei der Geistlichkeit in der Region Zürich auf zunehmenden Widerstand. Die Zeitungsverlage, massgeblich die „Freien Stimmen“, sehen sich veranlasst, die Hetze gegen das Mormonentum aktiv zu unterstützen.

Am 15. März starten die „Freien Stimmen“ eine Artikelserie über die Mormonen mit folgender Einleitung: „Da in neuster Zeit viel von Mormonen auch bei uns geredet wird und sogar zwei dieser Apostel in der Schweiz angelangt sind, um unser Vaterland mit ihren sonderbaren Ansichten und Lehren zu beglücken und sogar Proselyten zu machen, so kann es unsern Lesern nur erwünscht sein, diese neuen Heiligen und ihre Tendenzen etwas näher kennen zu lernen.“

Die über weite Strecken gehässige, ab und zu wieder erstaunlich objektive Zeitungskampagne nimmt zum Teil groteske Züge an. So wird in der ersten Serie über die Familie Smith berichtet: „Der Vater war träge und händelsüchtig, ein Säufer und ein Lügner; die Söhne waren nicht viel besser. Einer derselben, Joseph, war im Gegentheil noch schlimmer. Zu allen Lastern seines Vaters trat bei ihm die Wollust und die Verstellung.“ Das Buch Mormon kommt in der Schilderung nicht besser weg: „Mit seinem s. g. Goldenen Buche hat es nicht bessere Bewandtnis. Einst bekam er von einem eben so sauberen Gesellen, als er selbst war, ein gestohlenes Buch über die religiösen Gebräuche einer untergegangenen Race. Einsehend, dass damit etwas zu machen sei, fügte er schnell einige Sätze hinzu, und publizierte es als die goldene Bibel. Dieselbe enthält ein Gemisch von Sprüchen der uralten Bibel und eigenen   Geistesfunken, so zusammengestellt, dass der Gläubige gut dabei wegkommt. Es erlaubt z. B. die Polygamie, unter dem Vorwande, die Erschaffung von Seelen sei der ehrenvollste und rechtlichste Akt, den ein Mann nur begehen könne. Der Koran ist hundert Mal besser als dieses Buch.“

Der darauffolgende Artikel hält zur Besiedlung des Westens von Missouri sowie zur Vertreibung der Mormonen aus dem Bundesstaat fest: „Die Ansiedlung wurde bald ein Rendez-vous der notabelsten Diebe und Hurer. Die Nachbarn sahen sich gezwungen, einzuschreiten. Zuerst wurden sie zurückgeschlagen; als sie aber mit der Bevölkerung aller umliegenden Kantone heranrückten, da zogen die Mormonen den Kürzern.“ Über die Ermordung Joseph Smiths und dessen Bruder weiss das Blatt folgendes zu berichten: „Bei hellem Tage griff ein Hauffen Verkleideter ihr Gefängnis an, tödete den Propheten und seinen Bruder. Das Mormonenthum, anstatt durch den Tod seines Gründers der Auflösung entgegenzugehen, gewann vielmehr durch dessen Märtyrerthum: seine Jünger betrachten ihn nun als einen Heiligen. Smith war ohnedies nicht der Mann, um eine Gemeinde durch alle Gefahren zu führen; an seine Stelle trat Brigham Young, der jetzige Leiter, der etwas vorsichtiger zu Werke geht, aber dennoch als Schweinigel bekannt ist.“

Solcherart Artikel erscheinen in dieser Zeit in Deutschland und der Schweiz viele. Meist nehmen sie die von den Mormonen praktizierte Lehre der Polygamie aufs Korn sowie die damit zusammenhängenden politischen Unruhen zwischen dem Territorium Utah und den amerikanischen Bundesbehörden.

