Mühen und Erfolge des
ÄLSTESTEN MAYER
«Millennial Star» 16, vom 1. Juli 1854
„Bericht über die Mühen und Erfolge des Ältesten Mayer in Basel und in Zürich, einschliesslich seiner Verhaftung und Freilassung“.
Übertragung ins Deutsche: Übersetzungsabteilung der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Frankfurt am Main, Frühjahr 2003.
Zürich, 5. Juni 1854
Lieber Bruder S. W. Richards!
Da Präsident T. B. H. Stenhouse in seinem Brief bereits andeutete, dass ich wohl demnächst schreiben und einen Bericht über meine Festnahme abliefern werde, will ich versuchen, in aller Kürze ein paar Einzelheiten zu meiner Mission auf dem europäischen Festland wiederzugeben.
Am 22. Januar 1853 kam ich in Begleitung der Brüder Spencer, Houtz, Riser und Secrist nach Hamburg, fand dort aber kaum Freiheit vor und betete also zum Herrn, er möge mir ein Betätigungsfeld in der Schweiz eröffnen. Bruder Carn erhielt ein Schreiben, in dem Präsident Stenhouse ihn bat, ihm ein, zwei Missionare zu schicken. Über diese Neuigkeit war ich hocherfreut, und am 23. März selbigen Jahres verliess ich auf Anraten von Präsident Carn und mit seinem Segen und seiner Hilfe Hamburg in Richtung Basel, versehen mit einigen Büchern in deutscher Sprache.
Am 26. des Monats traf ich in Basel ein und nahm mit dem Segen Gottes und versehen mit dem weisen Rat von Präsident Stenhouse meine Tätigkeit in Basel auf. Der Ort schien mir schwierig, aber ich schleppte mich über die Hürden und taufte unterdes sechzehn Menschen. Diese waren sehr arm und konnten mir kaum helfen, und als ich dann von Basel nach Birsfelden vertrieben wurde, hielten wir es für das Beste, dass ich in Zürich weiterarbeitete.
Am 3. Dezember verliess ich auf Weisung von Präsident Stenhouse Basel und gelangte in die Stadt Zürich, um dort und im Umland zu arbeiten. Ich begann ein gutes Werk, indem ich von Haus zu Haus ging, und empfing Besuch in den von mir gemieteten Räumen. Es dauerte nicht lange, da stellten sich die ersten Taufen ein, und die Prediger, die ihre Macht gefährdet sahen, begannen, dahingehend Lügen über mich zu verbreiten, dass ich mich gegen das Gesetz ausspräche. Einer dieser Prediger, ein Baptist namens Aschmann, veröffentlichte in einer Tageszeitung einen Artikel, der zahlreiche Lügen aufwies, und verlieh darin seiner Hoffnung Ausdruck, die Polizeibehörden mögen mich aus Zürich und Umgebung vertreiben.
Am 29. März wurde ich schriftlich aufgefordert, Zürich zu verlassen, und zwar ohne Rechtsmittel einlegen zu können. Ich setzte jedoch meine Arbeit fort, hielt mich dem Auge des Gesetzes fern und taufte alle, die getauft zu werden wünschten.
Am 2. April wurde ich bei der Polizei vorstellig und fragte, warum ich Zürich zu verlassen hätte. Der Amtsleiter, Herr Ferce [unklar; Polizeidirektor war Regierungsrat Rudolf Bollier (1815-1854), im Amt 1846-1854], sagte mir, das sei so befohlen und mehr brauche ich nicht zu wissen, und wenn ich nicht freiwillig ginge, werde man mich eben zwingen. Ich erwiderte darauf, ich ginge nicht freiwillig, ich hätte kein Gesetz gebrochen, und wenn doch, solle man es mir beweisen. Daraufhin rief er fünfzehn Polizisten hinzu und sagte, sie würden mich zwingen. Ich sagte, sie wüssten nicht, was sie täten, ich sei doch ihr Freund und dazu gekommen, ihnen Gutes zu tun, und Gott und seine heiligen Engel wüssten dies auch. Das machte sie wohl betroffen, denn sie liessen mich los und gingen hinaus. Ich sagte dann, es sei nun Mittag und ich würde gerne etwas essen. Sie meinten, ich könne gehen, solle aber am nächsten Tag verschwinden. Das wies ich zurück und ging essen.
