DIE ARBEIT IM WEINGARTEN
Band Zwölf der Reihe «STÄRKUNG DES GLAUBENS» 2656
für die Unterweisung und Stärkung junger Heiliger der Letzten Tage
Herausgegeben vom Büro des Juvenile Instructor
SALT LAKE CITY, UTAH, 1884
Übertragung ins Deutsche: Übersetzungsabteilung der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Frankfurt am Main, Frühjahr 2003.
KAPITEL I
Wie das Evangelium gepredigt wird – Meine Arbeit in England – In die Schweiz berufen – Treffen mit meinem Mitarbeiter und Überfahrt nach Frankreich – Weiterreise in die Schweiz – Zusammentreffen mit Ältesten in Genf – Unser Arbeitsgebiet wird uns zugeteilt.
Wenn ich den jungen Menschen im Israel der Neuzeit eine Schilderung meiner Missionserlebnisse als Lesestoff anbiete, so ist mir zwar bewusst, dass sie bereits manches in dieser Art gelesen haben mögen, aber die Mittel und Wege, wie sich das Werk in den Letzten Tagen ausbreitet, sind so vielfältig und das Interesse daran ist so gross, dass ich keiner weiteren Entschuldigung bedarf. Die Umstände, unter denen die Ältesten arbeiteten, waren so einzigartig und mannigfaltig, dass an all ihren Berichten ein besonderes Interesse besteht.
Manche Eigentümlichkeit im Werk Gottes tritt besonders deutlich in der Missionsarbeit zu Tage. Die Ältesten bekommen keine Vorratstasche und kein Geld, und je eher sie dieser Beschreibung entsprechen, desto erfolgreicher werden sie wahrscheinlich sein. Dennoch ist viel Glauben vonnöten, um dem zu genügen, und wir werden vielen Prüfungen, Versuchungen und Unannehmlichkeiten ausgesetzt. Dadurch kommen wir aber auch Gott näher; erfordert unsere Lage doch die Hilfe, die nur er allein uns geben kann, indem er uns mit seinem Geist segnet, uns Freunde schickt und den Weg vor uns bereitet.
Die Ältesten in der heutigen Zeit verfügen, gleich denen in alter Zeit, normalerweise nur über wenig Bildung, was nach menschlicher Weisheit ein ernsthaftes Hindernis darstellt, wenn man einen neuen Glauben lehren will. Dem ist hinzuzufügen, dass die Religion, die die Ältesten zu lehren ausgesandt wurden, in der Welt nicht nur als sonderbar gilt, sondern ausgesprochen unbeliebt ist. Es kommt einem seltsam vor, dass Männer ohne Geld und Bildung ausgesandt werden, um eine neue Religion einzuführen, die ihrer Art nach fast vollständig im Gegensatz zu den Ansichten der Menschen steht, zu denen sie gesandt werden. Wir räumen ein, dass dem so ist. Gottes Wege sind aber nicht unsere Wege, und doch sind sie besten. Seine Weise, das Evangelium predigen zu lassen, dient noch anderen Zwecken als nur dem Erreichen des eigentlichen Zieles. Sie stellt sowohl die Lauterkeit des Predigers unter Beweis, da das Predigen keine weltlichen Vorteile mit sich bringt, als auch die Aufrichtigkeit des Gläubigen, da er keinen anderen Gewinn in Aussicht hat, als die Wahrheit zu erkennen. Auf beiden Seiten müssen Ernsthaftigkeit und Glauben vorhanden sein.
Das Evangelium ist in viele Länder gebracht worden und wird allen Völkern gepredigt werden, ehe das Ende kommt. Es ist leicht einzusehen, dass die Schwierigkeiten in der Missionsarbeit stark zunehmen, wenn das Evangelium Völkern gebracht wird, deren Sprache dem Prediger fremd ist, selbst wenn die Gesetze dem Missionar gestatten, ungehindert seine Pflicht zu tun.
In den Jahren 1852 und 1853 arbeitete ich als reisender Ältester im Missionsgebiet Southampton in England. Zuvor hatte ich im Norden Englands und im Westen Schottlands gearbeitet, wo ich schwere Zeiten durchgemacht und vieles ertragen habe und wo ich das Werkzeug war, eine Reihe von Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit zu führen. Der Distrikt Southampton, in den ich zu der Zeit, in der diese kurze Geschichte beginnt, berufen war, setzte sich aus der Stadt Southampton und einigen kleinen Ortschaften zusammen, die leicht zu erreichen waren und in denen es ein paar treue Heilige gab.
Älteste, die seinerzeit in so genannte «ausländische Missionen», insbesondere Frankreich, die Schweiz oder Italien, gesandt wurden oder mit ihnen zu tun hatten, pflegten die Seereise von Southampton aus anzutreten oder dort anzukommen. Dort hatte ich das Vergnügen, Männer wie Andrew Lamareaux, James H. Hart, Edward Stevenson, Nathan T. Porter, T. B. H. Stenhouse, Jabez Woodward, S. L. Ballif und andere kennen zu lernen. Die Ältesten Lamareaux und Woodward starben im Glauben an das Evangelium. Bruder Stenhouse war, obwohl ein fähiger Mann, stolz und fiel aus den Reihen der Rechtschaffenen. Die übrigen vier Genannten haben sich weiter voller Standhaftigkeit nützlich gemacht und sind mit den Jahren glänzender und besser geworden. Oft fanden sie Unterkunft in Southampton und genossen die Gastfreundschaft der Heiligen, die sie immer freundlich aufnahmen. Ihre Gespräche waren interessant, denn so wie ein alter Soldat, der in seinen Geschichten seine Schlachten immer wieder schlägt, erzählten sie von ihren Erlebnissen und berichteten von den Gewohnheiten und Bräuchen fremder Völker und von den Schwierigkeiten, auf die sie bei der Verbreitung des Evangeliums in fernen Ländern stiessen, und auch von der Güte derer, denen sie das Licht und den Einfluss des Geistes Gottes brachten.
Die Ältesten in der Britischen Mission sehnten sich nicht nach einer ausländischen Mission, obwohl wahrscheinlich nicht einer von ihnen auch nur einen Moment gezögert hätte, wäre er gesandt worden. Ich wüsste von keinem, der es abgelehnt hätte, und ich glaube, ich kannte unsere Missionare in der Zeit von 1850 bis 1860 privat und anderweitig so gut wie kein anderer. Mir war aufgefallen, dass sich die Ältesten nie von sich aus eine Mission gewünscht haben, die es erforderte, eine andere Sprache zu erlernen und sich mit anderen schwer wiegenden Hindernissen auseinander zu setzen oder oftmals aufgrund von Vorurteilen und engstirnigen Gesetzen Leid und Gefangennahme erdulden zu müssen. Auch ich habe so gedacht. Als Folge davon, dass ich mit so vielen Umgang pflegte, die mit Missionen auf dem europäischen Festland zu tun hatten, war ich manchmal etwas unruhig, so wie die Ältesten zu Hause, die es für möglich halten, dass sie zur Zeit der Generalkonferenz berufen werden könnten. Dennoch war ich bereit zu gehen, sollte ich berufen werden.
Ich wurde für meine Bemühungen in dem Gebiet um Southampton sehr gesegnet. Ich hatte die Freude, recht viele Menschen zu taufen, und bin dankbar zu wissen, dass viele von ihnen auch heute noch treue Heilige in Zion sind. Während meiner Arbeit hier wurde ich vom Missionspräsidenten angewiesen, mich darauf vorzubereiten, mich auf die Shetland-Inseln zu begeben. Nach weiterer Überlegung und insbesondere weil die günstigste Jahreszeit inzwischen vorüber war, wurde jedoch beschlossen, die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen.
Zu Beginn des Jahres 1854 wurde ich in das Gebiet um Norwich gesandt, wo mir meine Arbeit viel Freude bereitete. Hin und wieder dachte ich noch an fremde Missionen, doch waren alle Gedanken an die französische, deutsche oder italienische Sprache, die lernen zu müssen ich schon befürchtet hatte, vergessen, weil ich nun keine Gelegenheit mehr hatte, fremde Missionare zu treffen, die von oder zu ihrem Arbeitsgebiet unterwegs waren.
Im Juli 1854 erhielt ich den Auftrag, in Cambridge zu arbeiten, einem alten Hort der Gelehrsamkeit, wo es fast nur Universitätsgebäude gibt.
Ein besonderer Teil meiner Mission hier bestand in der Aufgabe, Traktate unserer Kirche an Professoren und Studenten zu verteilen. Meine Erfahrungen bei dieser Tätigkeit waren wenn auch nicht immer erfreulich, so doch äusserst nützlich für mich, denn ich musste mich notgedrungen darauf vorbereiten, Fragen zu beantworten, Erklärungen zu geben und die Tugenden Geduld und Langmut zu entwickeln. Ich mühte mich jedoch beharrlich damit ab und fand mit der Zeit Freude daran. Auch wenn für das Wachstum der Kirche offensichtlich viel weniger Gutes getan wurde als in jedem früheren Arbeitsgebiet, versuchte ich mit Gottes Hilfe weiterhin, meine Pflicht zu tun, solange ich in dieser hartherzigen Stadt war. Eines Tages, als ich mich im Versammlungshaus in Cambridge aufhielt, erreichte mich ein Brief aus Liverpool, der den folgenden Auftrag enthielt:
«AN ALLE, DIE ES BETRIFFT:
Wir bestätigen hiermit, dass Elder William Budge berufen ist, unter der Präsidentschaft von Elder Daniel Tyler, Präsident der Schweizerisch-Italienischen Mission der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, zu arbeiten», usw., usw.
Der Brief war unterschrieben von Präsident Franklin D. Richards, der damals über die Zweige der Kirche auf den Britischen Inseln und in den benachbarten Ländern präsidierte. Die Auslandsmission, nun also doch!
Dass ich diesen Auftrag erhielt, war für mich einer der stärksten Beweise, dass dieses Werk von Gott ist: Der Geist meiner neuen Mission ging daraus hervor! Als ich den Brief zu Ende gelesen hatte, waren meine Gefühle wie ausgewechselt. Ich war bereit und willens und konnte mich nicht eher beruhigen, als bis ich mir ein Buch über die deutsche Sprache besorgt und meine Reise in die Schweiz tatsächlich angetreten hatte.
Wie ich einem Begleitschreiben zu meiner Berufung entnahm, war Elder Samuel Francis, der jetzt in Morgan County in Utah lebt, zur gleichen Zeit in dieselbe Mission berufen worden. Auf dem Weg zu ihm verbrachte ich eine Nacht in London. Am Abend besuchte ich eine Versammlung in einem der Zweige. Jahre später hatte ich die Ehre, über die Versammlungen in London zu präsidieren, doch diese Versammlung war die erste, an der ich in dieser grossen Stadt teilnahm. Wir verbrachten eine schöne Zeit und der Geist wurde reichlich über uns ausgegossen. Einige Älteste sprachen und einer ging dabei auf meine Berufung in die Schweiz ein und prophezeite den Anwesenden, dass ich einst über die Britische Mission präsidieren werde. Ich war erstaunt und dachte, dass ihm die Begeisterung und sein guter Wille wohl die Zunge gelöst hatten. Doch durch die Diener des himmlischen Vaters und unter seiner Führung sollte es nach Ablauf von vierundzwanzig Jahren tatsächlich so weit sein.