April 1854 – Im Gefängnis

Anfang April 1854 wird Elder Mayer verhaftet. Bis der Rekurs gegen die Ablehnung seiner Aufenthaltsbewilligung entgegengenommen wird, verbringt er acht Tage im Gefängnis. Selbst hier ruht er nicht von seinem Auftrag, das Evangelium zu verkünden und predigt es seinen Mithäftlingen. Nach seiner Entlassung verlangt der Regierungsrat, dass Elder Mayer weder in Zürich predigen noch weitere Menschen zu Proselyten des Mormonenglaubens machen dürfe. Elder Mayer widersetzt sich dieser Anweisung mit der Begründung, er habe gegen kein Gesetz verstossen und er würde in seinem Bemühen fortfahren wie bis anhin, und das sei das Erteilen von Englischlektionen sowie das Beantworten von Fragen der Leute in Bezug auf sein Land, seinen Glauben und seine Religion.

Eine Schilderung der frühen Ereignisse in Zürich unternahm auch der Missionar William Budge und findet sich im Anhang.

Mai 1854 – Der Beginn im Berner Oberland

Elder Jacob Foutz Secrist, der im November 1853 aus Grossbritannien zur Schweizerischen Mission gestossen war, wird von Missionspräsident Stenhouse beauftragt, von Zürich ins Berner Oberland zu gehen, um dort einige Neubekehrte zu taufen. Bruder Peter Brawand, der sich 1852 in Dänemark der Kirche angeschlossen hatte, hatte das Evangelium in der Oberländer Heimat seinen Verwandten und Bekannten gepredigt. Weil ihm jedoch der Auftrag – und möglicherweise die Vollmacht – zu taufen noch nicht übertragen worden war, wird Elder Secrist mit einem solchen dorthin entsandt (vgl. eine ähnliche Begebenheit bezüglich der Priestertumsvollmacht in Apostelgeschichte 8:14-17).

Jacob Foutz Secrist (1818-1855) und seine Frau, Anna Eliza geb. Logan (1822-1878). Auf dem Rückweg von seiner Mission war Elder Secrist – wie damals üblich – Leiter einer Auswanderergruppe von England nach Salt Lake City. Unter den Immigranten brach auf dem Marsch durch die Prärie Cholera aus, und Elder Secrist starb daran in der Nähe von Kearney, Nebraska, wo er begraben wurde. Er hinterliess nebst seiner Ehefrau fünf Kinder, von denen er den jüngsten Sohn, der erst nach seiner Abreise auf Mission geboren worden war, nie sah.
(Mit Genehmigung von panarchiv.)

In den Tälern des Berner Oberlands fallen die Lehren Elder Secrists sowie die eifrigen Bemühungen der Neubekehrten zur Gewinnung neuer Mitglieder auf fruchtbaren Boden. Dies bleibt auch Pfarrer Karl Howald und Kirchenvorstandspräsident Ulrich Horn aus Sigriswil nicht verborgen. Sie berufen auf den 10. August eine ausserordentliche Sitzung des Vorstandes ein, „weil sich seit einigen Wochen ein amerikanischer Mormonenlehrer in [der] Gemeinde herumtreibe, der Versammlungen halte und bereits einige Leute habe überreden könne[n], sich im See neu taufen zu lassen.“  Die Fehde zwischen Pfarrer Howald und Elder Secrist dauert für rund einen Monat an und findet ihren Höhepunkt in einem Kreisschreiben des Direktors der Justiz und Polizei des Kantons Bern, Migy, der am 11. September den obersten Polizeistellen sämtlicher Kantone mitteilt, dass er sich veranlasst sehe, Secrist „aus dem Gebiete des Kantons Bern fortzuweisen… [weil] er sich mit der Verbreitung der, wie sich aus den mit ihm vorgenommenen Abhörungen unzweifelhaft ergeben, ebensowohl durchaus unchristlichen, als auch mit den Grundsätzen menschlicher Staatsordnung widerstreitenden Lehren seiner Sekte abgegeben hat“. Trotz der Bemühungen der ortsansässigen Mitglieder unter Führung des Tabakfabrikanten Ulrich Bühler („Tabak-Ueli“), dem die Leitung der Oberländer Gemeinde in der Zwischenzeit anvertraut worden war, mittels eines Rekursbriefes an den Regierungsrat die Ausweisung Elder Secrists zu verhindern, wird dieser unter polizeilichem Geleit etappenweise nach Basel an die Landesgrenze gebracht, wo er Ende November aus dem Lande ausgewiesen wird. In ihrer Antwort auf den Rekursbrief hält die Regierung des Kantons Bern fest, dass „die Bittsteller… in keiner Weise zu diesfälliger Beschwerdeführung legitimirt“ seien.