Ich suchte einen Anwalt auf, der wegen dieser Vorgänge ein Schreiben aufsetzte. Dieses legte ich dem Zürcher Stadtrat vor, und da liegt es noch. Sie haben festgestellt, dass ihre Gesetze mir nichts anhaben können – denn hier herrscht von Rechts wegen Religionsfreiheit – und doch glaubten sie, sie könnten mich aus Zürich verscheuchen.
Am nächsten Tag kam ein Polizist zu meiner Stube und forderte mich auf, zur Dienststelle mitzukommen. Ich ging mit ihm mit und wurde durch zahlreiche ungebührliche Fragen beleidigt. Ich wurde aufgefordert, Mantel und Jacke abzulegen. Dann durchsuchte man meine Taschen und tastete mich ab, um zu sehen, ob ich etwas am Leib versteckt hätte. Sie sagten, sie hätten vor, mich nach Amerika zu schicken, und wiesen mich dann an, meine Sachen wieder anzuziehen. Einer sagte dann, ich solle ihm folgen und müsse ins Gefängnis. Ich erwiderte, ich sei bereit. Dem Wärter befahl er, mich auf halbe Ration zu setzen.
Der Wärter schien zunächst sehr ruppig, wurde aber später umgänglicher. Ich freundete mich mit den Gefangenen an, mit denen ich die Stube teilte, und verkündete ihnen das Evangelium. Sie sagten, sie glaubten auch daran. Einer legte nachher mit seiner Frau sechs Meilen zurück, um mich zu hören, und es gefiel ihm sehr.
Bruder Caspar Schilling suchte den amerikanischen Konsul auf und erwirkte, dass ich dank seiner Hilfe und der meiner Brüder und Freunde aus dem Gefängnis entlassen wurde, nachdem ich acht Tage dort zugebracht hatte. Aber der Herr wandte die Sache zum Guten, denn ich gewann zahlreiche Freunde und konnte mit Gottes Hilfe viele dazu bewegen, die Wahrheit zu erkennen. Im Kanton Zürich habe ich sechsunddreissig Menschen getauft, einer wohnte im Kanton St. Gallen, und sieben haben mir für die Taufe ihren Namen gegeben. Der Herr hat mich in meiner Schwäche stark gemacht; gepriesen sei der Name des Herrn! Dies ist sein Werk und seine Herrlichkeit, und ich bin sein Knecht, der alles tun will, was ihm sein Knecht, der Prophet und Präsident, aufträgt.
Sollte ich vor Ihrer Abreise nicht das Vergnügen haben, wieder von Ihnen zu hören, nehmen Sie bitte, Bruder Samuel, meine herzlichsten und besten Wünsche für eine angenehme Reise und ein glückliches Wiedersehen mit Familie und Freunden entgegen.
George Mayer.
Trommel von 1866 des Johannes Heinrich Graf (1831-1903), eingewandert nach Santa Clara von Rebstein, Kanton St. Gallen. Deutlich ist zwischen dem St. Galler- und dem Schweizer Wappen der Weinstock auszumachen.
Zur Verfügung gestellt von Walter Lips, Lugano-Paradiso.
Anhang der Chronik
Kapitel Chronik
175 Jahrfeier
Historische Plätze
Mount Brigham (1850)
(c) alle Bilder sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht weiterverwendet werden.
175 Jahrfeier
Anhang der Chronik
Kapitel Chronik
Historische Plätze
Mount Brigham (1850)
Tempel Zollikofen (1955)