Bruder Francis nahm mich in Brighton, seinem Arbeitsort, freundlich auf. Er trug stets ein Buch bei sich, das den Titel «Französisch ohne Lehrmeister» hatte. Mir fiel auf, dass er oft darin nachschlug. Er sagte mir, dass er sich in das Buch eingearbeitet und einigen Fortschritt gemacht habe. Da ich keine Zeit hatte, mich einzulesen, war mein Fortschritt nicht der Rede wert, doch tröstete ich mich ein wenig mit dem Gedanken, wie angenehm es sein würde, einen Mitarbeiter zu haben, der auf unserer Reise durch Frankreich die Rolle des Dolmetschers übernehmen konnte. Am 28. September 1854 setzten wir von New Haven nach Dieppe über. Die Reise war nicht lang, doch war die See so unruhig, dass wir bisweilen kaum an Deutsch oder an Französisch dachten, ob nun mit oder ohne Lehrmeister. Als wir uns der französischen Küste näherten, hielten wir es für angebracht, uns zunächst nach dem Zoll und über die Ausweisbestimmungen zu erkundigen. Bruder Francis unternahm einen Vorstoss und sprach einen Franzosen auf Französisch an. Offensichtlich konnte der Angesprochene jedoch wenig mit «Französisch aus dem Buch», wie es von meinem geschätzten Mitarbeiter gesprochen wurde, anfangen. Erst viel später fand ich heraus, dass die Landbevölkerung oft Mundart spricht und mit der eigentlichen Hochsprache gar nichts anzufangen weiss. Wir gaben uns damit zufrieden, dass dieser Franzose wohl in diese Kategorie gehörte.
Wir gingen an Land. Unser Gepäck wurde vom Zoll kontrolliert und wir wurden auf die Strasse entlassen, Fremde in einem fremden Land. Wir suchten verzweifelt den Bahnhof, und Bruder Francis holte wieder sofort sein «Französisch ohne Lehrmeister» hervor. Er hielt nacheinander zwei Passanten auf der Strasse an und machte Anstalten, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Leider war es mit ihrer Schulbildung nicht allzu weit her und wir mussten auf die altbekannte, primitive Gebärdensprache zurückgreifen, obwohl die Beharrlichkeit meines Mitarbeiters grösseren Erfolg verdient gehabt hätte.
Nach einigen Stunden Aufenthalt in Paris und Macon erreichten wir bei guter Gesundheit und in gehobener Stimmung Genf, den Sitz der Schweizerisch-Italienischen Mission. Bevor wir jedoch die Stadt betraten, hielt die Polizei unsere Postkutsche an und beschlagnahmte unsere Pässe. Sie wurden in die Polizeistation in der Stadt gebracht, wo sie aufbewahrt werden sollten, bis der Eigentümer sich zur Weiterreise entschloss. Am darauf folgenden Tag stattete man uns für die Zwischenzeit mit einer Genehmigung aus, die uns vor Unannehmlichkeiten bewahren sollte, falls wir der Polizei auffallen sollten.
Unsere Brüder hiessen uns willkommen. Es waren die Ältesten T. B. H. Stenhouse, der Missionspräsident, der gerade entlassen worden war und nun im Begriff war abzureisen, um zur Kirchengemeinde zurückzukehren, Daniel Tyler, sein Nachfolger, George Mayer, J. F. Secrist, G. D. Keaton, C. R. Savage und John Chislett.
Am Sonntag, dem 1. Oktober, versammelten wir uns drei Tage lang zu einer allgemeinen Konferenz, einer Zeit gemeinsamer Freude. Während dieser Konferenz wurde Elder Francis berufen, in Italien unter den Waldensern zu arbeiten, die Französisch sprechen. Ich wurde beauftragt, unter der Leitung von Elder Mayer im Gebiet Zürich zu arbeiten, in dem Teil der Schweiz, in dem Deutsch gesprochen wird. Ich trennte mich mit Bedauern von meinem geistreichen Mitarbeiter, Bruder Francis. Ich hörte später ab und zu von ihm, und im Laufe der Zeit und nach weiteren Veränderungen trafen wir uns gemäss der Vorsehung Gottes in England wieder, um dort im Distrikt Birmingham zusammenzuarbeiten.
Genf ist zwar nicht die Hauptstadt der Schweizer Eidgenossenschaft, doch ihre wichtigste Stadt. Die Einwohnerzahl beträgt derzeit 50’000. An die viertausend sind mit der Herstellung von Uhren und Schmuck beschäftigt. Die Stadt liegt am südlichen Ende des gleichnamigen Sees und bietet einen majestätischen Anblick. Die Berge in der Umgebung und in der Ferne bilden eine herrliche Landschaft.
KAPITEL II
Ankunft in Bern – Dessen wichtigste Sehenswürdigkeiten – Reise nach Weiningen, wo ich bleibe, um Deutsch zu lernen – Auszug aus meinem Tagebuch – Vom Pöbel gejagt – unterredung mit dem Bürgermeister.
Am 4. Oktober verliessen Elder Mayer und ich Genf, um in unser Arbeitsgebiet zu reisen. Wir fuhren per Schiff etwa 50 Kilometer über den See und gingen dann noch ein kurzes, angenehmes Stück zu Fuss nach Lausanne. Dieser Ort, die Hauptstadt des Kantons Waadt, hat 28’000 Einwohner und ist ein sehr reizvoller Wohnort.
Um drei Uhr nachmittags nahmen wir in der Postkutsche Platz und waren alsbald auf dem Weg nach Bern, der Hauptstadt der Schweizer Republik, die wir am nächsten Morgen um fünf Uhr erreichten.
Bern hat heute etwa 40’000 Einwohner und ist sowohl Kantons- als auch Landeshauptstadt. Es wurde an den Ufern der Aare erbaut. Zahlreiche malerische und dekorative Brunnen zieren seine Strassen. Die Gebäude jedoch wirken langweilig und schwerfällig, die Fenster sind in der Regel klein. Man könnte den Ort durchaus als altbacken bezeichnen. Der Name der Stadt leitet sich von dem deutschen Wort Bären ab. Die Gestalt dieses interessanten Tieres ist überall auf Türen, Zäunen und Häusern zu sehen. Seit Jahrhunderten sind auf Kosten der Öffentlichkeit lebende Bären gehalten worden. Der Bärengraben ist eine der Sehenswürdigkeiten. Bei schönem Wetter findet sich gewöhnlich eine grössere Anzahl von Menschen dort ein, um sich an den Possen der gefangenen Tiere zu erfreuen. In der Nacht zum 3. März 1861 fiel ein Engländer in den Graben und wurde nach einem verzweifelten Kampf in Stücke gerissen. In dieser bemerkenswerten alten Stadt gibt es viele interessante Stellen. Es gibt dort ein schönes altes Münster, das im sechsten Jahrhundert erbaut wurde und von dessen Orgel zu Recht gesagt werden kann, dass sie so gut ist wie die in Fribourg, einer anderen Stadt in der Schweiz. Die Orgel in Fribourg hat siebenundsechzig Register und eintausendachthundert Pfeifen, von denen einige zehn Meter lang sind. Ausserdem gibt es ein Museum, ein Schloss, ein Spital und andere interessante Sehenswürdigkeiten.
Unser nächster Halt war die Stadt Baden, wo wir den Zug nach Schlieren nahmen, um dann zu Fuss in das Dörfchen Weiningen zu gelangen, das etwa 10 Kilometer von Zürich, der wichtigsten Stadt des deutschsprachigen Teils der Schweiz, entfernt liegt.
In diesem Ort gab es einen kleinen Zweig der Kirche, und es war geplant, dass ich hier eine Weile bleiben sollte, um mit dem Studium der deutschen Sprache zu beginnen. Als wir Bruder Hugs Haus erreichten, wurden wir aufs Freundlichste empfangen und erhielten alsbald einen Imbiss, den wir sehr nötig hatten. Am Abend wurde im Haus eine Gebetsversammlung abgehalten. Ich erfreute mich sehr an dem Geist, der dort herrschte, verstand aber kein einziges Wort. Dem Klang nach zu urteilen schien das Sprechen ohne Unterbrechung vonstatten zu gehen, und es war mir unmöglich, den Anfang oder das Ende eines Wortes oder eines Satzes aufzuschnappen. Die Heiligen hier zählten zusammen fünfzehn oder sechzehn – die Früchte der Arbeit von Elder George Mayer, der heute meines Wissens in Utah County wohnt.
Am 6. des Monats reiste Bruder Mayer nach Zürich ab, und ich blieb mit meinen Schweizer Freunden und meinen Büchern zurück.
Die Familie, bei der ich wohnte, erwies mir jede Freundlichkeit. Wie seltsam es doch ist, wenn jemand seine eigenen Gedanken nicht äussern noch andere Leute verstehen kann, wenn sie sprechen! Allein schon der Klang der deutschen Sprache erschien mir derb, doch gewöhnte ich mich schnell daran.
Ich fand bald heraus, dass die Schweizer Behörden allem, was einer Versammlung ähnelte, misstrauisch gegenüberstanden, und so mussten alle unsere Unternehmungen ganz im Stillen vor sich gehen. Wie dem auch sei, ich zog nicht viel Aufmerksamkeit auf mich, denn ich war sehr mit den Bemühungen, mir die Sprache zu Eigen zu machen, beschäftigt.