Oktober 1854 – Einteilung Schweiz in drei Konferenzen

In einer Missionarsversammlung in Genf geht die Leitung der Mission auf Präsident Daniel Tyler über. Ausserdem wird die Schweiz in die drei Konferenzen Basel, Genf und Zürich eingeteilt. Die Konferenzen entsprechen den späteren Distrikten, die bis zur Gründung von Pfählen vielfach umgebildet werden.

3. November 1854 – Anwürfe der «Freien Stimmen»

Auf die neu entflammten Anwürfe der „Freien Stimmen“ – „Diesem Treiben nun der fremden, hergelaufenen Industrieritter haben wir schon seit längerer Zeit stillschweigend zugesehen… . Kurz, sie sollen unser- und von Rechts wegen das Recht geniessen, frei zu glauben und zu lehren, was sie wollen: aber ehrlich und rechtschaffen sollen sie handeln, nicht auf Lug und Betrug ausgehen, nicht die öffentliche Sittlichkeit verletzen, Frauen und Mädchen verrücken und verführen, nicht die armen Leute und Wittwen ausfressen, und unter allerlei lügenhaften und betrügerischen Vorgaben um ihr Vermögen bringen. Diesem niederträchtigen und gemeinen Treiben der hergelaufenen, leider nur zu lange hier geduldeten Mormonen können wir nun nicht länger stillschweigend zusehen.“ – reagiert der angegriffene Elder Mayer mit einer Erklärung im „Tagblatt der Stadt Zürich“:

„Es hat den „Freien Stimmen“ gefallen, seit einiger Zeit ihre Leser mit Erzählungen über die sogenannten Mormonen zu unterhalten. Ob der Verfasser dieser Artikel so kühn auf die Unwissenheit seiner Leser zählt, oder ob er selber an seine Erzählungen glaubt, wissen wir nicht; wir wissen nur, dass sein Geschreibsel mit den Schilderungen anerkannt glaubwürdiger Männer wenig Aehnlichkeit hat. Nun, dieses wäre ihm leicht zu verzeihen; aber dass er sich bemüht, durch vollkommen grundlose Beschuldigungen der schmählichsten Art den persönlichen Charakter von Männern anzugreifen, die von Allen, die sie kennen, als untadelhafte Ehrenmänner geachtet werden, das können wir nicht begreifen und betrachten es als Erguss einer schwarzen Seele, in der kein Funke von Wahrheitsliebe lebt, als Wirkung einer blinden Leidenschaft, deren Grund wir nicht kennen. Wir veröffentlichen diese Erklärung nur ungern, und wir konnten uns erst dazu entschliessen, als wir sahen, dass auch noch andere Federn sich gefunden, welche sich bemühen, diese Verleumdungen weiter zu verbreiten. Wir verlangen keine Gunst von den Menschen, sondern nur Gerechtigkeit, und wünschten nur, dass Jeder zuerst prüfen und dann urtheilen möchte. Schreiber dieses ist im Besitz glaubwürdiger Berichte aus der Salzseestadt, und ist bereit, Jedem, der es wünscht, dieselben mitzutheilen. Wen es interessirt, der lese auch die Berichte über die Mormonenansiedlung von Kapitain Stansburi, Basel bei Schabelitz. „Das Reich Gottes von Orpu [gemeint ist Orson] Pratt.“ Zürich, bei Kiesling. Wer eine Sache verurtheilt, ohne sie zu kennen, ist nicht weise.“

