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Anhang

Verhältnis Lehrer-Kinder

Die Verhältnisse zwischen dem Lehrer und den Kindern

„Der Stern“, 1. Oktober 1912.

Vorlesung von Schwester Anna Vollenweider, anlässlich der Sonntagschul-Konvention in Zürich

Treten wir in ein Treibhaus, so werden wir da kleine unscheinbare Sprösslinge, dort heranwachsende Pflanzen und weiter weg die ausgewachsenen herrlichsten Blumen sehen. Unwillkürlich müssen wir auf den Gedanken kommen, wie ist es möglich, aus einem solch unscheinbaren Wesen, eine so bewunderungswürdige Pflanze hervorzubringen. Und wir kommen zu dem Entschlusse, dass nicht das Samenkorn allein imstande ist, diese Schönheiten hervorzubringen, sondern dass es auch noch einen guten Boden oder das Treibhaus, sowie auch gewisse Wärme oder den Strahl der Sonne und vor allem aber einen geübten Gärtner braucht, der das Leben und die Verhältnisse einer jeden Blume kennt und sie genau studiert und sie zu pflegen weiss, um ihre innen angeborene Schönheit zu bewahren und womöglich zu vermehren.

Betrachten wir einmal das Wachstum der Rose, die vielleicht jeden Tag mit der grössten Sorgfalt gepflegt wird. Sie wird vor allem imstande sein, gute starke Wurzeln zu bilden, um dem sich nach und nach herrlich entwickelnden Stamm die nötige Nahrung zuzuführen, um zuletzt die herrlichste wohlriechende Blume hervorzubringen, die uns mit ihrem Erscheinen das ganze Leben verschönert. Wir sehen aber daneben eine ihrer Namensgenossin, die vielleicht auf ganz unrichtige Art gepflegt wird, eben weil der Gärtner ihre Lebensart nicht studiert und kennen gelernt, indem er kein Interesse an der Arbeit hatte. Können wir das gleiche verlangen, wie bei der andern? Ich glaube nicht. Es wird höchstens ein Gesträuch daraus entstehen, das an Stelle der starken Wurzel, nur unvollkommene kleine Fasern bildet, die nicht vermögen, den natürlichen Stamm zu bilden, und deshalb nur viele vereinzelte Zweige hervorbringen. Auch die Blumen werden sich voneinander unterscheiden, indem die letztere nicht so schön und voll auswachsen wird und deshalb wird auch der Geruch ein schwacher sein; ja er wird sich sogar mit der Zeit ganz verlieren. Was wird mit dem Ganzen geschehen? Man wird es höchstenfalls an solchen Orten weiter wachsen lassen, wo es nicht den Platz für eines nützlicheren einnimmt oder statt jedes andern Gesträuches verwendet werden kann.

Kindergarten der Gemeinde Basel, aufgenommen im September 1925.
Zur Verfügung gestellt von Martha Grob, Wetzikon.

Um das richtige zu treffen, wird es gut sein, wenn wir die Sonntagschule mit dem Treibhaus, den Lehrer mit dem Gärtner und das Schönste und Reinste, nämlich die Kinder, mit den herrlichsten Blumen vergleichen. Wie viel mehr Verantwortung wird auf einem Lehrer als auf einem Gärtner liegen, wenn er es versäumt, die guten Eigenschaften oder Samenkörner dieser kleinen und unschuldigen Kinder kennen zu lernen und zu würdigen, sodass sie zu natürlichen Wurzeln ihrer zukünftigen starken Charakter heranwachsen können, um mit dem schönen Stamme eines Rosenbaumes verglichen zu werden, der allen Versuchungen und Verblendungen dieser Welt widerstehen kann, und einmal, früher oder später, als eine herrliche, vollausgewachsene Rose dastehen, die durch gute Taten und einen reinen Lebenswandel wie den Geruch einer Rose ihre Mitmenschen erfreut.

Aber um ein solches Wesen entwickeln zu können, ist es die Aufgabe eines jeden Lehrers, die Verhältnisse, in denen das Kind lebt, zu lernen und zu studieren. Es ist gleich einem Gärtner, der in seinem Treibhaus die verschiedensten Pflanzen besitzt; die einen sind an ein wärmeres Klima gewöhnt, als die andern; andere wieder verlangen mehr Licht usw. Wenn wir die verschiedensten Verhältnisse unserer Kinder betrachten, werden wir sie oft bemitleiden, sie in solchen Umständen zu sehen und froh sein, dass sie sich ihrer Lage nicht bewusst sind. Haben wir nicht Beispiele genug, wo es oftmals die Zeit der Mutter nicht erlaubt, ihren Kindern liebevoll entgegenzukommen; und was wird aus einem solchen Wesen werden, wenn es nicht in die Sonntagsschule gehen kann, um wieder ein freundliches Wort zu empfangen, denn das sollte ein jeder Lehrer haben. Es sollte keiner zufrieden sein, bis er alle, seine ihm anvertrauten Kinder kennt und weiss, was für ein jedes gut ist und was es bedarf, um das gegenseitige Zutrauen zu erwecken. Um dieses auf eine leichtere Art auszuführen, ist jedem geraten, ein bis zweimal wenigstens im Monat die Namensliste der Klasse durchzusehen und die verschiedenen Namen und Charakter der Kinder der Klasse kennen zu lernen und probieren, für den kommenden Sonntag etwas Passendes für sie herauszufinden. Auch ist es gut, wenn der Lehrer sie zu Hause mit einem Besuche überrascht und er wird vielleicht diese und jene besser kennen lernen und darnach belehren können.

Aber vor allem sollte der Lehrer durch ein gutes Vorbild im Stande sein, die Kinder zu belehren. Es wird ihm nicht erlaubt sein, ihnen etwas zu verbieten oder zu tadeln, das er selber nicht verstehen oder halten kann. Auch sollte er seine Gedanken immer so leiten können, dass sie jedem Kinde anpassen und in Harmonie mit den ihrigen sind und im wahren Sinne für sie eine Quelle der Weisheit und Erkenntnis bilden, um für sie die besten und passendsten Belehrungen zu empfangen. Dadurch wird sich das Zutrauen in Liebe verwandeln und erst dann wird es ihm möglich sein, die Tugenden und Eigenschaften Gottes in den Kindern zu erwecken. Zu denen gehören besonders Liebe, Freundlichkeit, Reinheit, Aufrichtigkeit usw. Liebe hat ein jeder Lehrer, das zeigt schon dieses Amt, aber er kann sie vermehren in der genauen Erfüllung seiner Pflichten. Durch dieses wird er Einfluss auf die Kinder haben und das Beste zu tun bestrebt sein. Desgleichen ist es mit der Freundlichkeit. Wird er durch sein freundliches Betragen imstande sein, die Kinder nachzuziehen, so wird es für ihn nicht mehr nötig sein, sie zu erziehen. Wird ein Lehrer sich bestreben, sein Möglichstes zu tun, um den Kindern auf einen guten Charakter zu helfen, werden sie den grössten Segen davon tragen.

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