In meinem Tagebuch finde ich folgenden Eintrag:
«25. November. Seit geraumer Zeit haben die Einwohner von Weiningen Lügen über die Heiligen verbreitet. Der Geist der Verfolgung hat zugenommen. Der Dorfgeistliche hat gegen die ‚Mormonen‘ gepredigt und die Leute noch mehr aufgehetzt. In den letzten zwei oder drei Tagen haben sie gedroht, den ‚Mormonismus‘ zu stoppen, und sie haben auf die folgende Weise damit begonnen:
Gegen acht Uhr abends, als Bruder Henry Hug unterwegs war, um zwei Menschen zu taufen, versammelte sich eine Menschenmenge um das Haus, die uns beschimpfte und verfluchte. Sie brachen die Fensterläden auf und betraten schliesslich den äusseren Eingangsbereich des Hauses, wo sich einige Brüder bereitgemacht hatten, mit ihnen zu sprechen. Die wütende Menge war nicht willens zuzuhören, sondern erzwang sich den Weg ins Zimmer, wobei sie die Brüder zurückstiess. Wir versuchten unterdessen, sie daran zu hindern. Die wilde Horde, die vor allem nach Elder Mayer und nach mir suchte, gab ein Freudengeheul von sich, als sie mich entdeckte. Bruder Mayer war nicht da, und einige Männer legten sofort Hand an mich und zerrten mich alsbald zur Tür. Als die Brüder das sahen, unternahmen sie einen weiteren Versuch und befreiten mich schliesslich, sodass eine allgemeine Schlägerei ausbrach, soweit das den sieben oder acht Personen gegen die vierzig oder fünfzig, die zahlenmässig in die Stube passten, eben möglich war. An diesem Punkt des Geschehens erlosch das kleine Licht, das auf dem Tisch stand, und wir befanden uns plötzlich im Dunkeln, wodurch die Feindseligkeiten augenblicklich beendet wurden. Mir war gerade der Gedanke durch den Kopf geschossen, dass die Einrichtung des Hauses vor Zerstörung und seine Bewohner vor der tobenden Menge bewahrt würden, wenn ich nur entkommen könnte. Kaum dass es dunkel war, flüsterte Schwester Regula Hug mir zu, ihr zu folgen. Das tat ich auch, und mit einigen Remplern und einiger Vorsicht erreichten wir die Tür zur Diele, als ein Mann mich am Haar zu fassen bekam. Ich verpasste ihm mit meinem Ellenbogen schnell einen Stoss in den Magen, was ihn veranlasste, mich genauso schnell wieder loszulassen. Er gab zwar noch Alarm, aber es war schon zu spät. Wir hatten das hintere Zimmer erreicht, gingen hinein und verriegelten die Tür von innen. Ich hatte gerade noch genügend Zeit, ein Fenster zu öffnen und mit einem Sprung nach draussen auf den Boden zu gelangen, bevor die Menge sowohl an der Vorderseite als auch an der Rückseite des Hauses durch die Türen hinausströmte. Ich rannte ein kurzes Stück und blieb dann stehen und lauschte. Als ich niemanden hörte, der mich verfolgte, ging ich in den Obstgarten und näherte mich wieder dem Haus, weil ich wissen wollte, ob die Menge das Haus verlassen hatte. In diesem Fall wären die Heiligen wohl vor weiteren Schwierigkeiten sicher gewesen. Als ich nahe genug herangekommen war, hörte ich, wie die Männer in den Nebengebäuden nach mir suchten. So machte ich kehrt und begab mich nach Zürich, wo ich um zwei Uhr morgens ankam. Mein Körper war grün und blau geschlagen, mein Kopf unbedeckt und meine Kleider arg zerfetzt. Ich ging zum Haus von Ältesten Bär, der mich gleich hereinliess. Ich bekam etwas zu essen, ging zu Bett und schlief fest.
Am nächsten Tag ging Ältester Bär nach Weiningen. Ich verbrachte den Tag mit Elder Mayer und den Heiligen in den Versammlungen. Als Ältester Bär am Abend zurückkehrte, erzählte er uns, dass Bruder Henry Hug von demselben Pöbel, der uns belästigt hatte, des Abends zuvor gestört worden war, als er gerade Taufen vornahm. Er wurde ins Gesicht geschlagen und dann den Behörden vorgeführt, zuerst in Weiningen und dann in Zürich, wo er die ganze Nacht im Gefängnis festgehalten wurde. Er erzählte auch, dass sich die Brüder mit einigen aus der Menge geschlagen hatten, nachdem ich Weiningen verlassen hatte. Es war aber niemand ernstlich verletzt worden. So hat der Herr uns wieder einmal aus der Hand unserer Feinde befreit.»
Nach diesen Ereignissen verstrichen nur ein paar Tage, bevor ich vor den Statthalter (den Bürgermeister) [eigentlich war der Statthalter Untersuchungsrichter des Bezirks] geladen wurde, der mich mit der Hilfe eines Dolmetschers ausgiebigst befragte. Den Inhalt des Gespräches gebe ich hier so vollständig wie möglich wieder:
FRAGE: Wie alt sind Sie?
ANTWORT: Sechsundzwanzig Jahre alt.
F.: Wo sind Sie geboren?
A.: In Lanark in Schottland.
F.: Haben Sie jemals etwas gearbeitet und wenn ja, was?
A.: Ich habe in einem Gasthaus gearbeitet und danach im Stiefel- und Schuhmacherhandwerk.
F.: Von wo aus sind Sie in dieses Land gekommen?
A.: Aus Cambridge in England.
F.: Waren Sie lange in England?
A.: Ungefähr dreieinhalb Jahre.
F.: In welcher Gegend des Landes?
A.: In vielen Gegenden.
F.: Hatten Sie dort einen Besitz?
A.: Nein.
F.: Also haben Sie mit Ihren Geschäften etwas Geld verdient?
A.: Ja, so lange ich gearbeitet habe.
F.: Sind Sie irgendeiner Beschäftigung nachgegangen, als Sie in England herumreisten?
A.: Ja.
F.: Was war das?
A.: Ich habe Vorträge gehalten.
F.: Über Politik oder Religion?
A.: Über Religion.
F.: Warum sind Sie in dieses Land gekommen und was haben Sie seit Ihrer Ankunft getan?
A.: Ich bin einerseits gekommen, um Deutsch zu lernen und Unterricht in Englisch zu geben. Das habe ich getan, seit ich hierhergekommen bin.
F.: Wie lange ist es her, dass Sie in die Schweiz gekommen sind?
A.: Ich bin am letzten Tag im September in der Schweiz angekommen.
F.: Wo genau?
A.: In Genf.
F.: Glauben Sie an die Lehre der Leute, die man Mormonen nennt?
A.: Jawohl.
F.: So, wie sie in diesem Land gelehrt wird?
A.: Ich verstehe die Sprache dieses Landes noch nicht.
F.: Aber Sie glauben an die Lehren?
A.: Ja, soweit ich sie kenne.
F.: Haben Sie sich in diesem Land auf irgendeine Weise aktiv am Mormonismus beteiligt?
A.: Natürlich nicht. Ich sagte gerade, dass ich die Sprache nicht verstehe.
F.: Glauben Sie, dass es richtig ist, mehrere Ehefrauen zu haben?
A.: Jawohl.
F.: Haben Sie die Menschen hier dementsprechend belehrt?
A.: Ich kann meine Gedanken und meinen Glauben den Menschen nicht mitteilen, da ich die Sprache nicht genügend beherrsche.
F.: Wollen Sie, dass die Menschen hier an die Lehre glauben, dass man mehrere Frauen haben darf?
A.: Ich würde mich freuen, wenn ich wüsste, dass alle Menschen an die Bibel glauben.
F.: Glauben Sie, dass die Bibel diesen Lehrsatz enthält?
A.: Ja, ganz bestimmt. Jeder, der an die Bibel glaubt, muss an diese Lehre glauben. (An dieser Stelle bot ich an, es aus der heiligen Schrift zu erklären, bekam aber gesagt, dass sie sich nicht in den Glauben eines Menschen einmischten und dass jedermann das Recht habe, seine eigenen Schlüsse aus der Bibel zu ziehen. Er, der Statthalter, hingegen wolle wissen, ob ich wünschte, dass diese Lehre in der Schweiz praktiziert werde, was ich verneinte.)
F.: Warum nicht?
A.: Weil die Menschen dafür noch nicht reif sind und weil es ungesetzlich wäre.
F.: Ja, aber wenn Sie die Macht hätten, würden Sie dieses System nicht einführen wollen und praktizieren lassen?
A.: Nein.
F.: Warum nicht?
A.: Ich habe kein Verlangen, etwas zu tun, was im Widerspruch zum Geist der Gesetze steht, so wie sie zurzeit in Kraft sind. Ich sage noch einmal, dass ich kein Recht habe, etwas Derartiges einzuführen. Gott, der Urheber der biblischen Religion, hat mir niemals die Vollmacht erteilt, so etwas zu tun. Selbst wenn ich die Macht hätte, so habe ich doch nicht den Auftrag, dies in diesem oder irgendeinem anderen Land einzuführen.
F.: Kennen Sie Herrn Mayer?
A.: Jawohl.
F.: Seit wann kennen Sie ihn?
A.: Seit ich in dieses Land kam.
F.: Haben Sie ihn nicht schon vorher gekannt?
A.: Nein.
F.: Wie haben Sie ihn kennen gelernt?
A.: Ich bin ihm im Haus eines Freundes begegnet.
F.: Wo war das?
A.: In Genf.
F.: Geben Sie uns die Anschrift dieses Freundes?
A.: Sicher können Sie die haben. Ich möchte aber bemerken, dass mein Freund* aus Genf vor fast zwei Monaten nach Amerika abgereist ist. (Die Obrigkeit zeigte an dieser Stelle einige Unzufriedenheit über den Inhalt meiner letzten Antwort.)
F.: Ist Herr Mayer Amerikaner?
A.: Ich habe ihn nie danach gefragt, aber ich nehme es wohl an.
F.: Wissen Sie, welcher Arbeit er nachging, bevor er in die Schweiz kam?
A.: Nein, ich weiss nichts über ihn.
F.: Haben Sie gegenüber den Menschen hier jemals behauptet, dass sie eine Überfahrt nach Amerika bekommen, wenn sie einen bestimmten Geldbetrag oder so viel wie sie können dafür bezahlen?
A.: Mir ist über eine derartige Abmachung nichts bekannt. Ausserdem habe ich Ihnen wiederholt erklärt, dass ich nicht gut genug Deutsch spreche, um irgendetwas erklären zu können.
F.: Wissen Sie Näheres darüber, was die hiesigen Mormonen betrifft?
A.: Nein.**
Der Statthalter wies mich nun an, mich weiterhin von jeglichen Aktivitäten mit den «Mormonen» fernzuhalten, da mir vielleicht nicht bewusst sei (weil ich nicht fähig war, die örtlichen Zeitungen zu lesen), wie sehr die Leute über den «Mormonismus» aufgebracht waren. Er sagte mir, man würde in ungefähr einer Woche nach mir schicken, um mir die erforderlichen Papiere auszuhändigen, die mir erlaubten, in Zürich zu bleiben, denn es sei gefährlich für mich, mich länger in Weiningen aufzuhalten. So endete mein erstes Verhör, und in den nächsten zwei Wochen hörte ich nichts mehr von den Behörden. Das Gerücht verbreitete sich aber, dass die «Mormonen» wohl demnächst vertrieben würden.
* Elder T. B. H. Stenhouse, der bereits entlassen war.
** Der Zweck der Frage hinsichtlich der Auswanderung war, uns nachzuweisen, dass wir Geld von den Leuten erhielten, indem wir Versprechungen machten, die wir nicht einhalten konnten. Natürlich konnte ein jeder eine Reise nach Amerika erwerben, indem er den erforderlichen Betrag bezahlte. Den Schweizer Gesetzen nach war die Auwanderung nicht verboten.
KAPITEL III
Brief von Elder Secrist – Die Anweisunge erhalten, Zürich zu verlassen – Festgenommen und in einem Schmutzigen Verliess eingesperrt – In eine bessere Unterkunft gebracht – Freigelassen.