Zürich, Werdmühlegasse 14-18 mit der Assekuranz-Nummer 433a (14-16; abgebrannt 1861) und 433e (18); Wohnort von Heinrich Bär (1813-1904), einem der ersten Mitglieder in Zürich (Niederlassungsregister von 1855, S. 13). Es wird berichtet, es hätten im Jahre 1854 sechzig Mitglieder am Abendmahlsgottesdienst in der Werdmühle-Badeanstalt teilgenommen, wo Heinrich Bär wohnte. Die Badeanstalt in der Werdmühlegasse 8-10 mit der Assekuranz-Nummer 431a (8) – auch „Zur Thare“ – und 431d (10) befand sich ganz in der Nähe von Heinrich Bär (Aufnahme von 1900).
(Reproduktion mit Genehmigung der Zentralbibliothek Zürich (28070) und des Baugeschichtlichen Archivs der Stadt Zürich (28061 & 28070) vom 13.10.2000.)

Dezember 1854 – Der Beginn im Thurgau

Zwei Tage vor Weihnachten kommt Elder Mayer nach zweitägem Fussmarsch im Regen bei der Familie Bommeli auf der „Bommelisegg“ bei Friltschen im Kanton Thurgau an. Drei Mitglieder der Familie, die Halbbrüder Johann Georg und Johann Daniel sowie dessen Schwester Maria, hatte Elder Mayer im Laufe des Jahres 1854 in der Sihl bei Zürich getauft. Bereits am Tag nach seiner Ankunft, am 24. Dezember, tauft Elder Mayer Vater und Mutter Bommeli und die drei jüngeren Schwestern Daniels sowie einen 33jährigen Bekannten aus Weinfelden.

Das Haus „Bommelisegg“ bei Friltschen. Aufnahme von Benjamin Gräub am 14.10.2000.

Die Halbbrüder Johann Georg und Daniel Bonelli, wie sie sich schon kurz nach der Taufe als Zeichen des neuen „Zeitalters“, das in ihrer Familie Einzug hält, nennen, erweisen sich als äusserst eifrige Verkünder des wiederhergestellten Evangeliums. Bis zu ihrer Auswanderung nach Utah in den Jahren 1859 (Johann Georg) und 1860 (Daniel) vollziehen sie in ihrer Heimat 241 Taufen; 1857 begibt sich Daniel auf eine Mission in Grossbritannien, wo er ebenfalls grossen Erfolg erfährt.

Maria Bommeli, die sich in Amerika Mary nennt, schliesst sich im Sommer 1860 einer Gruppe Schweizer Auswanderer an. Das Geld für die Reise nach Utah hatte sie sich während eines Jahres als Weberin in New York City erarbeitet. Unterwegs lernt sie Henry Eyring kennen, den Sohn einer Apothekerfamilie aus Coburg, der die Mormonen in Missouri kennengelernt und sich 1855 hatte taufen lassen. Schon im Dezember 1860 heiraten Henry Eyring und Mary Bommeli in Salt Lake City. Mary Eyring wird die Urgrossmutter von Elder Henry B. Eyring vom Rat der Zwölf (seit 1995), wie dieser während einer Abendmahlsversammlung der Gemeinde Luzern im Jahre 1996 selbst ausführt.

Hans Georg Bommeli

Anna Maria Bommeli geb. Ammann

Maria Bommeli

Elisabeth Bommeli

Mitglieder der Weber-Familie Bommeli – oder Bonelli, wie sich einige später nannten  – von der Bommelisegg bei Friltschen, Kanton Thurgau: Familienvorstand Hans Georg Bommeli (1798-1875), in erster Ehe verheiratet mit Anna Barbara geb. Ammann (1795-1834), die jedoch an den Folgen der Geburt ihres siebten Kindes starb; Anna Maria geb. Ammann (1806-1871), zweite Ehefrau von Hans Georg Bommeli und jüngere Schwester der ersten Ehefrau sowie Mutter der jüngeren Bommeli-Kinder; Maria (Mary) Bommeli (1831-1913), verheiratet mit Henry Eyring (1835-1902) und Elisabeth Bommeli (1840-), verheiratet mit Hans Jakob Hug von Weiningen, mit ihrem Sohn Jacob Henry Hug (1862-1935).

175 Jahrfeier

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