Ungefähr zu der Zeit erhielt ich Briefe von einigen Brüdern in anderen Teilen der Mission, denen ich entnahm, dass wir in Zürich nicht die Einzigen waren, die verfolgt wurden. Aus Bruder Secrists Brief, der in St. Louis in Frankreich geschrieben wurde, gebe ich Folgendes wieder:
«Es mag Ihnen seltsam erscheinen, von mir, einem Ausgestossenen (nicht auf der Insel Patmos, sondern im Königreich Frankreich) wegen des Zeugnisses von der Wahrheit und wegen des Evangeliums, das wir predigen, zu hören. Ich weiss kaum, wo ich mit meiner Geschichte beginnen soll. Als ich Genf verliess, war ich krank, doch beklagte ich mich kaum. Unter grossen Schwierigkeiten und körperlicher Qual erreichte ich das Haus einer guten Schwester in Thun, wo ich ungefähr drei Tage lang eine schwere Zeit durchmachte. Ungefähr eine Woche später kam Präsident Tyler, um mich zu besuchen. Wir ordinierten drei Brüder zum Priestertum. Ich selbst hielt mich vor Fremden verborgen und reiste bei Nacht von Ort zu Ort. Weil die Heiligen sehr verstreut leben, ging ich oft noch nach Einbruch der Dunkelheit zwölf Meilen weit. Nach einiger Zeit spürte ich, dass etwas nicht in Ordnung war. Als der amtierende Statthalter mich sehen wollte, um von mir etwas über unsere Lehre zu erfahren, suchte ich ihn auf. Etwa zu der gleichen Zeit erhielt er eine Nachricht aus Bern, die besagte, dass Secrist ‚den Kanton zu verlassen‘ habe und dass man, falls er sich zeigen sollte, ’sich um ihn kümmern und ihn nach Bern schicken‘ solle. Der Statthalter räumte mir jedoch das besondere Recht ein, selbst nach Bern zu gehen, anstatt mich von einem Polizisten dorthin bringen zu lassen.
Ich ging in der Erwartung, angehört zu werden, doch wurde mir dies verweigert. Sie wollten wissen, wohin ich zu gehen beabsichtigte. Ich antwortete, nach Thun. Sie erwiderten: ‚Nach Thun können Sie nicht!‘, gerieten in Wut und steckten mich ins Gefängnis, wo ich neun Tage lang blieb. Die Brüder taten alles, was in ihrer Macht stand, um die Behörden dazu zu bewegen, mich anzuhören, und beteuerten, dass der Prediger in Sigriswil (der sich über mich beschwert hatte) die Dinge nicht so darstellte, wie sie waren. Bis letzten Freitag hatten sie Hoffnung auf eine Wiederanhörung für mich. Sie hatten in einem Gesuch bezeugt, dass ich keine fremden Lehren ins Land gebracht hatte usw., jedoch vergebens. Um es kurz zu machen: Am letzten Samstagmorgen wurde ich von einem Polizisten abgeführt und erst an der Grenzlinie zwischen der Schweiz und Frankreich wieder freigelassen.»
Zum ersten Mal war ich Elder Jacob F. Secrist in Genf begegnet. Ich lernte ihn als sehr demütigen und hingebungsvollen Missionar kennen. Gerade erst hatte er in Bern und in Thun (einer von der erstgenannten etwa 15 Meilen entfernten Stadt) den Grund für ein Werk gelegt, das Bestand haben sollte. Dort hatte er durch den Segen Gottes und nach vielen Schwierigkeiten eine Anzahl guter Leute getauft und ein, zwei Zweige gegründet. Er wurde ehrenvoll entlassen, um nach Zion zurückzukehren; es war ihm aber nicht vergönnt, sich an der Wiedervereinigung mit seiner Familie in diesem Leben zu erfreuen, denn er kam unterwegs nach Hause irgendwo in den Staaten um.
In diesen aufregenden Zeiten führte ich vier oder fünf Wochen lang kein Tagebuch, da es unter den gegebenen Umständen nicht ratsam war. In einem Land, wo ein Mann jeden Augenblick verhaftet und eingesperrt werden konnte, so wie wir es damals zu erwarten hatten, und das ohne Kenntnis der Anschuldigungen, die gegen ihn erhoben wurden, war es gefährlich, seine Wege und Bekanntschaften aufzuschreiben und als Beweismaterial mit sich herumzutragen. Obwohl es an unserem Tun und unseren Absichten nichts auszusetzen gab – war unser einziger Wunsch doch, bleiben zu können, um unsere Brüder und Schwestern zu unterweisen und ihnen das Evangelium zu predigen, wie es die Offenbarungen Gottes verlangten –, wollten wir doch vermeiden, dass andere durch uns in Schwierigkeiten gerieten, wenn wir die Auswirkungen von Vorurteilen und Verfolgung zu spüren bekamen.
Etwa zu der Zeit besuchte uns Elder C. R. Savage, dessen Arbeitsfeld in Lausanne lag und der jetzt in Salt Lake City wohnt. Ich war über die Massen erfreut, ihn zu sehen. Er war ein alter Bekannter, denn wir hatten im Gebiet Southampton in England miteinander gearbeitet.
Während wir täglich damit rechneten, von der Polizeibehörde zu hören, verbrachten wir jede freie Minute damit, die Unterlagen und Finanzberichte der Kirche, die wir aus verschiedenen Orten erhielten und dann wieder zurücksandten, in Ordnung zu bringen – was sich als etwas schwierig erwies, da wir Werte in verschiedenen Währungen ermitteln mussten.
Die Zeit verging und Elder Mayer war damit beschäftigt, die Heiligen zu besuchen und ihnen sowie Fremden, die an unseren Versammlungen teilnahmen, das Evangelium zu predigen. Ich half ihm so gut ich konnte. Ich hatte viel gelernt und machte beständig Fortschritte in der Kenntnis und im Gebrauch der deutschen Sprache. Infolge der sich hartnäckig haltenden Gerüchte erwarteten wir Unannehmlichkeiten seitens der Behörden. Doch vertrauten wir auf den Herrn, der uns gesandt hatte, diese Nation zu warnen, und so sahen wir den bevorstehenden Ereignissen voller Zuversicht entgegen.
Um den 16. Dezember herum erhielten Elder Mayer und ich Nachricht von der Polizei, dass wir den Kanton Zürich innerhalb von acht Tagen zu verlassen hätten. Elder Mayer wandte sich in einem Gesuch an den amerikanischen Konsul, der nichts unternahm. Ich schrieb an den britischen Botschafter in Bern. In meinem Schreiben verlangte ich Schutz als britischer Staatsangehöriger und legte dar, wie ich von den Behörden des Kantons, in dem ich mich damals aufhielt, behandelt worden war, und dass sie sich sogar weigerten, für die ungerechte Behandlung, die mir widerfahren war, irgendwelche Gründe anzugeben.
Er antwortete mir beinahe unverzüglich und bemerkte, dass er wegen der mir widerfahrenen Behandlung um Klärung gebeten habe. Er habe ausserdem seinen Einfluss geltend gemacht, um den Befehl zur Ausweisung eine Zeit lang auszusetzen. Dann bat er mich, ihm sämtliche Gründe vollständig zu schildern, die meiner Meinung nach die Behörden zu ihrer Handlungsweise veranlasst haben könnten, was ich dann auch tat.
Elder Mayer musste, weil der amerikanische Konsul nichts in seiner Sache unternahm, abreisen und wurde kurz darauf ehrenhaft entlassen, um nach Zion heimzukehren. Ungeachtet meines Protestes blieb der Beschluss meiner Abschiebung in Kraft und ich musste gleichfalls abreisen oder ins Gefängnis gehen. Eingedenk dessen, dass der Botschafter mir geraten hatte, mich an die Anweisungen der Polizei zu halten, bis die Angelegenheit vollständig untersucht worden sei, beschloss ich, der Aufforderung Folge zu leisten.
Bruder Mayer war der erste Missionar, der in dieser Evangeliumszeit nach Zürich gesandt worden war. Sein geistlicher Dienst war beispielhaft, was Fleiss und Beharrlichkeit anbelangt, und so wurde durch ihn viel Gutes zuwege gebracht. Er taufte eine beachtliche Anzahl von Menschen und errichtete einen Zweig der Kirche in Zürich und einen in Weiningen. Als er abreiste, begleiteten ihn die Segenswünsche und die guten Gedanken sowohl der Heiligen als auch der Fremden, die ihn kannten.
Ich beschloss, in Erwartung des endgültigen Ausgangs der Verhandlungen des Botschafters, mich in einen benachbarten katholischen Kanton, und zwar nach Baden, zurückzuziehen. Bruder Savage, der kein Deutsch sprach, entschloss sich, mich ein paar Tage zu begleiten, bevor er nach Lausanne, seinen Arbeitsort, zurückkehrte. Allen Heiligen stand der Kummer ins Gesicht geschrieben. Sie fühlten sich entmutigt. Es schien ihnen, dass mit der Abreise der Ältesten nun auch das letzte Glied, das sie mit der Mehrheit der Kirchenmitglieder verband, durchtrennt würde und dass sie bald ohne einen Hirten zurückgelassen würden.
Die Aufregung über die «Mormonen» war beträchtlich gewesen. Die Zeitungen hatten wie gewöhnlich allerart falsche Berichte über uns gedruckt. In Zürich wurde unsere Abschiebung vermeldet und den Behörden der benachbarten Kantone geraten, uns nicht aus den Augen zu lassen. Die protestantischen Kantone formulierten deutlich ihren Widerstand gegen uns und zeigten sich allgemein sehr aufgebracht. Die katholischen Kantone bekundeten wenig Interesse an der Angelegenheit, weshalb wir es für ratsam hielten, in einem von ihnen Zuflucht zu suchen.
Unter einer römisch-katholischen Bevölkerung haben die Ältesten immer äusserst wenig ausrichten können. Dies ist wohl im Allgemeinen die Folge einer naiven Unwissenheit bei den meisten Menschen und ihrer mangelnden Bereitschaft, sich mit irgendeiner Religion ausser ihrem eigenen Glauben zu befassen. Zweifellos ist dies ein Ergebnis ihrer Erziehung, die jeden Gedanken hemmt und jedes Begehren nach religiöser Freiheit niederschmettert. Die Erfahrungen weniger Tage inmitten eines unfreundlichen Umfelds genügten uns, die Einladung einer Familie von Heiligen in Weiningen anzunehmen, dieselbe, bei der ich früher schon untergekommen war und in deren Haus ich vom Pöbel bedrängt worden war. Dieser Ort befand sich jedoch innerhalb der Grenzen des Kantons Zürich und war daher gefährlich für unsere Freiheit. Wir hatten uns überlegt, ob es angemessen sei, dass Bruder Savage nach Lausanne zurückkehrte, während ich in einen der anderen protestantischen Kantone ging, in denen es ein paar einzelne Heilige gab. Ich hielt es jedoch für besser, mir den Besuch dort für später aufzuheben, bis die Aufregung sich so weit gelegt hätte, dass ich für eine längere Zeit dort bleiben könnte.
So war die Lage der Dinge, als uns die Einladung nach Weiningen erreichte. Unsere Freunde versprachen uns äusserste Geheimhaltung und Achtsamkeit, da ihnen natürlich bewusst war, dass ich ausgewiesen worden und in Gefahr war, sollte ich in diesem Kanton entdeckt werden. Schliesslich beschloss ich, nach Weiningen zu gehen, und da die Entfernung nur kurz war, entschied sich Bruder Savage mitzukommen. Wir kamen bis auf vier oder fünf Kilometer an unseren Bestimmungsort heran, als es dämmerte. Wie abgemacht, trafen wir zwei der Brüder, die gekommen waren, um uns sicher in den Ort zu geleiten. Bei unserer Ankunft in Bruder Hugs Haus trafen wir gute Freunde, deren glücklichen Gesichtern wir ansehen konnten, wie froh sie waren, uns zu sehen. Das Abendessen war fertig. Wir setzten uns alle, um von den Segnungen, die diese gütige Familie zubereitet hatte, zu geniessen. Plötzlich wurde die Tür aufgestossen. Ein Polizist mit einigen Helfern kam in den Raum und nahm Bruder Savage und mich fest.
Daraufhin filzten sie unsere Hosentaschen, um uns um deren Inhalt zu erleichtern, wobei sie pausenlos Fragen stellten, die wir nicht beantworteten, und sich gegenseitig zu dem Fang, den sie gemacht hatten, beglückwünschten. Ich hatte eine erkleckliche Summe Missionsgelder in grossen Silbermünzen bei mir, die ich mit Bruder Savage nach Genf schicken wollte. Während unsere Besucher uns weiterhin von unseren Habseligkeiten befreiten, schritten die Brüder Hug (es gab mehrere von ihnen) ein, was zu einer beachtlichen Rangelei führte. Als ich an das Geld dachte, stiess ich mit dem Rücken gegen Bruder Jacob Hug. Ich zog fast das ganze Geld unbeobachtet aus meiner Hosentasche und steckte es, wie ich dachte, in seine. Jedoch führte die äussere Öffnung seiner Hose sowohl sein Bein hinunter wie auch in seine Hosentasche. Unglücklicherweise nahm das Geld in der Eile den falschen Weg und verteilte sich gut hörbar auf dem ganzen Boden. Die verblüffte Polizei hob alles vom Boden auf und bekam so die meisten Münzen in die Hand. Bruder Jacob Hug erhob jedoch Anspruch auf das Geld, und da die Polizei nicht nachweisen konnte, dass es mir gehörte, wurde es Bruder Jacob am nächsten Tag ausgehändigt. Ohne von dem guten Abendessen zu kosten, das man uns vorgesetzt hatte, wurden wir zu einem vorläufigen Nachtquartier im Haus eines der Landjäger eskortiert. Auf dem Weg machte einer von uns eine Bemerkung, und sofort untersagte man uns zu sprechen. Man brachte uns in einen grossen Raum. Drinnen wurde ein schwerer Tisch gegen die Tür geschoben, auf den ein geladenes Gewehr, eine Flasche Wein und ein Laib Brot gelegt wurden. Die Ladung des Ersteren war für uns bestimmt, falls wir zu fliehen versuchen sollten. Die beiden Letzteren waren dem Wohle des Landjägers und seines Gehilfen zugedacht, die die ganze Nacht hindurch aufblieben, um uns zu bewachen.
Elder Charles R. Savage (1832-1909). (Mit Genehmigung von panarchiv.)
Unsere Wächter waren dank des Weines und unserer Gefangennahme in gehobener Stimmung. Die Umstände unserer Festnahme schienen sie sehr zufrieden zu stellen. Ich fragte mich, wie unsere Ankunft im Dorf bekannt geworden war und vor allem so schnell. Aus der Unterhaltung, die sich zwischen den beiden entspann, sollte ich alles erfahren. Einige Leute hatten zufällig beobachtet, wie wir die Brüder trafen, die uns ins Dorf geleiten wollten.
Da wir bei unserer Festnahme die Fragen der Polizisten nicht beantwortet hatten, waren sie sich gewiss, dass wir kein Deutsch verstanden, und so sprachen sie ohne Umschweife. Der Gendarm zeigte auf mich und sagte: «Das ist mir ein feines Bürschchen – tat so, als gebe er Englischunterricht. Wie soll das gehen, wenn er kein bisschen Deutsch spricht?»
Wir waren hungrig, zumindest ich, und Bruder Savage vermutlich auch. Ich wagte nicht, ihn zu fragen, da wir sonst vielleicht getrennt worden wären. Als es jedoch spät wurde und es keine Anzeichen dafür gab, dass wir irgendetwas zu essen bekommen würden, fragte ich in unmissverständlichem Deutsch, ob wir etwas zum Abendessen bekommen könnten. Die Auswirkung dieser ganz natürlichen Nachfrage war sehr erstaunlich. Der Gendarm sprang auf, kam wortlos herüber zu dem Platz, wo ich sass, hielt mir die Faust unter die Nase und zischte: «Ich dachte, Sie sprechen kein Deutsch.»
Ich entgegnete: «O doch, manchmal kann ich das.»
«Warum haben Sie mir dann im Haus von Herrn Hug nicht geantwortet?», fragte er.
Ich antwortete: «Weil ich es für besser hielt, davon abzusehen.»
Daraufhin geriet er ausser sich und machte Anstalten, mich zu schlagen. Er besann sich jedoch eines Besseren und kehrte mit der Bemerkung zu seinem Platz zurück, dass wir kein Abendessen bekommen würden. Gerade da schaute jedoch seine Frau zur Tür herein und bat ihn in den schönsten Tönen, ihr zu erlauben, uns etwas zu essen zu geben. Er aber wollte nicht. Letzten Endes stand er auf und bot mir sehr schroff ein Stück Brotkruste an, welches ich ablehnte. Dann sagte ich ihm, dass wir bereit seien, zu Bett zu gehen. Er deutete auf den Fußboden und sagte, wir könnten dort schlafen. Seine Frau griff noch einmal zu unseren Gunsten ein, und nach recht deutlichen Worten sowohl ihrerseits als auch seinerseits wurde ihr gestattet, ein Bett und Bettzeug hereinzubringen. Wir legten uns sofort hin und verbrachten eine sehr angenehme Nacht, weil wir wirklich müde waren.
Früh am Morgen befahl man uns aufzustehen. Ohne Frühstück wurden wir zu Fuss ins sechs Meilen entfernte Zürich gebracht. Wie Bruder Secrist mussten wir vorangehen, der Polizist folgte uns mit seinem Gewehr über der Schulter. Als wir Zürich erreichten, zog unser Marsch die Aufmerksamkeit der Einwohner auf sich, und noch ehe wir das Gefängnis erreichten, hatten wir eine beträchtliche Gefolgschaft. Im Gefängnis wurden Bruder Savage und ich getrennt. Ich wurde in eine unterirdische Zelle gebracht und eingeschlossen. Sie war ungefähr zweieinhalb Meter lang und knapp zwei Meter breit, mit einem kleinen Fenster, das sich in Höhe der Strasse befand, und zu allem Übel grauenhaft schmutzig. Das Mobiliar bestand aus einer schmalen Bank und ein, zwei alten Decken. Man benutzte den Ort, um Personen vorübergehend einzusperren, bis sie vor Gericht gestellt wurden. Im Laufe des Tages wurden einige Gefangene ohne grosse Umstände hineingestossen und kurz danach wieder abgeholt. Obwohl die meisten alles andere als angenehme Kameraden waren, unterbrach die Abwechslung doch die Eintönigkeit der langen Stunden im Gefängnis. Sie waren alle an den Händen gefesselt, und einige von ihnen sahen aus, als sei diese Vorsichtsmassnahme durchaus angebracht. Einige waren sehr fest gefesselt und baten mich, sobald wir allein waren, die kleine Kette, die ihnen um die Handgelenke gelegt war, zu lockern, in der Hoffnung, dadurch etwas Erleichterung zu finden.
Während der Tag verstrich, machte mich die schmutzige Umgebung der Zelle fast krank. Die Abscheulichkeit des Ortes spottete jeder Beschreibung. Selbst die Wände waren völlig verdreckt, und zwar so hoch, wie ein Mann reichen konnte. Ich wurde müde, denn es gab dort keine Möglichkeit, sich auszuruhen, und ich war den ganzen Tag auf meinen Füssen gewesen. Hungrig war ich ausserdem, da ich seit ungefähr dreissig Stunden nichts gegessen hatte. Um sieben Uhr abends wurde ich aus diesem Loch geholt und meinem alten Bekannten, dem Statthalter, vorgeführt, mit dem ich ein recht freundliches Gespräch hatte, in dem er wohl eher etwas für sich selbst herauszufinden versuchte, als dass es ein Verhör gewesen wäre. Ich beschwerte mich bitter über den Ort meiner Gefangenschaft, der ihm – glaube ich – gar nicht bekannt war. Er sagte, er würde für ein angenehmeres Quartier sorgen. Er sagte weiter, er wolle mich weder bestrafen noch ausweisen, sei aber verpflichtet, den Wünschen der Pfarrer zu entsprechen, die sehr grossen Einfluss hätten. Ein Polizist wurde nun angewiesen, mich in eine neue Unterkunft zu bringen.
Wie frisch und belebend die Luft doch war, als wir auf die Strasse hinaustraten! Diese ausserordentliche Freude entschädigte mich in gewisser Weise für das, was ich durchgestanden hatte. Ich ging an der Seite meines neuen Begleiters, bis wir ein Gefängnis im oberen Teil der Stadt erreichten, wo ich vom Gefängniswärter in Empfang genommen und vier anständig aussehenden jungen Männern vorgestellt wurde, die zwei Räume in dem Gebäude belegten. Meine neuen Freunde waren von mir recht angetan; sie stellten ihre Stühle dicht neben den meinen und fragten mich freundlich und ganz im Vertrauen, wofür ich denn «einsass». Ich erzählte ihnen, dass es wegen meines Predigens sei, was sie veranlasste, sich zweifelnd anzuschauen, so, als wollten sie sagen: «Das kann nicht der einzige Grund sein.» Daraufhin legte ich ihnen die Sache etwas ausführlicher dar und stellte sie wohl mit den Tatsachen zufrieden.
In dem einen Raum gab es zwei Betten und eins in dem anderen, alle sauber und ordentlich. Sie wurden allerdings jeden Morgen von den Gefangenen selbst hergerichtet, da dies zu ihren Aufgaben gehörte. Meine Kameraden wünschten, dass ich das einzelne Bett benutzen sollte, während sie die beiden in dem anderen Raum beanspruchten. Das fand ich zuvorkommend und annehmbar, und so dankte ich dem Herrn, der Quelle alles Guten, bevor ich mich niederlegte, überschwänglich dafür, wie gütig er zu mir war, indem er dafür gesorgt hatte, dass ich in Frieden schlafen konnte. In der Tat war ich, obwohl es seltsam erscheinen mag, dankbar dafür, von der Beängstigung und Ungewissheit, denen ich so lange ausgesetzt gewesen war, ausruhen zu können. Es war gewissermassen eine Erleichterung, unter diesen Umständen im Gefängnis zu sein, obwohl ich mir keineswegs sicher war, wann ich meine Freiheit wieder erlangen würde.
Man erinnere sich, dass man damals in der Schweiz, wie auch in anderen europäischen Ländern, jederzeit auf Verdacht ins Gefängnis geworfen werden konnte, ohne jegliche Gewissheit darüber, wann man wieder auf freien Fuss gesetzt werden würde. Ich schlief gut und stand früh auf, im Einklang mit unseren Gefängnisregeln. Unsere erste Arbeit war das Bettenmachen, was sehr gut ausgeführt werden musste, da es anschliessend überprüft wurde. Bei dieser Gelegenheit erhielt ich meinen ersten Unterricht in dieser häuslichen Tätigkeit. Da ich in meinen ersten Ansätzen wohl etwas unbeholfen wirkte, erbot sich einer meiner Kameraden freundlicherweise, mir zu helfen. Alle meine Kameraden waren junge Männer, die anständig aussahen und gut gekleidet waren. Sie lebten auf Kantonskosten, so sagten sie mir, weil sie gestohlen hatten. Drei von ihnen waren Hotelkellner. Sie waren fröhlich und unterhaltsam und behandelten mich in der Zeit, die ich mit ihnen verbrachte, äusserst rücksichtsvoll. Einer von ihnen, ein Pantomime, belustigte uns täglich, indem er den Gang und die Umgangsformen von Menschen verschiedener Nationalitäten nachmachte, was sehr schön war und die Zeit verstreichen liess. Wenn mir die Gelegenheit günstig schien, manchmal auch auf ihren eigenen Wunsch, forderte ich sie auf, ein besseres Leben zu führen, und lehrte sie einige der Grundsätze des Evangeliums.
Es gab aber ein schwer wiegendes Problem. Wir waren immer hungrig, da wir nur halbe Portionen bekamen. Unser Essen wurde stets pünktlich serviert und bestand aus etwas Haferschleim und einer kleinen Portion Brot zum Frühstück. Zum Mittagessen gab es Kartoffeln und manchmal Sauerkraut mit einem winzigen Stückchen Fleisch. Zum Abendessen gab es Haferschleim und, zur Abwechslung, Brot, doch jedes Mal weniger als die Hälfte von dem, was wir brauchten. In welcher Haltung wir uns auch befanden oder womit wir uns auch beschäftigten – wir waren immer wach und auf dem Sprung, wenn der Schlüssel um die Essenszeit in der Tür klapperte. Ich hatte vier Tage und drei Nächte im Gefängnis zugebracht, als eines Tages der Gefängniswärter zu einer ungewöhnlichen Zeit hereinkam und sagte: «Herr Budge, Sie können jetzt gehen.» Man teilte mir weder mit, warum ich eingesperrt worden war, noch warum ich freigelassen wurde, und ich stellte keine Fragen, sondern verabschiedete mich von meinen Kameraden und betrat die Strasse als freier Mann. Ich fand Bruder Savage in Freiheit. Die Heiligen hatten erst an diesem Morgen erfahren, wo wir in Gewahrsam gewesen waren. Bruder Savage war nach seinem ersten Tag in Gefangenschaft gezwungen gewesen, mit niederträchtigen Charakteren zu verkehren und musste neben anderen Unannehmlichkeiten den Lärm ihres zügellosen Benehmens ertragen. Nach ein oder zwei Tagen reiste er nach Lausanne ab, nicht ohne mir die ihm eigene Freundlichkeit zu erweisen und mir alles Gute für meine Sicherheit zu wünschen, da ich es für das Beste hielt, in Zürich zu bleiben, zumindest bis ich erneut zur Abreise aufgefordert wurde.
Was mich betraf, so gab es immer noch keine Neuigkeiten aus Bern, obgleich ich auf umgehende Ergebnisse wartete, nachdem ich meinen letzten Brief an den Botschafter abgeschickt hatte. Ich nahm weiterhin an Versammlungen teil, unterwies die Menschen und bemühte mich besonders, sie über die Organisation der Kirche und die Zuständigkeiten des Priestertums in seinen vielfältigen Berufungen zu unterrichten, da es mir wahrscheinlich schien, dass sie wenigstens eine Zeitlang sich selbst überlassen bleiben würden. Ich war natürlich stets sehr angespannt, obwohl es seitens der Behörden nichts Neues gab. Ich hielt mich im Umgang mit den Heiligen und anderen Menschen sehr bedeckt und nahm allerart Unannehmlichkeiten auf mich, die nötig waren, um meine Pflicht zu tun. Unterdessen hielten die Zeitungen die Aufregung über die «Mormonen» in der Bevölkerung aufrecht.
KAPITEL IV
Fortschritt im Erlernen der deutschen Sprache – Nachricht vom britischen Botschafter – Amtliche Aufforderung, Zürich zu verlassen – Nach Schaffhausen gegangen – Der Rheinfall – Nicht in der Lage, Erlaubnis zu erhalten, im Kanton zu bleiben – Suche nach einem anderen Zufluchtsort – Obdach bei einer Familie von Heiligen – Schwierigkeiten, unentdeckt zu bleiben – Nach Genf berufen – Rückkehr nach England.
Die Heiligen in Zürich und Umgebung hatten den Heiligen Geist in reichem Masse bei sich und erfreuten sich sehr am Glauben an das Evangelium Jesu Christi. Sie fingen an, sich mit der Hoffnung zu trösten, dass ich nach all dem vielleicht doch noch unbehelligt bei ihnen bleiben könnte. Ich machte mit Gottes Segen grossen Fortschritt darin, mich mit den Menschen zu unterhalten, sodass ich in der Hoffnung bestärkt wurde, vielleicht doch noch mehr von Nutzen sein zu können, als mich schliesslich die folgende Nachricht des britischen Botschafters erreichte:
Bern, 11. Januar 1855
«Sehr geehrter Herr Budge, – ich bestätige den Erhalt Ihres Schreibens vom 20. des Vormonats und Ihres mir darin übersandten Passes.
Die mir in diesem Schreiben übermittelte Information, dass Sie zu der als ‚Mormonen‘ bezeichneten Sekte gehören, und der Hinweis, dass Sie deren Lehren zu predigen pflegen, was einer Auflehnung gleichkommt und unvereinbar mit Zivilisation und Religion ist, liessen mich bereits ahnen, was meine Bitte an den Bundesrat um Klärung in Bezug auf Ihre drohende Ausweisung aus dem Kanton Zürich ergeben würde. Da ich die hiesigen Behörden aber nun einmal um Klärung gebeten hatte, hielt ich es für richtig, die Sache ihren Lauf nehmen zu lassen und wartete deshalb, bis ich vom Bundesrat eine Antwort auf den Brief erhielt, den ich in dieser Angelegenheit geschrieben hatte. Diese Erwiderung habe ich erst gestern Morgen erhalten, und ihr Inhalt hat mich nicht überrascht. Kurz gesagt enthält sie Folgendes: Der Mormonismus hat im Kanton Zürich in letzter Zeit zugenommen. Die damit verbundenen Predigten und Versammlungen haben aufgrund ihrer unsittlichen Tendenzen in einer Ortschaft zum Aufruhr geführt, sodass die Polizei es für nötig befand, den beiden Mormonenpredigern die Erlaubnis, sich in dem Kanton aufzuhalten, zu verweigern. Ferner seien Sie einer dieser Lehrer und hätten sich bisher ohne Erlaubnis in diesem Bezirk aufgehalten und die Weigerung, Ihnen diese Erlaubnis zu erteilen (die nach dem Zürcher Gesetz für Schweizer Bürger ebenso wie für Fremde erforderlich ist und von den Behörden jedermann aus gerechtfertigten Gründen verweigert werden kann) sei der Grund, warum Sie sich beschweren.
Im Schreiben des Bundesrates wird des Weiteren festgestellt, dass die Zürcher Regierung im Hinblick darauf, dass Budge der Sekte der Mormonen angehört und sich selbst der Verbreitung ihrer Lehren hingibt, zu denen auch die Polygamie gehört – eine Sache, die mit dem gesellschaftlichen Leben und dem Familienleben im besagten Kanton unvereinbar ist –, und dass das Predigen dieser Personen zu guter Letzt Unruhe verursacht hat, der Meinung ist, dass die Entscheidung der Polizei in Zürich völlig gerechtfertigt sei.
Der Bundesrat selbst billigt diese Entscheidung der Zürcher Regierung und ist der Ansicht, dass kein Grund für eine weitere Verzögerung besteht, bevor Sie angewiesen werden, den Kanton Zürich zu verlassen. Dieser Beschluss wurde mit der letzten Abendpost nach Zürich übersandt.
Ich stimme mit der allgemeinen Beurteilung der verderblichen Lehren überein, die, wie Sie selbst in Ihrem Brief vom 20. Dezember an mich zugeben, von Ihnen vertreten und verbreitet werden. Im Hinblick darauf, dass ein Schweizer Staatsbürger, der sich in gleicher Weise verhalten würde, genau die gleiche Behandlung erfahren würde, sehe ich mich nicht berechtigt, mich hier als Repräsentant der Königin einzuschalten, um die Ausführung des Befehls der Zürcher Behörden, den Kanton unverzüglich zu verlassen, zu verhindern. Wenn Sie meinem Rat folgen wollen, werden Sie die Anweisung, die Sie erhalten haben, stillschweigend befolgen. Was Ihren weiteren Verbleib angeht, tun Sie gut daran, zu bedenken, dass, wenn Sie weiterhin in der Schweiz bleiben wollen, in anderen Kantonen dieselben Bestimmungen gelten wie in Zürich und dass es, wohin Sie auch gehen, ratsam für Sie sein wird, keine Lehren zu predigen, die, was auch immer Sie selber glauben mögen, von der ganzen zivilisierten Welt als Gotteslästerung im höchsten Grade und als unsittlich verabscheut werden. Ich behalte Ihren Reisepass ein, falls Sie vorhaben, ihn von mir für eine bestimmte Reiseroute, die Sie einzuschlagen gedenken, als gültig abzeichnen zu lassen. Ich werde Ihnen den Pass übersenden, sobald ich über Ihre Absichten in Kenntnis gesetzt worden bin. Hochachtungsvoll,
G. V. R. Gordon
Gesandter Ihrer Britischen Majestät
An Mr. William Budge, Zürich.
Die starke Voreingenommenheit des Botschafters geht aus der Einleitung seines Briefes klar hervor. Es entsteht der Eindruck, dass er überhaupt keinen Antrag in meiner Sache gestellt hätte, wenn er gewusst hätte, dass ich ein «Mormone» bin. Diese Tatsache hätte – vom eigentlichen Sachverhalt abgesehen – genügt, ihn zu veranlassen, seine Pflicht als Beschützer seiner Landsleute und ihrer Interessen zu vernachlässigen. Doch nachdem er die Behörden um Klärung gebeten hatte, hielt er es für richtig, «die Sache ihren Lauf nehmen zu lassen». Das hatte ich mir schon denken können, als ich meinen ersten Brief schrieb. Deswegen hatte ich ja dringend Einspruch erhoben und es unterlassen, religiöse Betrachtungen jedweder Art anzuführen, bis er sich dazu verpflichtete, sich um Gerechtigkeit in meiner Sache zu bemühen.
Die oben zitierte Antwort des Bundesrates enthielt einige falsche Darstellungen, aber ohne sie hätte es keinen Grund und keine Rechtfertigung gegeben, einen Fremden aus einer «freien Republik» auszuweisen. Die Unruhe, auf die man sich bezog, war nichts anderes als die Aktivität des örtlichen Pöbels, die nicht provoziert worden war, und es war nicht unsittlicher, Gläubige für die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage zu taufen als für eine Gemeinschaft der Baptisten. Es war nicht nötig, «den beiden Mormonenpredigern die Erlaubnis, sich in dem Kanton aufzuhalten, zu verweigern», da wir pflichtgemäss unsere Pässe hinterlegt hatten und allen Anforderungen der Behörden nachgekommen waren und daher nicht um eine Erlaubnis baten, die wir ohnehin schon längst bekommen hatten.
Was die Polygamie betrifft, so lehrten wir sie nicht und hatten vor den Behörden bezeugt, dass wir weder die Absicht noch das Recht hätten, das öffentliche Leben im Kanton dadurch zu stören, dass wir dazu aufforderten, unsere Ansichten von der Ehe zu praktizieren, selbst wenn wir dazu imstande gewesen wären. Es traf zu, dass der «Mormonismus» zunahm und im gleichen Verhältnis auch der Zorn der Pfarrer. Da etwas unternommen werden musste, um sie zufrieden zu stellen, trafen die Regierenden eine ungerechte Entscheidung, die von einem engstirnigen britischen Diplomaten mitgetragen wurde.
Ein oder zwei Tage nachdem ich den Brief des Botschafters erhalten hatte, wurde ich zur Polizei geladen und erhielt die endgültige Anordnung, den Kanton innerhalb von drei Tagen zu verlassen, oder ich würde eingesperrt werden.
Nun war ich schliesslich genötigt, Zürich zu verlassen, und all unsere Freunde waren voll Trauer ob der Tatsache, dass die Behörden fest entschlossen waren, uns aus dem Land zu jagen. Ich hatte mein Studium bei jeder passenden Gelegenheit fortgesetzt und war nun in der Lage, die Heiligen mit grösserer Freiheit zu belehren, und seit Elder Mayers Abreise war die Verantwortung für die Arbeit in diesem Teil der Mission auf mich übergegangen. Ich hatte ein tiefes und anhaltendes Interesse am Wohlergehen der Heiligen, und ich suchte die Hilfe des Herrn, um fähig zu sein, sie in den Dingen zu unterweisen, die unter den gegebenen Umständen am nötigsten waren, denn wir hatten alle das Gefühl, dass ich wahrscheinlich bald abreisen müsste. Ich hielt es für sehr wichtig, die Arbeit in der deutschsprachigen Schweiz fortzusetzen, und beschloss deshalb, nicht weiter als unbedingt notwendig fortzugehen.
Am 16. Januar 1855 verliess ich Zürich in Richtung Schaffhausen, wo ich am nächsten Tag ankam, nachdem ich einen Teil des Weges zu Fuss zurückgelegt hatte. Ich hatte von einer Schwester eine Empfehlung an eine Familie in diesem Ort mitbekommen. Ich wandte mich an die Familie und wurde freundlich aufgenommen, doch war es notwendig, dass ich die Erlaubnis erhielt, bei meinen Freunden zu wohnen. Ich ging deshalb zum Polizeirevier und erklärte, dass sich mein Pass in den Händen des Botschafters befand, jedoch bald bei mir eintreffen würde. Sie sagten mir verbindlich zu, dass ich eine Nacht ohne den Pass in der Stadt bleiben könne. Am zweiten Tag nach meiner Ankunft wurde ich zur Polizei geladen und verhört. Ich musste dem Botschafter telegrafieren, der erwiderte, dass der Pass unterwegs sei, was mich wahrscheinlich im Augenblick davor bewahrte, hinter Schloss und Riegel gebracht zu werden.
Mein Pass kam am 20. bei mir an. Ich ging zur Polizei und legte ihn vor, wurde gründlich verhört und kam zu dem Schluss, dass in diesem Ort nicht genug Freiheit herrschte, um das Evangelium zu lehren. Schaffhausen liegt nahe der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland, was die aussergewöhnliche Strenge seiner Vorschriften erklärt. Ich hoffte, etwas Gutes zu bewirken, als die Nachbarn meine Unterkunft weiterhin besuchten, um den «Engländer» zu sehen, sich mit ihm zu unterhalten und ihre Pfeife zu rauchen. Im Gespräch konnten wir uns hören, doch war es mitunter schwierig, sich durch den Qualm zu sehen, wenn mehrere Leute anwesend waren.
In der Nähe dieser Stadt liegt der schöne Rheinfall, der in aller Welt bekannt ist. Ich füge hier eine Beschreibung dieser schönen Wasserfälle aus einem kürzlich veröffentlichten Werk ein:
«Die Wasserfälle des Rheins nahe Schaffhausen gehören zu den grössten in Europa. Obwohl sie im Vergleich mit beispielsweise den Niagarafällen ein Nichts sind, sind sie doch imposant und schön. Kurz nachdem man die hübsche Stadt Schaffhausen passiert hat, wird der Rhein schneller und drängt auf etwa drei Meilen, beengt durch bewaldete Hügel und niedrige Felsen, vorwärts. Diese Felsen im Engpass zwischen Dachsen und Neuhausen teilen den Fluss in drei Läufe, die ungefähr 25 Meter in die Tiefe stürzen. Die Fälle bieten ein beeindruckendes Schauspiel, das von beiden Ufern zu beobachten ist, wo jede erdenkliche Vorbereitung getroffen wurde, dass Besucher sich an dem Anblick erfreuen können.
Ein besonders schöner Anblick der Fälle bietet sich im Garten des Schlosses in Laufen am linken Ufer des Flusses. Es befindet sich direkt gegenüber dem Schweizerhof, von wo aus Besucher für einen halben Franken den Fluss mit einer Fähre überqueren können. Das Land ist Privateigentum einer Familie, doch gibt es eine Übereinkunft mit dem Kanton Zürich, die es Fremden erlaubt, das Schloss und das Gelände für einen Eintrittspreis von einem Franken zu besichtigen. Ein Balkon aus Holz ragt über das tosende Wasser hinaus. Die Fälle sind hier 27 Meter tief. Von hier aus kann man die Teilung des Wassers in drei Fälle sehr gut sehen. Die grösste Wassermenge fällt in den Monaten Juni und Juli. Auch wenn der Wasserfall, einer der schönsten Europas, kein Niagara ist, übertrifft die Landschaft ganz allgemein die Umgebung der Niagarafälle. Die Alpenkette einschliesslich des Mont Blanc, der 185 Meilen entfernt liegt, ist von hier aus sichtbar, und allein schon aus diesem Grund würde es sich lohnen, dem Ort einen Besuch abzustatten.»
Nachdem ich einige Tage ohne erkennbare Ergebnisse in Schaffhausen geblieben war, ging ich nach Weingarten und sprach bei einem Bruder Bonelli vor, von dem ich gehört hatte. Ich wurde von der Familie sehr freundlich aufgenommen. Dieser Bruder ging mit meinem Pass zur örtlichen Behörde und war überrascht, als der dortige Amtsinhaber ihn ausführlich befragte und erklärte, ich sei ein «Mormone». Der Staatsdiener schimpfte mit Bruder Bonelli, weil er mich beherbergte, sandte aber schliesslich doch ein Bewilligungsschreiben, dass es mir erlaubte, in dessen Haus zu wohnen, und behielt meinen Pass ein.
In Weingarten pflegte ich für einige Tage Umgang mit Heiligen und Fremden, bis ich ziemlich unerwartet vor den Statthalter zitiert wurde, wo ich meinen Pass erhielt und eine Mitteilung, dass ich den Kanton Thurgau in zwei Tagen zu verlassen hätte. Die Anweisung des Statthalters enthielt keinerlei Gründe dafür. Er sagte mir jedoch, der Grund dafür sei, dass ich ein «Mormone» bin. Die erklärte Politik der Kantone war, die Ältesten aus dem Land zu vertreiben, und die Entscheidung der Bundesregierung in meinem Fall, als ich aus Zürich verbannt wurde, bestärkte sie darin. Die Zeitungen veröffentlichten jede Regung der Behörden, und da alle Fremden verpflichtet waren, ihren Pass beim nächsten Amt zu hinterlegen, damit es ihnen gestatte wurde, dort wo sie sich niederlassen oder für einige Zeit unterkommen wollten, auch zu bleiben, war es unmöglich, lange unentdeckt zu bleiben. In irgendeinem Haus ohne rechtliche Zustimmung unterzukommen – vorausgesetzt, dass die Familie dazu bereit war –, setzte diese einer Strafe oder der Inhaftierung aus, was nicht wünschenswert war. Ich ging auf alle Umstände und Wahrscheinlichkeiten ein, wenn ich meinen himmlischen Vater im Gebet anflehte, er möge mich in meinen Bemühungen, in der Schweiz zu bleiben, führen, bis seine Diener mit den Anstrengungen, die unternommen worden waren, seine Kirche aufzurichten und die Menschen zu warnen, zufrieden sein konnten. Es stimmte zwar, dass Präsident Tyler mir die Verantwortung überlassen hatte, was ich tun sollte, aber ich war noch nicht zufrieden und entschloss mich schliesslich, in ein kleines Dorf am Zürichsee zurückzukehren, wo eine treue Familie der Heiligen wohnte, und wo ich für einige Zeit unentdeckt bleiben könnte – abgesehen natürlich von der Familie, in die ich grosses Vertrauen setzte. Die Frage war, wie ich dort hinkommen sollte. Als mir mein Pass ausgehändigt wurde, fragte man mich wie gewöhnlich, wohin ich gehen wolle. Ich antwortete: «Nach St. Gallen.» Das war zu der Zeit meine Absicht, was dementsprechend in meinem Pass vermerkt wurde. Bei näherem Nachdenken schien es mir fast sicher, dass mein Vorhaben in St. Gallen bekannt sein würde, bevor ich überhaupt selbst dort ankommen konnte. Nach Küsnacht zu gehen, dem Dorf am See, das fast in entgegengesetzter Richtung von St. Gallen lag, wäre wahrscheinlich verhängnisvoll für meine Freiheit gewesen, sollte mein Pass überprüft werden. Mein erster Marsch von Weingarten hin zu meinem Zufluchtsort würde mich ausserdem in den Kanton Zürich führen, aus dem ich bereits zweimal ausgewiesen worden war. Wenn ich aber eine Nacht auf meiner Reise sicher verbringen könnte, durfte ich stark hoffen, die Strecke unentdeckt bewältigen zu können.
Am Nachmittag des 14. Februar verliess ich Bruder Bonellis Haus mit Bedauern, denn unsere Arbeit war erfolgreich und die Aussichten waren ermutigend. Es regnete den ganzen Tag und der Boden war aufgeweicht. Daher beschloss ich, während der Nacht in einem kleinen Ort namens Elgg zu bleiben. Es war Abend. Ich ging in ein Hotel, das anständig aussah, und traf Vereinbarungen für Abendessen und Unterkunft. Die Leute waren zuvorkommend. Um mir Unannehmlichkeiten zu ersparen, entschloss ich mich jedoch, nicht mehr Deutsch zu sprechen als die paar Worte, die jeder Reisende in wenigen Tagen aufschnappen sollte. Nachdem ich meine Kleider, die vom Regen durchnässt waren, etwas getrocknet hatte, setzte ich mich zum Abendessen nieder. Im Laufe des Abends gingen und kamen Männer, so wie es in solchen Orten auf dem europäischen Festland üblich ist. Sie kommen, um sich mit ihren Nachbarn zu unterhalten, die Zeitung zu lesen, zu rauchen und Bier zu trinken. Ich bemerkte einen Herrn, der an dem Tisch mir gegenüber sass. Er hatte schon seit einiger Zeit dort gesessen, doch waren wir nicht ins Gespräch gekommen. Der Mann sagte schliesslich zum Kellner – natürlich auf Deutsch –: «Sie haben einen Fremden hier.»
«Ja,» erwiderte der Kellner, «einen Engländer. Aber er spricht kein Deutsch.»
Das war zu meiner Zufriedenheit, und ich fuhr mit meinem Abendessen fort. Der Mann schaute jedoch gleich anschliessend zu mir herüber und sagte auf Deutsch: «Sie sind Engländer, nehme ich an?»
«Ein Engländer», sagte ich und wollte die Unterhaltung eigentlich abbrechen, als er mich zu meinem Erstaunen in recht gutem Englisch ansprach. Nachdem er mehrere Fragen gestellt hatte, die zu einem angenehmen Gespräch führten, teilte er mir mit, dass er der höchste Beamte des Dorfes sei, und verlangte dann, ihm meinen Pass zu zeigen, den ich ihm augenblicklich aushändigte. Da ich ihn aber in dem Moment dazu beglückwünschte, wie leicht und fliessend er Englisch spreche (was ihn zu freuen schien), bemerkte er wohl nicht, dass ich entsprechend dem letzten Eintrag in dem Dokument auf dem Weg nach St. Gallen hätte sein sollen. Mein Freund gab mir den Pass gutmütig zurück, gab sein Einverständnis zu erkennen und sagte, dass mein Aufenthalt in dem Hotel für die Nacht in Ordnung sei.
Ich war am nächsten Morgen früh auf und nahm mein Frühstück ein. Es regnete aber so heftig, dass ich für ein, zwei Stunden in der Herberge festsass. An diesem Tag kam ich auf meinem Weg durch Winterthur, erreichte Zürich wie beabsichtigt gerade bei Einbruch der Dunkelheit und schlug mich dann weiter nach Küsnacht durch. Insgesamt hatte ich 27 Meilen zurückgelegt, doch es war schwer voranzukommen, denn die Strassen waren schlecht und der Schnee war an vielen Stellen über 45 Zentimeter tief. Der herzliche Empfang, den mir Bruder und Schwester Elleker und ihre Familie bereiteten, erfüllte mich mit Dankbarkeit Gott und ihnen gegenüber. Ich konnte ihre Pflege gebrauchen, da ich völlig erschöpft war. Bei dieser vortrefflichen Familie blieb ich bis zum 8. März in strengster Abgeschiedenheit, ausser wenn uns ab und zu ein Bruder aus Zürich besuchte. Die Ellekers webten Seidenbänder und hatten natürlich hin und wieder Kundschaft. Mein Zimmer lag im oberen Stockwerk, aber es war einsam. Die Räume konnten nicht beheizt werden, weshalb ich, so oft ich mich sicher fühlte, nach unten ins Wohnzimmer ging. Dabei gelang es mir einige Male nur knapp, einer Entdeckung zu entgehen, denn ich musste, um in mein Zimmer zu gelangen, einen Gang benutzen, der von der Eingangstür aus eingesehen werden konnte. Es ist ein sehr schwieriges Unterfangen, sich in einem Land wie diesem verborgen zu halten, denn Fremde fallen sofort auf. Wäre das Misstrauen der Nachbarn einmal geweckt worden, so wären meine Stunden in Freiheit gezählt gewesen und meine Beschützer in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Wie es in vielen Häusern in der Schweiz üblich ist, wurde auch Bruder Ellekers Wohnzimmer von einem Ofen gewärmt, der aus der Wand hervorstand, wobei sich die Luke des Ofens in einem anderen Raum befand. Der Vorsprung war wahrscheinlich nicht kleiner als 1,7 mal 1,3 Meter und reichte in der Höhe vom Boden bis etwa 40 Zentimeter unter die Decke. Dieser Vorsprung war an den Seiten und am Ende mit Kacheln verkleidet. Die Hitze, die er ausstrahlte, machte diesen Ofen bei kaltem Wetter zu einem begehrenswerten Platz, um sich anzulehnen. Unter anderem trocknen die Leute auf der flachen Oberseite des Ofens Zichorien, bevor diese gemahlen und als Kaffeeersatz verwendet werden. In Bruder Ellekers Haus war eine Seite des Ofens nahe der Hauswand und bot genug Platz für einige schmale Stufen, die nach oben auf den Ofen führten. Diese Stufen waren mein liebster Ruheplatz, denn wenn ich ein oder zwei Stufen hinaufstieg, konnte ich nicht gesehen werden, es sei denn, dass ein Besucher ganz in den Raum hineingekommen wäre. Wenn das doch einmal geschah, oder die Gefahr bestand, dass es dazu kommen würde, stieg ich auf den Ofen hinauf, wo ich durch einen Vorhang, der den Zwischenraum zwischen der Oberseite des Ofens und der Zimmerdecke verhüllte, vollständig verborgen war. Eines Tages kam eine Nachbarin herein, deren Bewegungen mir verdächtig erschienen, und ich kletterte nach oben. Zufällig war dieser Platz völlig mit kleinen, ziemlich trockenen und natürlich sehr harten Zichorienstückchen bedeckt. Es blieb keine Zeit, um an Bequemlichkeit zu denken und ich befand mich schnell mit Händen und Knien auf den scharfen Kanten der getrockneten Wurzeln. Zu meiner Bestürzung sah ich unter dem Vorhang hindurch, wie sich die Frau gemächlich an die Wand des Ofens lehnte. Sie können sich meinen Zustand vorstellen, denn die Hitze war drückend und die Zichorien fühlten sich jeden Moment härter an. Schwester Elleker tat ihr Bestes, um die Nachbarin loszuwerden, ohne sie zum Gehen aufzufordern. Als sie endlich Erfolg hatte, kam ich die Stufen herab und fand das Ganze überhaupt nicht komisch.
Kurz nachdem ich bei Bruder Elleker eingetroffen war, nahm ich Verbindung zu einigen der führenden Brüder in Zürich auf. Gelegentlich kam der eine oder der andere zu Besuch zu mir. Die Entfernung betrug nur fünf oder sechs Meilen. Ich nutzte jede Gelegenheit, um sie in ihren Aufgaben zu unterweisen. Ausserdem hielt ich Präsident Tyler gelegentlich über meinen Aufenthaltsort und meine Verfassung auf dem Laufenden.
Am 8. März erhielt ich ein Telegramm von Präsident Tyler, der mich in Genf zu sehen wünschte, wozu ich mich sofort bereitmachte. Ich war etwas unruhig geworden, denn die Besuche der Brüder fielen, obwohl mit grosser Vorsicht unternommen, bei den Nachbarn auf. Ich war sicher, dass ich das Werk zu dieser Zeit nicht wesentlich voranbringen konnte, nicht genug, um das Risiko, dem ich und andere ständig ausgesetzt waren, zu rechtfertigen. Ich und andere Älteste waren in allen deutschsprachigen protestantischen Kantonen gewesen, bis auf zwei oder drei, die zu besuchen wir nicht ermächtigt waren, da dort starke Vorurteile herrschten und sie sich nur dem Namen nach von der Bigotterie und Bitterkeit des Katholizismus unterschieden, und wir waren aus allen, in denen wir uns aufgehalten hatten, ausgewiesen oder dort am Predigen gehindert worden. Während der letzten drei Monate war ich an verschiedenen Orten nicht weniger als dreizehnmal vor die Polizeibehörden geladen worden.
Ich nahm von meinen lieben Freunden aufs herzlichste Abschied und segnete sie für ihre Güte und Rücksichtnahme, die sie mir entgegengebracht hatten. Innerhalb weniger Tage war ich mit meinen Brüdern in Genf wieder vereint.
Bruder Tyler hatte, da sich in der Schweiz keine Möglichkeit eröffnete, in Bezug auf meine künftige Arbeit an Präsident F. D. Richards in Liverpool geschrieben, mit dem Hinweis, dass sich vielleicht eine Gelegenheit böte, die Arbeit in Deutschland zu eröffnen. Diese Korrespondenz ergab aber, dass ich fürs Erste nach England zurückkehren sollte.
Ich blieb bis zum 20. April 1855 in Genf, weil ich eine kleine Gruppe italienischer Heiliger erwartete, die ich auf ihrem Weg in die Täler Utahs von Lyon nach Liverpool bringen sollte, doch wurde ihre Ankunft durch äussere Umstände verhindert. Dann reiste ich über Dijon und Paris nach England, wo ich ordnungsgemäss nach einer Abwesenheit von sieben Monaten eintraf.
Mit Rücksichtnahme auf die Gefühle des Schweizervolks möchte ich mitteilen, dass die Politik der Regierung und die Gesinnung der Leute eine grosse Wandlung zugunsten der Freiheit erfahren haben. 1876 wurde Elder J. U. Stucki, der damals Präsident der Missionen in der Schweiz und in Deutschland war, wegen bestimmter Aussagen über Polygamie, die er in einem von ihm veröffentlichten Traktat zu Papier gebracht hatte, vor einen Bezirksrichter geladen. Er wurde verurteilt, 50 Franken Strafe zu zahlen, und die Beschlagnahmung des Buches wurde angeordnet. Elder Stucki wandte sich an das oberste Gericht des Kantons (Bern), welches das Urteil der niedrigeren Instanz bestätigte. Da die Entscheidung der Richter nicht einstimmig war, fühlte sich Bruder Stucki ermutigt, den Fall vor das oberste Bundesgericht zu bringen, welches die zwei früheren Gerichtsentscheide aufhob – ein Ergebnis, das zu vielen Nachfragen von Fremden und neuem Wachstum der Kirche führte.
Ich kam im Jahre 1879 wieder in die Schweiz und besuchte Schaffhausen, Weinfelden, Zürich, Bern und viele andere Orte, wo ich an vielen öffentlichen Versammlungen teilnahm, ohne jemals einen Pass vorzeigen zu müssen, obwohl ich einen solchen bei mir hatte.
Als Antwort auf einen Antrag zur Unterdrückung des «Mormonismus» im Berner Oberland (dem Bezirk, aus dem Elder Secrist 1854 ausgewiesen worden war) haben die Behörden innerhalb der letzten Wochen bekannt gegeben, dass die Heiligen der Letzten Tage prinzipiell dasselbe Recht haben, ihre Lehren zu verkünden, wie jede andere religiöse Gemeinschaft.
Anhang der Chronik
Kapitel Chronik
175 Jahrfeier
Historische Plätze
Mount Brigham (1850)
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175 Jahrfeier
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Historische Plätze
Mount Brigham (1850)
Tempel Zollikofen (1955)